Das Erfolgsrezept der Baloise Session

Baloise Session: Stil, Charme und viel Musik
James Blunt / Baloise Session 2014
Bildquelle: 
www.baloisesession.ch

Vergangenen Dienstag ging in Basel die «Baloise Session» zu Ende. Das Indoor-Musikfestival, früher bekannt unter dem Namen «Avo Session», ist ein Kleinod unter all den vielen Festivals, welche jährlich hierzulande Musikliebhaber zu begeistern versuchen. Mit viel Stil, Charme und einem hochkarätigen Programm lockt die Baloise Session nach Basel – und während rundherum die Basler Herbstmesse aufgeregt blinkt und nach gebrannten Mandeln duftet, erwartet die Session-Besucher eine gediegene Konzert-Atmosphäre mit Clubtischen und Kerzenlicht.

 

In diesem Jahr haben 16’720 Gäste den Weg an die Baloise Session gefunden, das entspricht einer Auslastung von 94% – und das über zwölf verschiedene Konzertabende, wohlgemerkt. Da stellt sich die berechtigte Frage: Was macht denn die Session so erfolgreich? Und für alle Daheimgebliebenen, die jetzt das nagende Gefühl nicht loswerden, etwas richtig Gutes verpasst zu haben: Weshalb muss der eingefleischte Musikfan nächstes Jahr unbedingt einmal (oder zwei- oder gar dreimal) nach Basel pilgern? Eine Analyse.

 

Die Atmosphäre

 

Es gibt Sommerfestivals mit Wetterkapriolen von Sonne satt bis Sturmregen. Es gibt Clubkonzerte mit einem klebrig-verschwitzen, aber intimen Wohnzimmergefühl. Es gibt Stadionshows mit viel Licht, Sound und Effekten. Und es gibt die Baloise Session. Einzigartig mit ihrer lauschigen Clubatmosphäre, mit den Kerzen auf den Tischen, mit viel Stil und mit dem Gefühl, an einem Stück Kultur teilzuhaben.

 

Das Publikum

 

Die Auswahl der Künstler an der Baloise Session zielt nicht auf ein jugendliches Publikum ab. Sie zieht Musikliebhaber und Kulturinteressierte mittleren Alters an, teils gar in Anzug und Krawatte, sicher aber grösstenteils in eleganter(er) Abendgarderobe. Ein Publikum, das gerne sitzt an einem Konzert – oder eben doch nicht. Und genau das ist das wunderbare am Publikum der Session: Wenn es in den Beinen juckt und zuckt, dann verlassen die kühlen Manager und gestressten Businessfrauen ihren Stuhl und tanzen sich vor der Bühne die Last des Alltags von den Schultern. Und wenn ein Charmeur wie James Blunt aufspielt, dann rennen die Damen nach vorne, als wären sie Teenager am Konzert einer Boyband – ein wunderbares Bild, weil die Konventionen und die Regeln der Gesellschaft für einmal vergessen sind und nur der Spass an der Musik zählt. Und ganz wichtig: Wer ein Konzert geniessen möchte, ohne permanent in den Handybildschirm der Menschen vor ihm starren zu müssen, der gehe an die Baloise Session. Selten werden heutzutage so wenige Handys in der Luft gesehen an einem Konzert. Eine absolute Wohltat.

 

Die Organisation

 

Die Baloise Session ist top organisiert. Die Gäste werden freundlich begrüsst, zu den Plätzen geleitet, der Besucher fühlt sich aufgehoben. Beim Einlass zum Konzert von Beth Hart und The bianca Story (die für den kranken Morrissey eingesprungen sind) ist man sogar freundlich auf den Umstand, dass es einen LineUp-Wechsel gegeben hat, hingewiesen worden – und dass man das Ticket noch zurückgeben dürfe, wenn man wolle. Doch nicht nur das, auch kulinarisch wird der Gast versorgt: Essen, Trinken, ein Päckchen Chips zum Knabbern auf jedem Tisch, alles da. Ein Prosecco, ein Glas Wein, ein Cocktail oder doch lieber ein Wasser? Lange Anstehen muss man dafür nicht. Es fehlt an gar nichts. Und es gibt sogar ausreichend Toiletten für die Frauen.

 

 

Die Künstler

 

Natürlich, das A und O eines tollen Festivals ist das LineUp – und hier überzeugen die Organisatoren der Baloise Session jedes Jahr mit ausgefallenen Ideen. Hochkarätige Acts wie James Blunt, Amy MacDonald oder Foreigner geben sich die Klinke in die Hand mit hiesigen Acts wie Pegasus oder James Gruntz. Jeder Konzertabend steht unter einem speziellen Motto, manchmal gewagt, manchmal gar provokativ, manchmal lauschig und nett, aber immer perfekt inszeniert. Und oftmals sind die Künstler-Paare so gewählt, dass der Konzertgänger neben einer Grösse aus dem Musikzirkus einen hierzulande noch unbekannt(er)en Act kennenlernen darf.

 

Die Konzerte

 

Im Vorfeld des Eröffnngskonzerts mit James Blunt und Butterscotch konnte der aufmerksame Zuhörer den Gesprächen des (hauptsächlich) weiblichen Publikums entnehmen, dass man ja wegen dem James Blunt da sei. Doch die Beatboxerin «Butterscotch» aus Sacramento überraschte sie alle. Mit einem fulminanten Auftritt und einem Mundwerk, das sämtliche Orchester dieser Welt alt aussehen lässt, eroberte sie die Herzen im Sturm. Ein grossartiger Auftritt einer aufstrebenden Künstlerin, nach dem man sich fragte, ob James Blunt das denn überhaupt übertreffen könnte. Natürlich konnte er. Und wie. Mit viel Charme und Witz (wäre Blunt nicht Musiker geworden, wäre er bestimmt jetzt Komiker) begeisterte er das Publikum – und schaffte es sogar, sich vom Publikum über die Menge tragen zu lassen. An der Baloise Session mit Clubtischen! Der smarte Brite meinte so auch zu Beginn mit einem Augenzwinkern: «Das ist das zivilisierteste Konzert, an dem ich je gespielt habe … aber lasst euch nicht aufhalten, auf den Tischen herumzutanzen und alles zu zerstören. Der Moment wird kommen, da bin ich sicher!» Butterscotch & James Blunt – ein Konzertabend voller Gegensätze, die perfekt zusammengepasst haben.

 

Eine ganz andere Paarung war der Konzertabend mit Beth Hart und Morrissey unter dem Motto «Characters». Es ist ein Rätsel, weshalb Beth Hart hierzulande noch kaum bekannt ist. Die Blues-Lady hat eine Stimme, die ihresgleichen sucht. Janis Joplin, Amy Winehouse, Aretha Franklin, Etta James – sie vermischt sie alle in ihrem aussergewöhnlich kraftvollen Organ und hat doch ihre ganz eigene Stimmfarbe. Auf der Bühne gibt sie alles, durchlebt gemeinsam mit ihrem Publikum all die Höhen und Tiefen ihres bewegten Lebens. Beth Hart ist echt, so echt wie ein Mensch durch seine Musik nur sein kann. Sie geht durch Mark und Bein. Und wenn sie auf dem Piano die Liebeserklärung an ihren Mann, «My California», anspielt und ihm für seine Liebe dankt, kriegt man Gänsehaut. Nach Beth Hart sprangen die Basler Lokalmatadoren «The bianca Story» für den kranken Morrissey ein – eine schwierige Aufgabe, denn trotz Heimvorteil sind The bianca Story hierzulande noch immer ein Geheimtipp. Dennoch gelang es der Band im Laufe des Abends, das Publikum ein wenig aus der Wohlfühlzone zu locken. Belohnt wurden die Basler Musiker mit einem warmen Applaus und – wahrscheinlich – ein paar Fans mehr.

 

Speziell wurde es in der Nacht der «Rock Legends»: Foreigner und Krokus am selben Abend auf derselben Bühne. Ein Fest für alle Rock-Fans. In einem Saal mit Kerzen und Champagner-Kübeln auf den Tischen. Und wie schon James Blunt mokierte sich nun natürlich auch Foreigner-Sänger Kelly Hansen über die Tische und Stühle im Saal – der «dreckige» Sound und das Rockstar-Klischee der 70er steht im krassen Gegensatz zur geschniegelten Atmosphäre der Baloise Session. Aber so provokativ die Paarung von Hard Rock und Jazzclub-Atmosphäre auch war, so wenige Überraschungen bot der Konzertabend. Hit an Hit hangelten sich Krokus von «Long Stick Goes Boom» zu «Bedside Radio» und zum Abschluss ihrem Cover von «Mighty Quinn». Auch Foreigner geizten nicht: «Cold As Ice» durfte genau so wenig fehlen wie «Urgent» oder «Hot Blooded». Ein rockiger Konzertabend ohne Ecken und Kanten, einwandfreies Rocker-Handwerk, die Erwartungen erfüllt, an den Hits wohlig sattgehört – genau das, was das Publikum sich wohl gewünscht hat. 

 

Es gibt also genügend Gründe, vom 23. Oktober bis zum 12. November 2015 nach Basel zu reisen. Die Baloise Session ist in vielerlei Hinsicht ein kleines Juwel unter den Schweizer Musikfestivals – sei es wegen der Atmosphäre, dem Publikum, der Organisation, der Künstlerauswahl oder der einzelnen Konzertabende. Nächstes Jahr findet die Session zudem zum 30. Mal statt: ein Grund zu feiern. Wir freuen uns jetzt schon.

Claudia Senn / Fr, 14. Nov 2014