Was für ein Tag bei Elbow in Brüssel

«bäckstage auf Achse»: Elbow in Brüssel

Die Stadt ist das politische Zentrum Europas. Hier wird über die Geschicke der EU und deren 500 Millionen Einwohnern entschieden - Griechenland hätte in dem Moment, in dem wir die dekadenten Prachtbauten bestaunt haben, ein trauriges Lied davon singen können - und auch die Schweiz trägt hier regelmässig harte Fights um die bilateralen Verträge aus. Brüssel ist aber auch die Stadt von Schokolade und Bier sowie prickelndem Eistee. Daneben ist die belgische Hauptstadt Heimat von «Manneken Pis» dem wohl bekanntesten kleinen Jungen der Welt, der frech auf die Straße pinkelt, und beherbergt den königlichen Sitz des Landes. Am Horizont sind gelegentlich die metallisch blitzenden Kugeln des  «Atomium» zu sehen, neben dem kleinen Männlein das Wahrzeichen Brüssels und nicht zu vergessen natürlich die verschiedenen gotischen Kirchen, die das restliche Stadtbild bestimmen. So weit die 08/15-Tourismus-Postkartenmotive.

 

Auch uns führte der erste Auslandstrip von Bäckstage schnurstracks in den wallonischen Teil Belgiens. Denn in Brüssel steht ebenfalls das «Forest National» und genau jenes 8000 Menschen fassende Rund war das Ziel der Reise. Nun ja, es war für uns der einzig mögliche Termin der laufenden Europatournee einer Band, die man – das wage ich jetzt frech zu behaupten – gesehen haben muss! Also ab in den Flieger und zu Elbow.

Es gibt Bands, bei denen erntet man nur ratlose Blicke, wenn man von ihnen erzählt. So eine Band haben wir uns für den Auftakt von «Bäckstage auf Achse» ausgesucht. Absicht war das natürlich keineswegs, sondern eher persönliches Interesse. Hobby und Beruf verbinden quasi. Und Elbow sowie ein mit 16 Grad wunderbar milder Samstag im November sorgten für wunderbare, bleibende Erinnerungen.

 

Bild: Carola Denzel

 

«Throw Those Curtains Wide One Day Like This A Year See Me Right», singt Guy Garvey im Refrain der letzten Zugabe eines grandiosen Konzertes. Wenn man den knuddelig wirkenden Engländer gefragt hätte, wann er letztmals einen perfekten Tag erlebt habe, dann hätte der Tag des Konzertes wohl gute Chancen auf eine Nennung gehabt. Jedenfalls wirkte er aufgestellt und wurde nicht müde, das Publikum zu loben. Klar, solche Floskeln gehören zum Standard, sowieso, wenn ein Konzert der Tourauftakt ist. Aber Guy, dem Engländer, der sein Bier selbst braut, glaubt man das. Man will, man muss sogar, denn Aufrichtigkeit ist quasi das Geheimnis von Elbow. Seit zwanzig Jahren existiert die Band und genauso lange ziehen sie ihr Ding konsequent durch, schreiben wahnsinnig clevere Songs, bauen zeitlose Melodien auf und verblüffen mit einfachsten Mitteln. Beispielsweise der Übergang bei «Grounds For Divorce», welches sich um den Tod eines Freundes dreht, der das Stück in den zweiten Akt führt. Überhaupt ist bei Elbow ein wunderschönes Attribut, dass sie das Schwelgen erlauben, gar ermöglichen, sich zwei Stunden in einer Welt aus grandiosen Melodien von der harten Realität zu erholen.

 

Ein Abend für die Ewigkeit, das lässt sich absolut unpathetisch festhalten.

 

 

 

Elbow treffen ins Herz und berühren die Menschen. Schön zu erkennen an den häufig feucht glänzenden Augen am Konzert in Brüssel. So begeistern Elbow mit grosszügigem Einsatz eines vierköpfigen Streicher-Ensembles und viel Abwechslung die Brüsseler nicht nur, sondern bringen sie förmlich aus dem Häuschen. Die Band aus Manchester trifft absolut die perfekte Mischung aus im positivsten Sinne kitschigen Balladen wie «Mirrorball» und etwas raueren Stücken wie «Neat Little Row». Songs wie «Weather To Fly», «The Bones Of You» oder «Open Arms» werden Zeile für Zeile von der gesamten Halle mitgesungen und frenetisch gefeiert. Es war ja zu erwarten, dass der Grossteil der Halle sich schon im Vorfeld mit Elbow vertraut gemacht hatte, aber die Stimmung im «Forest National» kann schlicht als grossartig bezeichnet werden. Genau wie die Soundeinstellung und die Band. Elbow spielen in Brüssel ein extrem stimmiges Konzert, wie es leider absolut nicht selbstverständlich ist. Und als es bei den ersten Streichern von «One Day Like This» schliesslich kein Halten mehr gibt, kein Sitz mehr besetzt ist und 16'000 Hände in der Luft sind, hätte nicht deutlicher sein können, dass selbst die schönsten Dinge ein Ende finden müssen, denn Steigerungspotenzial wäre hier definitiv nicht mehr vorhanden gewesen. Ein Abend für die Ewigkeit, das lässt sich absolut unpathetisch festhalten.

 

Erschöpft, todmüde, aber unglaublich glücklich, erfüllt von Musik, traten wir in die milde Brüsseler Nacht und machten uns auf die Suche nach einem Taxi, das uns zurück in die Realität brachte. Wenn sich die «Bäckstage auf Achse» -Serie so weiter entwickelt, wird das ein Reihe, die aus lauter musikalischen Highlights besteht. Wir freuen uns.

Mehr über Elbow findet ihr auf ihrer Homepage.

 

Bildquellen: Manneken Pis by Carola Denzel

                  Elbow Presse Bild von Universal

Patrick Holenstein / Fr, 11. Nov 2011