Adel Tawil: «Ich wollte aufhören Musik zu machen»

Interview: Adel Tawil
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© Pressebild Universal Music

Nach dreieinhalb Jahren warten, erschien Mitte April das lang ersehnte zweite Studioalbum von Adel Tawil. Eigentlich wollte sich der 38-jährige Singer-Songwriter noch vor der Veröffentlichung von «So schön anders» mit Bäckstage zum Interview treffen, doch wegen eines Infekts musste er das Treffen verschieben. Schliesslich hat es aber doch noch geklappt. Im Interview sprach Adel Tawil offen darüber, weswegen er Angst vor dem Einsamsein hat, warum der Weg zum zweiten Album steinig war und wie die Chancen für ein Comeback von Ich + Ich stehen.

 

Dreieinhalb Jahre sind seit deinem Debütalbum vergangen. Die meisten Songs hast du 2015 auf Hawaii geschrieben und zum Teil auch dort aufgenommen. Wie kam es dazu?

Mein bester Kumpel Marlo ist vor ein paar Jahren nach Hawaii auf Big Island gezogen und lebt jetzt dort mit seiner Familie. Ich hatte mich kurz zuvor von meiner Ex-Ehefrau getrennt, mein Privatleben war gross in den Medien – ich musste einfach aus dem ganzen Schlamassel raus. Darum bin ich dann nach Hawaii, um zur Ruhe zu kommen. Eigentlich wollte ich nur für drei Wochen rüber, am Schluss wurden dann aber drei Monate daraus.

 

Bei der Arbeit an deinem zweiten Album hattest du eine Schreibblockade und um die loszuwerden musstest du schliesslich bis nach Hawaii …

Stimmt. Das war das erste Mal überhaupt, dass mir das passiert ist. Ich hatte davor noch nie eine Schreibblockade. Ich war am Punkt angekommen, an dem ich aufhören wollte, Musik zu machen. Wenn es keinen Spass mehr macht, für was dann noch weitermachen?

 

Die letzten Jahre waren für dich ziemlich turbulent: Scheidung, neue Beziehung und dann ein Unfall letzten Sommer, bei dem du dir einen Halswirbel gebrochen hast. Wie geht es dir heute?

Mittlerweile geht es mir wieder gut. Aber das war schon eine ziemlich doofe Aktion und ein echter Schockmoment für meine Familie und meine Freunde. Ich bin in den Pool reingesprungen und dem Kopf gegen die Wand geknallt. Dabei habe ich mir den Halswirbel viermal gebrochen. Ich hatte Riesenglück – keine Rückenmarksverletzungen oder so, sonst wär ich jetzt wohl im Rollstuhl oder tot. Nach fast einem halben Jahr bin ich inzwischen auch die Halskrause los. 

 

 Das Lied würde ich heute nicht mehr so schreiben.

 

Als du den Unfall hattest, war dein Album noch im Entstehen. Du bist dem Tod nochmal ebenso von der Schippe gesprungen. Was für einen Einfluss hatte der Unfall auf dein Leben und die Arbeit am Album?

Das Ganze hat mich auf jeden Fall geprägt. Ich will nichts mehr machen, worauf ich keine Lust habe, nur um es allen recht zu machen. Ich hatte ursprünglich etwa 25 Songs geschrieben, 20 davon haben es dann auf das Album geschafft. Der Unfall hat auch die Songauswahl für mein neues Album beeinflusst. «Bis hier und noch weiter» hatte ich erst nach dem Unfall geschrieben. «Ich bin wie ich bin» und «Bis hier und noch weiter» und auch die Ballade «Bei dir» sind drei Songs, die ich ursprünglich nicht für das Album geplant hatte, dann aber doch unbedingt drauf haben wollte. 

 

«So schön anders» ist unglaublich emotionsgeladen. Eine Achterbahnfahrt zwischen Liebe und Schmerz, Optimismus und Schwermut. Wie viel Privatleben steckt in deinen Songs?

Jedes Lied muss irgendwie auch mit meinem Leben zu tun haben. Ich kann keine Lieder singen mit denen ich mich nicht auch identifizieren kann. Die meisten Songs habe ich für das Album geschrieben, zum Teil auch mit Marlo zusammen, der auch für Marteria schreibt. Marlo und ich, wir sind ein Herz und eine Seele. Er kennt mich sehr gut und schafft es darum auch, Sachen aus mir rauszulocken. Ich lasse gerne einen privaten Einblick durch meine Musik zu, würde aber ungern Leute einfach so in meine Wohnung lassen.

 

Auch wenn du selbst dein Privatleben aus der Öffentlichkeit halten willst, wurde deine Trennung von Jasmin Tawil zum medialen Rosenkrieg …

Leider. Meine Scheidung wurde in jeglichen Boulevardmedien thematisiert. Ich habe damals sogar eine Doppelseite in der Gala bekommen – in dieser unsittlichen Zeitschrift. Hätten die das mal jetzt gemacht. Jetzt wäre meine Platte wenigstens draussen. Auch den Unfall letztes Jahr hatte ich auf Teufel komm raus versucht nicht publik zu machen. Ich lag damals im Bett, durfte mich nicht bewegen und wusste vor allem auch nicht, wie es weitergeht. Deswegen wollte ich über den Vorfall schweigen, aber irgendwie ist auch das schlussendlich rausgekommen.

 

Welches Lied ist deiner Ansicht nach das intimste auf deiner neuen Platte?

Ohne Frage «Mein Leben ohne mich». Eigentlich ist das Lied sogar einen Ticken zu privat. In «Mein Leben ohne mich» steckt auch unglaublich viel Wut. Aber Wut ist unfair und deswegen ist es auch das Lied, das ich eigentlich gar nicht auf der Platte haben wollte. Es ist ein ungerechtes Lied, aber es zeigt auch, wie schwach ich in dem Moment war. Das Lied würde ich heute nicht mehr so schreiben. Zum einen sehen ich es heute nicht mehr so und zum anderen ist im Song nicht nur meine Ex-Frau sondern auch ich gemeint. Jedes Du auf dem Album ist auch ein Ich. Weil das Lied in meinem Umfeld aber so gut ankam, habe ich mich dann doch dazu entschieden den Song auf der Platte zu lassen.

 

Ich bin nicht der Typ, der gerne alleine ist.

 

Deine Ex-Frau hat in einem Interview nach der Trennung gesagt, dass sie sich wünscht, dass ihr irgendwann wieder Freunde sein könnt …

Ich glaube, da muss schon noch etwas passieren, aber wir verstehen uns gut. Und ich freu mich für sie – sie geht ihren Weg. 

 

Du bist seit mittlerweile zwei Jahren wieder in einer Beziehung …

Ich bin nicht der Typ, der gerne alleine ist. Ich bin der Ansicht, wenn du keinen Zeugen hast für das Erlebte, dann ist es, als wäre es nie passiert. Wenn man es mit niemandem teilen kann, dann ist es nur die halbe Freude. Ich bin schon auch gerne mal allein, verbringe Zeit mit meinem Hund oder gehe gerne mal für ein paar Tage alleine auf Reisen. Aber alleine sein ist das eine, einsam sein ist was anderes.

 

Deine zweite Single «Ist da jemand» ist ein Wechselbad der Gefühle zwischen der Angst alleine zu sein und dem durchblitzenden Optimismus, dass es doch wieder jemanden geben wird …

Das Lied habe ich direkt nach der Trennung geschrieben. Wenn du dich nach einer langen Beziehung trennst und du eigentlich gemeinsame Pläne hattest, dann bist du am Punkt, wo du dir denkst, so etwas nie wieder zu haben. Anfangs hiess es nur «Ist da jemand». Das war mir irgendwie immer zu negativ, vor allem weil ich eigentlich ein positiver Mensch bin und daran glaube, dass es auch wieder bergauf geht. Und so war es ja auch. Wir haben dann die erste Version mit der neuen kombiniert und so kam es zum Happy End für «Ist da jemand». Und auch wenn ich vielleicht nicht mehr suche, kann ich nach wie vor voll und ganz hinter dem Lied stehen.

 

Im Musikvideo «Ist da jemand» spielt deine Hundedame Jackie Brown mit. Welche Rolle spielt sie in deinem Leben?

Jackie ist eine treue Seele, sie war die letzten neun Jahre immer an meiner Seite – auch während der Trennung damals. Sie hat so viel miterlebt und so viel gesehen. Ich find es schön, Neues zu erleben und mein Leben zu teilen, aber irgendwie fängt man ja auch wieder bei Null an. Aber Jackie ist die, die mich am besten kennt. Ich bin einfach froh sie an meiner Seite zu haben.

 

 

Selbst wenn ich irgendwann kein Geld mehr mit meiner Musik verdiene, werde ich damit weitermachen.

 

Vor 15 Jahren hast du Annette Humpe kennengelernt und mit ihr Ich + Ich gegründet. Im Herbst 2010 habt ihr dann bekannt gegeben, dass ihr eine kreative Pause einlegen wollt …

Der Übergang zu Adel Tawil war nahtlos. Annette Humpe hat an meinem ersten Album noch voll mitgearbeitet. Ich + Ich war einfach das grösste Geschenk. Dass zwei Menschen, die so schön anders sind, sich treffen und es so unglaublich gut passt, das passiert, wenn du Glück hast, nur einmal im Leben. Ob es aber ein neues Album von Ich + Ich gibt, wage ich zu bezweifeln. Andererseits, wenn wir zusammen sind und einen richtig coolen Beat hören, ertappe ich Annette manchmal dabei, dass sie sagt, wenn wir ein viertes Album machen, dann müsste es genau so klingen.

 

Nach dem Erfolg von deinem Debütalbum «Lieder», wie gross war der Erfolgsdruck bei Album Nummer 2?

Kein Vergleich zum Ersten. Lieder war das, was mich fertig gemacht. Damals habe ich das nicht zugegeben. Ich + Ich, das war so gross. Annette Humpe und ich waren ein super Team. Wir waren einfach «So schön anders». Sie war so schön anders als ich. Wir waren komplett gegensätzlich und trotzdem haben wir uns einfach geliebt. Deswegen hatte ich mit meinem ersten Soloalbum echt zu kämpfen. Ich habe nichts von Aussen zugelassen: mein Album, ich entscheide, ich produziere und niemand redet mir rein. Ich wollte immer, dass meine erstes Album eines ist, das ich in 20 Jahren meinen Kindern zeigen und sagen kann, kuck mal, das hat Papa gemacht.

 

Und wie war es dann bei «So schön anders»?

Ich war bei der Produktion des neuen Albums überhaupt nicht auf Erfolg aus. Mein Anspruch an mich war zwar hoch, aber Druck von Aussen habe ich überhaupt nicht zugelassen. Dieses Mal habe ich die Produktion auch komplett abgegeben. Klar gab es im Studio mal Reibereien, aber ich war viel entspannter und lockerer drauf. Ich habe einfach auf mein Herz gehört und daran geglaubt, dass alles gut kommt.

 

Wie wichtig ist dir der Erfolg als Musiker generell?

Es wär gelogen, wenn ich sagen würde, Erfolg wäre nicht wichtig. Ich mache Musik nicht für mein stilles Kämmerlein. Natürlich ist es schön, wenn man auf die Bühne kommt und da Leute sind, die deine Songs mitsingen. Wenn deine Musik den Leuten etwas bedeutet, du mit den Songs die Menschen in ihrem Leben begleitet und du dem eine oder andern mit den Songs auch über eine schwierige Zeit hinweghilfst, das ist mein grösstes Ziel. Menschen auf diese Art zu berühren, ist ein unglaubliches Gefühl. Aber in erster Linie mache ich Musik für mein Herz und für mich, das singe ich auch in «Ich bin wie ich bin»: «Fällt der Strom aus spiel ich Klavier». Selbst wenn ich irgendwann kein Geld mehr mit meiner Musik verdiene, werde ich damit weitermachen.

 

Adel Tawil - «Ist da jemand»

 

Adel Tawil gibt am 1. November ein Konzert in der Halle 622 in Zürich.

 

Dominique Rais / Do, 08. Jun 2017