Noah spielt mit KI

Noah Veraguth spielte Solo in Rubigen.
Bildquelle: 
Handyfoto Tanja Lipak

 

Ende letzten Jahres spielten Pegasus ihr Abschiedskonzert. Doch Frontsänger Noah Veraguth hat noch lange nicht genug vom Musikerdasein, weshalb er nun eine Solo-Konzertreihe lanciert hat. Im Rahmen dieser spielte er letzte Woche vier Nächte nacheinander in der Mühle Hunziken. Wir waren beim zweiten Konzert live dabei und berichten nachfolgend darüber.

 

Der Andrang war gross. Bereits zur Türöffnung um 18:30 Uhr waren die besten Plätze in der kleinen, aber feinen Mühle Hunziken besetzt. Das Publikum war im Schnitt 10 bis 20 Jahre älter als Noah (Jahrgang 1987). Eine überraschende Tatsache, da die Pegasus-Fans doch jünger einzustufen waren. 

 

Pünktlich um 20 Uhr betrat Noah Veraguth die Bühne. Die Szenerie erinnerte ein wenig an das Wohnzimmer eines Musikers: Diverse Instrumente, Stühle und Bücher prägten das Bühnenbild. Mitten darin stand der etwas kindsköpfig wirkende Noah mit Baseballkappe, weißem T-Shirt und einer Sommerhose. Nicht ins Bild und zum Outfit passten die schwarzen Anzugsschuhe. Dies sollte jedoch nicht die einzige Dissonanz dieses Abends bleiben. 

 

Noah eröffnete sein Konzert am Keyboard, fügte aber nach und nach immer mehr Instrumente per Playback hinzu. Schade, denn eigentlich wären er, seine Stimme, seine Präsenz und eine Gitarre mehr als ausreichend gewesen. Doch vielleicht ist der Sprung vom Frontsänger zum Solosänger auch für einen Noah heftiger als erwartet. So kehrte er an diesem Abend immer wieder zu bekannten Pegasus-Evergreens zurück. Hier und da gab es aber auch neue Songs. Songs, die zum Stil der Band nicht gepasst hätten und die er nun – da das Band-Korsett abgelegt wurde – spielen darf, wie er an diesem Abend verriet. Einige der Songs sind gut und machen Lust auf mehr, während andere abschrecken. Zur letzteren Kategorie zählen insbesondere zwei Songs. Einer ist an seine zukünftige Tochter gerichtet (die es so nicht gibt oder je gab), der andere wurde mit KI unterstützt. Und hier zeigte sich Noahs größte Herausforderung: Wofür möchte er als Solokünstler stehen?

 

Denn jede:r Künstler:in hat seine Themen, Interessen und Kämpfe, die in Songs verarbeitet werden. Das fehlt Noah aktuell. Als er über den Einsatz von KI in der Musikbranche zu sprechen begann, hörte man ihm aufmerksam zu. Man sank aber unmittelbar danach enttäuscht zusammen, als Noah dies als Einleitung dazu nutzte, einen zu Teilen KI-generierten Song zu spielen. Stimmen von Lady Gaga, Bob Marley und Ed Sheeran ergänzten Noahs Gesang. In Zeiten, in denen andere Branchen, wie die Filmbranche, mit Streiks und Auflagen antworten, rutscht Noah Veraguth in einen rechtlich heiklen Abgrund. 

 

Dem Publikum war all dies an diesem Abend aber völlig egal. Es sang alle Töne und Wörter mit. Schliesslich wollte es nur unterhalten werden und nicht an einer kritischen Debatte mitwirken. Dies wurde leider auch schnell klar. In diesem Sinne lieferte Noah Veraguth souverän ab. Entertainment im kleinen, aber feinen Format. Eskapismus aus der Weltpolitik, dem Technologieboom und generellen gesellschaftlichen Themen schien das Motto zu sein. Zwar wurde die geopolitische Situation angesprochen, aber nur, um zu veranschaulichen, wie schwer und mühsam die Reise nach Japan aktuell ist. Quasi eine typische „Forst World Problem”-Diskussion. Schade. Das Talent besitzt Noah Veraguth nach wie vor. Dazu hat er eine immense Bühnenpräsenz. Einzig seine Ausrichtung, seine Themen und sein künstlerisches Streben müssen noch ausgearbeitet werden.

Tanja Lipak / Di, 02. Jun 2026