Die allerhöchste Musikliga: Sigur Rós in der Samsung Hall

Konzertkritik: Sigur Ros in der Samsung Hall
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Bäckstage / © Patrick Holenstein

Die Konzert-Location, die brandneue Samsung Hall in Zürich, hat es den Konzertbesuchern von Sigur Rós an diesem Mittwoch Abend nicht gerade leicht gemacht. Nicht nur musste man mit unverhältnismässig langen Wartezeiten beim Einlass, beim Getränke holen oder bei der Rucksack-Abgabe rechnen, es gab in der einzigen Bar in der Halle auch schon vor Konzertbeginn kein Bier mehr. Diese eine Bar war auch derart hell beleuchtet, dass es die ganze Zeit von hinten und seitlich in den Konzertraum reinleuchtete, was wirklich störend war, vor allem bei einem so sphärischen und lichtintensiven Konzert wie das von Sigur Rós. Bei den Notausgängen in der Halle standen Security, deren Funkgeräte so laut eingestellt waren, dass man 20 Meter davon entfernt noch alles laut und deutlich verstehen konnte, was durchgesagt wurde. Man sollte eigentlich meinen, dass nach fast einem Jahr Betrieb solche «Kinderkrankheiten» langsam eliminiert sein sollten.

 

An Perfektion nicht zu übertreffen

 

Gott sei Dank haben diese Tatsachen den Konzertgenuss nur teilweise getrübt. Nicht nur liess die Sound- und Lichtanlage keine Wünsche offen, auch die Band selber zeigte einmal mehr, was ein musikalisches Gesamtkunstwerk ist. Nur zu dritt lieferten die isländischen Jungs eine Show ab, die an Perfektion nicht zu übertreffen war. Die Setlist bestand aus einem wohl gewählten Querschnitt durch ihr ganzes Schaffen und war dramaturgisch äusserst geschickt angeordnet. Der dadurch entstandene Spannungsbogen wurde nur leider jäh unterbrochen durch eine von der Band gewünschten Pause in der Mitte des Konzerts, welche einige Konzertbesucher etwas irritierte. Hier fehlte von der Konzertlocation eine Information, dass überhaupt eine Pause stattfindet. Die Befürchtung liegt nahe, dass einige Besucher deshalb sogar bereits den Heimweg angetreten hatten, in der Annahme, das Konzert wäre bereits beendet gewesen. Wieso hier eine Pause stattgefunden hatte, würde einen natürlich brennend interessieren, denn eine besonders anstrengende Bühnenshow lieferten die noch jungen Musiker nicht ab.

 

Foto: Bäckstage / © Patrick Holenstein

 

Was Sigur Rós an diesem Abend boten, hat wohl weder eingefleischte Fans noch Neulinge enttäuscht. Es ist immer wieder eine Freude, diese Naturgewalt, bei der jeder Handgriff und jeder Ton wie angesossen sitzt, live zu erleben. Nicht nur ist der schlaksige Frontmann Jónsi Birgisson, mit einem Bogen auf der Gitarre spielend, stets ein eindrücklicher und überaus ästhetischer Anblick, auch die Lichtshow im Zusammenspiel mit der Musik ist das absolute Nonplusultra. Von einer unbekannten isländischen Band, die sich mit Glockenspiel und Triangel in die Herzen der Fans gespielt haben, sind Sigur Rós über die Jahre hinweg in die allerhöchste Musikliga aufgestiegen und verteidigen ihre Spitzenposition mit eiserner Disziplin.

 

Wer das Konzert von Sigur Rós noch aus einem anderen Blickwinkel erleben möchte, kann das mit der Kritik von Gastblogger Robin Schwarz bei Negative White tun. Dieser erlaubte sich die These, die Isländer als schlechte Liveband zu betiteln. Obwohl die Argumentation durchaus nachzuvollziehen ist, muss man halt doch auch sehen, was für ein riesiger technischer Aufwand auch dieses sogenannte «Playback-Singen» ist und dass ihre Musik höchste Konzentration erfordert, warum man es den Bandmitgliedern auch nachsehen muss, dass sie nicht freudig über die Bühne springen oder eine grosse Show an den Tag legen. Gerade dieses verschrobene und wenig interagierende Auftreten hat Sigur Rós auch zu etwas ganz Speziellem gemacht, und man erinnert sich nur noch vage an ein Konzert im Volkshaus Zürich vor vielen, vielen Jahren im Rahmen der «Med Sud I Eyrum Vid Spilum Endalaust»-Tour, als die Band mit einer grossen Besetzung auf der Bühne stand, grinsend auf Trommeln rumschlug und fröhlich zu ihrer Musik rumhüpfte – ein beinahe verstörender Anblick. Auch eine zu starke Einseitigkeit in der sich nicht wechselnden Setlist zu kritisieren, finde ich bei dieser Band eher problematisch. Schliesslich kann man ihre Konzerte nicht als normal betrachten, sind es doch ganze Gesamtkunstwerke. Jeder Song fügt sich nahtlos an den nächsten an, es werden Geschichten erzählt und pure Perfektion dargeboten. Ihre Songs kann man nicht einfach beliebig mit anderen austauschen, es würde das ganze Gefüge zusammenbrechen lassen. Trotzdem sind die Ansätze dieser Kritik äusserst lesenswert und mutig, stösst man damit doch eigentlich beinahe sämtliche Kritiker der Welt vor den Kopf.

 

Nichtsdestotrotz, geniale Musik, weniger optimale Location, aber alles in allem einmal mehr ein wunderbares Konzert der Isländer.

 

Natascha Kiefer / So, 22. Okt 2017