Claire Foy: «Ich stelle nicht zu viele Fragen wenn ich reale Personen verkörpere»

Interview mit Claire Foy
Bildquelle: 
Claire Foy als Helen Mcdonald / ©Filmcoopi

 

Im Kino ist Claire Foy aktuell als trauernde Tochter in der gleichnamigen Romanverfilmung «H is for Hawke» zu sehen. Darin spielt sie Professorin Helen Macdonald, welche nach dem Tod ihres Vaters mit der Falknerei beginnt. Wir konnten mit Claire Foy anlässlich des letzjährigen Zurich Film Festivals sprechen.

 

Was war das Überraschendste und Herausforderndste am Film?

Ich hatte keinerlei Erfahrung mit Raubvögeln. Dementsprechend hatte ich grossen Respekt vor der Rolle. Aber das ist Teil der Schauspielerei. Das Eintauchen in eine völlig fremde Welt und das Vorgeben, als sei man mit dieser bestens vertraut. Es ist eine Welt voller Technik. Das war sicher herausfordernd und dementsprechend überraschend. Ich habe es geliebt, die Falken kennenzulernen und ruhige Momente mit ihnen zu teilen. Ich fühle mich privilegiert, diese Erfahrungen gemacht zu haben. 

 

Du spielst einmal mehr eine reale Persönlichkeit. Diesmal war sie aber Teil des Drehs und der gesamten Produktion. Inwiefern hat dies deine Arbeit beeinflusst?

Helen schrieb das Buch und erzählte die Geschichte in einem Audiobuch nach. Ich hatte deshalb während der Vorbereitungen ihre Stimme im Kopf. Die Buchvorlage war sehr aufschlussreich, weshalb ich nicht das Bedürfnis hatte, allzu viele Fragen zu stellen. Die ganze Familie rund um Helen war zudem sehr grosszügig und stellte viele ihrer Kleider zur Verfügung. Auch die Kamera ihres Vaters. Bei früheren Arbeiten, wenn ich reale Persönlichkeiten verkörpert habe, verspürte ich nie das Recht, ihnen allzu viele Fragen zu stellen. Ich hatte immer das Gefühl, so viel Recherche wie möglich betreiben zu müssen. Wenn es noch offene Fragen gab, wandte ich mich an die Regie. Ich würde mich aber nie direkt an die Quelle wenden.

 

Helen bewältigt im Film den Tod des Vaters durch die Falknerei. (Filmbild / ©Filmcoopi)

 

Warum würdest du das nicht tun?

Ich denke, aus Respekt. Hier war für mich der entscheidende Ausgangspunkt, dass Helen ein sehr explizites Buch geschrieben hat, das all ihre Erfahrungen gut vermittelt. Das ist ein grosser Unterschied zu jemandem, der nicht in einem Film verkörpert werden möchte oder der noch nie zuvor in einem Film verkörpert wurde. Du musst als Darstellerin akzeptieren, dass nicht alle Personen jeden Lebensabschnitt oder jede Entscheidung im Detail erklären müssen oder wollen. Oder sie gehen nicht davon aus, dass ihr Leben irgendwann verfilmt wird. Und es ist ihr echtes Leben. Ich habe das Gefühl, dass ich sie schützen muss – vor mir selbst und vor dem Rest der Welt. Den Zuschauern muss immer klar sein, dass es sich um eine Interpretation, eine Fiktionalisierung handelt. Ich bin nur eine Schauspielerin, die eine Rolle spielt. Es ist meine Interpretation ihrer Persönlichkeit, und ich sehe mich nicht im Recht, absolut über ihr Bild zu bestimmen. Ich spiele Helen zu einem ganz bestimmten Zeitpunkt in ihrem Leben. Dies ist nur ein Zeitschnipsel aus ihrem Leben, nur ein Teil ihrer Person, den wir im Film sehen. Helen schrieb das Buch sieben Jahre nach dem Tod ihres Vaters und sagte selbst, dass sie dann wieder ein vollkommen anderer Mensch war als während der Trauerphase. 

 

 

Hast du durch deine Arbeit an diesem Film neue Erkenntnisse zum Trauerprozess gewonnen?

Ich habe gelernt, dass es keinen richtigen oder falschen Weg gibt, zu trauern. Meiner Ansicht nach gibt es kein Rezept, um schneller damit durch zu sein, es zu vermeiden oder es in irgendeiner Form richtig zu machen. Trauer bedeutet, eine grosse seismische Verschiebung durchzumachen. Ich habe tiefen Respekt vor Helen. Und ich habe gelernt, wie wichtig es ist, für Menschen da zu sein. So wie Christina für Helene eine gute Freundin ist. Ich denke, es ist wichtig, gemeinsam zu trauern und sich nicht zu verkriechen oder zu isolieren. Wir alle müssen mit Trauer umgehen, wir alle sterben, wir alle erleben das. Wir können das nicht ignorieren. Hoffentlich befassen wir uns damit und versuchen, den Prozess zu verstehen. Hier kann ein Film wie dieser gut helfen. Trauer ist jedoch für jeden von uns eine vollkommen andere Erfahrung.

 

Helen beginnt in ihrer schwersten Trauerzeit mit der Falknerei. Dadurch zerbricht ihr Leben an anderen Stellen …

Die Beziehung zwischen ihr und dem Falken war stets von Bewunderung geprägt. Sie wollte so sein wie die Falken, die dem Tod durch ihre Jagd täglich begegnen, ihm aber absolut keine Bedeutung schenken. Sie sind vollkommen emotionslos. Helen wollte unempfindlich werden und sich nicht mit dem beschäftigen, was sie durchlebte. Interessanterweise führten die Falken jedoch dazu, dass Helen mehr Leben und Abenteuer erfuhr. Im Buch beschreibt sie einige Tage, in denen alles vibrierte, voller Leben, voller Adrenalin, voller Technicolor. An anderen Tagen gewann die Trauer. Heute gibt Helen zu, dass es keine gute Idee war, sich einen Falken zu beschaffen. Aber meiner Meinung nach tat Helen im Buch und im Film genau das, was sie tun musste, um zu überleben. Sie ist unglaublich mutig. Ich denke, ihre Taten sind mit dem, was sie durchlebte, erklärbar. Natürlich verhielt sie sich ungewöhnlich, warum auch nicht? Ihr Vater starb. Ich verstehe, dass dies zu – von aussen betrachtet – irrationalen Handlungen führt. In anderen Kulturen wird man in einer solchen Situation von der Gemeinschaft umsorgt. Man muss nicht kochen oder gross funktionieren. Du sollst trauern, du sollst dir die Zeit nehmen. Leider wird das in unserer westlichen Kultur anders behandelt.

 

Tanja Lipak / Mo, 27. Jul 2026