Von der Couch in die ganze Welt

Test: Das Online-Kino von trigon-film
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Logo trigon-film sowie Filmstills

Das Medium Film verlagert sich im Heimmarkt zusehend ins Internet. Dieser Trend ist in Zeiten von Streaming kaum mehr aufzuhalten. Das ist auch gar nicht schlimm, nur ist naturgemäss das Angebot an kommerziellen Grossprojekten grösser. Denn logischerweise will man als Filmstudio mit möglichst wenig Aufwand jene erreichen, die nicht ins Kino gehen. Natürlich findet sich immer wieder ein kleiner Arthouse-Film im Angebot, meist Insidertipps, um die man gar nicht herumkommt, und im Mystery- bzw. Horrorgenre sind auf den diversen Plattformen immer wieder kleine, aber bemerkenswerte Filme zu finden, die sich durchaus lohnen. Aber der weltweite Filmkosmos, die leidenschaftliche Arbeit für das Medium in Ländern, die auf der Landkarte des Filmschaffens nur schwach leuchten, geht dabei fast unter. Wer gerne Filme aus Südamerika, Asien, Afrika oder auch nur schon aus den skandinavischen oder baltischen Ländern mag, schaut meist in die Röhre. Dagegen tut trigon-film etwas und bringt das Arthouse-Kino in die Wohnzimmer. Trigon-film ist eine nicht gewinnorientierte Schweizer Stiftung mit dem Zweck zur Förderung des Filmschaffens im Süden und im Osten. Darum ist die Idee für ein Online-Kino entstanden, um eben diese Ziele über den Kinosaal hinaus zu fördern und die Möglichkeit zu bieten, die Filme zuhause anzuschauen. Das Online-Kino bietet via Streaming die Möglichkeit, Filme in Originalton und mit Untertiteln zu schauen – bequem vom Sofa aus.

 

Filmperlen aus der ganzen Welt 

 

Bäckstage konnte das Portal testen. Der Eindruck ist sehr positiv. Da sind poetische Perlen dabei, wie etwa die filmische Liebeserklärung an die indische Metropole Bombay, «Bombay Dairies» – übrigens eine der allerersten Kritiken auf unserer Webseite. Oder «As I Open My Eyes» aus Ägypten, in dem eine junge Frau sich gegen die patriarchalische Gesellschaft auflehnt: Ohne Scheu vor Konsequenzen macht sie im Kampf für ihre Freiheit politischen Indie-Rock, bis sie merkt, dass ihre Lebensweise direkte Auswirkungen auf sie und ihr Umfeld hat. Aber es sind auch amüsante Filme dabei, beispielsweise die kroatische Liebesgeschichte «Love Island», in der die Routine eines Pärchens von der ehemaligen Liebhaberin der Frau gebrochen wird. Alles am Meer und in den Ferien; auf der Liebesinsel eben. Was aber wie ein schlechter 70er-Softporno klingt, ist nie seicht oder billig, sondern bei aller Vorhersehbarkeit auch überraschend. Sehr beeindruckt hat ebenfalls der Dokumentarfilm «Pizza Bethlehem», der von einer Mädchen-Fussballmannschaft in Bern-Bethlehem erzählt und zeigt, dass Ethnien untergeordnet sind und der Spielspass und die Freundschaft viel wichtiger sind – auch wenn Themen wie Religion oder Rassismus, aber auch Liebe und Teenagersorgen durchaus mitspielen. Der Film ist sehr authentisch, was vor allem an den ehrlich erzählenden jungen Frauen liegt, die beim Projekt mitgemacht haben. Der Film war bei den Solothurner Filmtagen 2010 ein Hit und bekam den «Prix du Public». Diese kleine Auswahl soll für das Angebot von über 100 Filmen stehen. 

 

Das Programm im Online-Kino hat aber noch mehr zu bieten. Viele Festivalhits und Publikumslieblinge, international gefeierte Filme, aber auch Klassiker sind zu finden. Als Beispiel «Rashomon» von Akira Kurosowa. Regelmässig stossen neue Titel dazu und je nach Abo kann man sich nach Herzenslust durch die globale Independent-Filmwelt schauen. Die Filme lassen sich nach getätigter Auswahl während 5 Tagen auf Laptop oder mobilen Endgeräten schauen oder aber, wenn vorhanden, via verschiedener Streaming-Möglichkeiten vom Laptop direkt auf den TV streamen. Ist der Fernseher ans Internet gekoppelt, kann man sogar direkt über den Browser auf das Kino zugreifen. Aufgebaut ist das trigon-Kino als Abonnement-System, das monatlich – bzw. jährlich im Falle von Gönner-Abos – abgeschlossen wird. Dafür kann man monatlich 2 Filme im Abo für 9 Franken, 5 Filme im Abo für 15 Franken und unbeschränkt Filme im Gönner-Abo für 240 Franken jährlich auswählen. Da monatliche Bezahlung verfügbar ist, kann das Abo jederzeit gekündigt werden.

 

Das trigon-Kino ist eine Art Mischrechnung aus bisher bekannten Angeboten. Man zahlt zwar monatlich, kann jedoch nicht wie bei Netflix oder ähnlichen Anbietern ins Blaue hinein schauen, denn ist ein Film gewählt und gestartet, wird er (bei Monats-Abos) vom Monatsguthaben abgebucht. Es verhält sich daher wie in einer Videothek: Auswahl sorgfältig treffen. Wobei man bei der Filmwahl grundsätzlich immer am eigenen Geschmack vorbei zielen kann. Das hat aber den wunderbaren Vorteil, dass man sich als interessierter Cineast durch das Angebot klickt und so Filme entdeckt, die vielleicht nie ans persönliche Tageslicht gekommen wären. Als Ergänzung bzw. Alternative zum Medienkonsum ist das trigon-Kino für 9 Franken bei zwei Filmen im Monat sehr fair. Zusätzlich wird bei der Auswahl Wert auf Qualität gelegt und noch ein weiteres Ziel anvisiert: Die Förderung des weltweiten Filmschaffens. 

 

Förderung des Filmschaffens im Fokus 

 

Es ist oft so, dass das Programm in den Kinos wöchentlich wechselt und daher kleinere Produktionen, die nicht immense Werbebudgets haben, schnell verschwinden. Da bietet das Online-Kino eine hervorragende Lösung und gibt sehenswerten Filmen eine Hochglanz-Heimat, natürlich sofern das Filmmaterial das erlaubt. Aber trigon-film geht noch einen Schritt weiter und will das weltweite Filmschaffen, gerade im Arthouse-Bereich, durch das Online-Kino zusätzlich fördern. «Trigon-film sorgt mit seiner Arbeit dafür, dass wir Filme aus Süd und Ost in den Schweizer Kinos zu sehen bekommen und auch im Online-Kino sowie auf DVD. Dafür bezahlen wir weltweit Filmrechte an die Autorinnen und Autoren der Filme und sorgen mit dieser Entlohnung auch dafür, dass neue Filme von jenen Filmschaffenden gemacht werden können», erklärt uns Meret Ruggle von trigon-film auf Anfrage. Da Bäckstage, seit es das Magazin gibt, mit trigon-film arbeitet, können wir das zu 100% unterstreichen. Film steht bei Trigon im Fokus. Die Einnahmen aus den Abos des Online-Kinos gehen dann auch zu grossen Teilen wieder an die Filmschaffenden. So haben alle etwas davon: Die Konsumenten erhalten die Möglichkeit, leidenschaftliches Kino aus fernen Ländern zu sehen und stellen durch die Unterstützung der Macherinnen und Macher sicher, dass weitere Filme folgen werden. 

 

Das Projekt sei gut gestartet, heisst es von trigon-film. Zwar gibt es noch keine genauen Zahlen, aber besonders freut man sich über das schöne Feedback und dass oft das Förderabo gebucht werde. Somit scheint die Idee zu funktionieren und der soziale Gedanke der Stiftung wird von den Konsumenten getragen. Das Online-Kino wird selbstverständlich laufend ausgebaut. 

 

 

Das Online-Kino von trigon-film ist jene Ergänzung für filminteressierte Menschen, die sich für mal herzliche und mal tieftraurige, mal politische und mal abgründige Filme aus der ganzen Welt begeistern. Dazu fördert man direkt noch das schillernde weltweite Arthouse-Kino. Eine wunderbare Idee.

 

* Das Online-Kino von trigon-films findet ihr hier: Fenster zur Filmwelt

 

Patrick Holenstein / So, 25. Jun 2017