Til Schweiger: «Ich kann nicht mehr den Romeo geben»

Interview mit Til Schweiger
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© Fabienne Wild for Zurich Film Festival

Im Rahmen des Zurich Film Festivals erhielt Til Schweiger den Golden Icon Award. Eine gute Chance für Til, sich unseren Fragen zu seinem Werdegang und zu seinem neusten Film «Gott, du kannst ein Arsch sein» zu stellen. Wir erfuhren dabei, welche Beziehung Til zu Gott pflegt, weshalb er beim Worst Film-Klassiker «Troll 2» als Synchronsprecher arbeitete und warum er die Schauspielerei als unkreatives Filmelement betrachtet.

 

Gratulation zum Film.

 

Dankeschön

 

Du spielst einen Pfarrer in «Gott, du kannst ein Arsch sein», dessen Tochter an Krebs erkrankt. Welchen Bezug hast du zum Glauben oder zu Gott?

 

Ich finde den Titel sehr gut, weil er provokant ist. Ich habe gesagt, ich sei nicht gläubig, aber als ich 15 Jahre alt war, ist mein heissgeliebter Kater verschwunden. Wir haben den tagelang gesucht und geschaut, ob er überfahren wurde. Da habe ich jeden Tag zu Gott gebetet «Bitte bring mir meinen Kater zurück». Doch er kam nicht wieder. Da habe ich gedacht, das mit dem Beten bringt nichts. Ich gehöre eher zu den Ungläubigen. Ich glaube zwar schon, dass es sowas gibt wie Geister, in Form von Energien. Ich habe Menschen verloren, die ich immer noch stark um mich herum spüre. An den lieben Gott und den Himmel glaube ich nicht. Ich würde gerne dran glauben und wurde bei «Knocking On Heavens Door» auch immer danach gefragt. Das ist nun ungefähr 25 Jahre her und es ist mir bis jetzt nicht gelungen, aber ich arbeite weiter daran.

 

Du selbst bist Vater von mehreren Töchtern. Löste der Film Ängste aus?

 

Die Angst, die alle Väter und Mütter - die ihre Kinder lieben - haben, ist, dass deine Kinder vor dir gehen müssen. Im Umfeld von meiner Familie ist dies schon mehrfach passiert und es ist definitiv die grösste Angst, die man hat. Man muss sich von der Angst lösen, weil man sonst verrückt wird. In dem Moment, in dem dein Kind geboren wird, hast du zwei grosse Gefühle. Das eine ist unendliche Liebe und im nächsten Moment unendliche Angst. Gleichzeitig. Und das verlierst du dein Leben lang nicht.

 

 

Als ich «Troll 2» synchronisiert habe, habe ich nicht damit gerechnet, dass ich irgendwann mal selber Filme mache.

 

 

Was war für dich ausschlaggebend, um die Rolle im Film zu übernehmen?

 

Das Drehbuch muss mir insgesamt gefallen. Ich gucke eher nach dem Gesamtpaket als nach meiner Rolle. Ich sage immer eine gute Rolle in einem schlechten Drehbuch bringt nicht viel. Lieber eine nicht so gute Rolle in einem guten Drehbuch. Ich fand das Drehbuch sehr schön und es hat mich an «Knocking On Heavens Doors» erinnert. Die Rolle fand ich auch stark genug, dass ich sie spielen wollte.

 

Macht es die Arbeit für dich einfacher oder schwieriger, wenn es eine reale Vorlage gibt?

 

Wenn ich die Chance gehabt hätte, den Vater vorher zu treffen, hätte ich mich dagegen entschieden, weil ich frei sein möchte. Die Figur, die vom Drehbuchautor geschrieben wurde, die möchte ich interpretieren, wie ich denke, dass ich reagieren würde in dem Fall. Ich möchte nicht jemanden imitieren.

 

Der Film führt uns unsere eigene Endlichkeit vor.

 

Ich brauche nicht einen Film, um mir meiner Endlichkeit bewusst zu werden. Je älter man wird, desto bewusster wird man es sich. Vor allem wird man sich bewusst, dass das Leben viel zu schnell vorbeigeht. Jeder stellt dies fest, der älter wird. Jeder Tag, jedes Jahr wird kürzer. Ein Jahr als 12-Jähriger ist sehr lange, aber wenn du älter wirst, wird ein Jahr sehr kurz. Das bin ich mir schon bewusst.

 

 

Vor ein paar Monaten habe ich «Troll 2» im Kino gesehen. Da hattest du eine Synchronrolle, der Film gilt heute als Worst Film-Klassiker. Gestern Abend hast du den Golden Icon Award am Zurich Film Festival entgegengenommen. Wie sehr war alles Glück und wie viel deiner Karriere hast du geplant?

 

Das war damals mein Glück, dass ich in das Synchrongeschäft reingekommen bin. Dadurch hatte ich sehr viel Geld verdient und war nicht abhängig davon im Theater engagiert zu sein. Ich hatte die Freiheit nach einem Jahr Lindenstrasse zu sagen «Ich mache nicht weiter». Es war ein Zwei-Jahres-Vertrag, aber nach einem Jahr war ich so frustriert von den Arbeitsbedingungen und vom Resultat, dass ich nicht weitermachen wollte, obwohl ich kein anderes Engagement hatte, nicht mal eine Agentur. Ich wusste aber, dass ich gut von Synchronarbeiten leben konnte. Ein Erfolgsgeheimnis oder einen Plan hatte ich nie, ich hatte nur Bedenken, ob ich von dem Beruf leben kann. Als ich von der Schauspielschule abgegangen bin, sagte ich mir «So, jetzt bist du 26 Jahre alt, wenn du bis Dreissig noch keinen Fuss in der Branche hast, gehst du nochmals an die Uni und studierst Lehramt!». Als ich «Troll 2» synchronisiert habe, (lacht laut) habe ich nicht damit gerechnet, dass ich irgendwann mal selber Filme mache. Ich gehe eigentlich step by step.

 

Was war für dich auschlaggebend, dass du nicht bei der Schauspielerei gestoppt hast, sondern auch die Rolle als Regisseur, Drehbuchautor und Produzent angestrebt hast?

 

Als Schauspieler bist du nur ein Rad im Räderwerk und Entscheide trifft der Regisseur. Deine Ideen kannst du dann nicht immer durchsetzen. Ich hatte viel Glück, weil «Manta Manta», «Der bewegte Mann» und «Männerpension» sehr erfolgreich wurden. Ich war das Gesicht des jungen Deutschen Kinos, habe aber recht schnell gemerkt, dass du als Schauspieler nichts entscheiden kannst. Wenn du aber deine Ideen einbringen willst, musst du deine eigenen Geschichten erzählen und die Rolle des Regisseurs übernehmen. Es war mir auch irgendwann zu wenig als Schauspieler, nur die Ideen der anderen zu verwirklichen. Wenn du Regisseur oder Drehbuchautor bist, bist du wirklich kreativ, und als Schauspieler setzt du nur um, was jemand anderes kreiert hat.

 

 

Ich war das Gesicht des jungen Deutschen Kinos, habe aber recht schnell gemerkt, dass du als Schauspieler nichts entscheiden kannst. Wenn du aber deine Ideen einbringen willst, musst du deine eigenen Geschichten erzählen und die Rolle des Regisseurs übernehmen.

 

 

Welche künstlerischen Begegnungen haben dich geprägt?

 

Huch, das kann ich so nicht sagen. Ich bin wie ein Schwamm, sehr neugierig und nehme alles auf, beobachte sehr gerne, fragte mich immerzu, warum macht der Regisseur dies, warum macht der Kameramann das. Das hat mich schon sehr früh geprägt und ich habe beobachtet wie sie dies machen, im Guten und im Schlechten. Ich habe mit Regisseuren gearbeitet, von denen ich wusste, dass der Film gar nicht gut kommen würde, so wie der mit seinen Leuten umgegangen ist. Ich habe überall etwas gelernt. Schauspielerisch war wohl das Prägendste mein Dreh mit Heiner Lauterbach. Er hat die ganze Zeit zwischen den Takes herumgealbert und ich meinte zu ihm «Hey Heiner, du musst dich auf deine Rolle konzentrieren!». Und er meinte so «Ich albere so rum, damit ich vergesse, dass ich an einem Filmset bin und mir 100 Leute zugucken». Ich fand das gar nicht so dumm und habe mir das dann abgeguckt. Bei «Manta Manta», meinem ersten Film, war mein Puls zwischen den Takes bei 180, weil ich so nervös war. Ich habe mich selbst sehr unter Druck gesetzt und wenn du nervös bist, kannst du nicht locker sein, aber die Grundvoraussetzung zum Schauspielern ist, dass du locker bist. Dass du vergisst, wie viele Leute zugucken, damit du so in deiner Rolle bist, dass du nur dein Gegenüber wahrnimmst und nicht die Leute um dich herum. Das war ein super Tipp von Heiner.

 

Mit dem Alter verändern sich auch die Rollen …

 

Das ist so. Ich kann nicht mehr den Romeo geben, nur noch den senilen Romeo. Mein Papa meinte immer «Ah Til, wenn du älter wirst, siehst du nicht mehr jung aus und dann wirst du diese Rollen nicht mehr spielen können». Also habe ich ihm gesagt: «Ja Papa, dann spiele ich irgendwann mal die Väter und irgendwann die Grossväter». So viel musste er mir schon vertrauen, dass ich dies gebacken kriege. Das ist ja das Schöne am Schauspielberuf, dass man – wenn man halbwegs gesund bleibt – bis ins hohe Alter spielen kann. Die Rollenanforderungen verändern sich und das macht mir Freude.

 

 

Patrick Holenstein / Di, 27. Okt 2020