Bruce Springsteen zelebriert «The River» im Letzigrund.

Konzertkritik: Bruce Springsteen in Zürich
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Bäckstage / © Patrick Holenstein

Ein Konzert von Bruce Springsteen ist für den Fan, der sich im Schaffen des Sänger aus New Jersey auskennt, ein doppelschneidiges Vergnügen. Einerseits weiss man nie, was man bekommt, weil bei Springsteen die Songauswahl stark variiert, und andererseits ist es genau dieser Faktor ein Grund, weshalb langjährige Fans an die Konzert Springsteens gehen, sogar aus dem Ausland anreisen wie eine Gruppe aus Italien, die sich im Letzigrund im Golden Circle auf den Boss freut. Diese Ambivalenz lässt sich mühelos am Zürcher Konzert ablesen. 

 

Wer an ein Konzert von Springsteen geht, will die Kracher hören, will «Born in the USA» oder «Born to Run» zelebrieren und damit eine gute Zeit haben. Das weiss Springsteen und meist sind diese Klassiker folgerichtig im Set. Aber es sind nicht diese Songs, die ein Konzert herausragend machen, nicht bei Springsteen. Hier spielt plötzlich die Subjektivität des Hörers mit und ein «I’m on Fire» oder «Glory Days», ja gar das äusserst seltene «Streets of Philadelphia» hätten meine Wunschsetlist angeführt. Aber das Philosophieren über diesen Punkt ist so müssig wie amüsant und Springsteen hat in Zürich das Fanherz so oder so verwöhnt. Er hat gleich eine Handvoll Songs ausgepackt, die man sehr selten zu hören bekommt. Das herrlich folkig inszenierte «Atlantic City» beispielsweise oder das grossartige, dreckige «Murder Incorporated», sogar «Marys Place» kam zur seltenen Aufführung. Der Fan seufzt zufrieden und Springsteen und die E-Street-Band hauen nochmals nach, spielen in Zürich mit «None but the brave» oder «Roll the dice» gleich noch mehrere Tourpremieren. Wundervoll. 

 

Sticks und Handschlag 

 

Bruce Springsteen ist aber vor allem der Mann für das Volk, der Star ohne Allüren, der gerne auf Tuchfühlung geht. So bahnt er sich mitten im Konzert einen Weg durch die Menge, bis er bei einem Podium angekommen ist, dass extra im Wellenbrecher aufgebaut wurde, damit er nahe bei den Fans sein kann. Es ist ein besonderer Moment der Nähe, eine Minute der Verbundenheit. Während der gesamten Show erfüllt er ausserdem immer wieder Wünsche, die auf Kartonstücken in die Luft gehalten werden wie die bereits erwähnten Tourpremieren. Bei «Waiting on a sunny day» darf ein Junge auf die Bühne und mitsingen. Obwohl das Springsteen hin und wieder bei diesem Song macht, funktioniert es. Dass der Junge dann zwar singt, aber dann lieber die Sticks des Schlagzeugers abstaubt und danach den schmunzelnden Springsteen mit Handschlag verabschiedet, erzeugt eine amüsante Authentizität. 

 

Bilder: © Patrick Holenstein für Bäckstage

 

Bei der aktuellen Tour ist die Platte «The River» eigentlich namensgebend und soll zum 25-jährigen Jubiläum im Zentrum stehen. Aber Springsteen hat aber im Laufe der Tour irgendwann angefangen, die CD nur noch nach Lust und Laune komplett zu spielen, sondern sie als Basis zu nutzen. So sind in Zürich nur circa 6 Songs von «The River» im Set. Ein Highlight ist dabei «The River» selbst, mit der Mundharmonika als roten Faden entfaltet der Song im Letzigrund eine intensive Wirkung, lässt das sehr gut gefüllt Stadion zum persönlichen Wohnzimmer werden und geht durch Mark und Bein. Der Song zählt nicht umsonst zu den bekannteren Springsteen-Songs.  

 

Schweizer Fahne im Flutlicht 

 

Dafür, dass «The River» live so einfährt, ist nicht zuletzt die E-Street-Band verantwortlich. Die eingeschworene Truppe ist so gut eingespielt, dass sich die Musiker mühelos gegenseitig tragen. Sie sind präzise aufeinander eingespielt und laufen wir ein Uhrwerk. Trotzdem zeigt die Band Ecken und Kanten und wenn sich Springsteen wahlweise mit Steven Van Zandt oder Jake Clemons - er ist nach dem Tod seines Onkels Clarence Clemons als Gastmusiker am Saxofon zur Band gestossen - duellieren oder instrumental necken, sind das Momente im Set, die für Szenenapplaus sorgen. Das Publikum feiert die Musiker, die man ruhig als legendär bezeichnen darf, euphorisch, lässt aber in ruhigen Momenten die richtige Prise, nennen wir es Respekt, aufblitzen. Man sagt ja so schön geflügelt, dass jede Band das Publikum bekommt, dass sie verdient. Jenes von Bruce Springsteen ist anspruchsvoll, aber auch anständig. 

 

Wenn Springsteen und die E-Street-Band nach weit über drei Stunden die Bühne verlassen, wirken die stilsichere Songauswahl und die Band, die vor Leidenschaft sprüht und musikalisch zaubert, noch lange nach und sogar die Schweizer Fahne auf dem Bühnenaufbau flackert zufrieden im Flutlicht. 

 

Springsteen steht für Qualität, auch noch nach Jahrzehnten. Die Songauswahl ist subjektiv. Keine Frage. In Zürich hat sie hervorragend gepasst. Bis zum nächsten Mal, Boss.  

 

Patrick Holenstein / Mo, 01. Aug 2016