The Greatest Show on Earth mit Nightwish

Konzertkritik: Nightwish im Hallenstadion
Bildquelle: 
© Christoph Gurtner / stagetime.ch

Eigentlich kann ich mit dieser Kritik nur verlieren. Denn die Meinungen zu diesem Konzert polarisieren regelrecht. Von himmelhochjauchzend bis zu Zuschauern, die die Halle frühzeitig verliessen, ist alles dabei. Das liegt besonders an den Ewigtrauernden, die auch nach 13 Jahren noch nicht darüber hinwegkommen, dass die Sängerin von Nightwish nicht mehr Tarja Turunen heisst. Aus dieser Sicht mag man Verständnis für negative Kritik haben, denn Tarjas Stimme kann schlichtweg niemand ersetzen. Nicht Anette Olzon, die von 2007 bis 2012 für Nightwish am Mikrofon stand, und auch nicht Floor Jansen, die diese schwere Aufgabe nun auch schon seit über fünf Jahren stemmt. Fakt ist aber auch, dass Nightwish im Gegensatz zu anderen Bands nicht nur mit den Sängerinnen, sondern mit der ganzen Band und besonders einem unfassbaren Songwriting glänzt. Auch deshalb wollen wir die Bandgeschichte nun sein lassen und den vergangenen Donnerstag so Revue passieren lassen, wie er war.

 

Schon der Beginn der Show war ein Nightwish-typisches Spektakel. Nach einem Intro, in dem Nightwishs Erzählstimme über die «Digital Slavery» und somit gegen die permanente Präsenz von Smartphones ansprach (tatsächlich befanden sich sogleich weniger Handys in der Luft), startete auf der riesigen Leinwand ein Countdown, der die Erwartungen noch zusätzlich anheizte. Der grosse Knall danach blieb aber aus – stattdessen läutete – oder besser blies – Troy Donockley das Konzert mit ruhigen Pipes ein. Umso grösser war der Jubel, als auch der Rest der Band die Bühne betrat und mit «Dark Chest of Wonders» direkt mit einem alten und eher unerwarteten Song begann. Es war der Start einer Traum-Setlist für jeden langjährigen Fan, die einer Best-of-Tour namens «Decades» alle Ehre macht. 

 

Untermalt wurde jeder einzelne Song von kunstvoll gestalteten Animationen und Videos, die die riesigen Bildschirme ausfüllten und eine träumerische Athmosphäre schufen. Jeder anderen Band hätte man die grösstenteils kitschigen Bilder nicht verziehen – bei Nightwish gehört es dagegen schon fast dazu. Ausserdem wurde mit Pyros ein interessanter Kontrast zu den Märchenlandschaften und Glitzerwasserfällen gesetzt.

 

Wer bei der ganzen visuellen Flut noch auf die Musik achten konnte, dürfte positiv überrascht gewesen sein. Nicht etwa von der Band (schliesslich ist Nightwish für hohe musikalische Qualität bis hin zur Perfektion bekannt), sondern von der Soundqualität der Location. Für Hallenstadion-Verhältnisse war der Sound nämlich geradezu traumhaft. Die Band selbst tat mit ihrem grossen Können und der enormen Erfahrung  ihr übriges – auch wenn Sängerin Floor nicht ganz so aktiv schien wie normalerweise und sich deswegen sogar schon neuen Schwangerschaftsgerüchten ausgesetzt sehen musste. Ansonsten schafft es die Holländerin nicht nur ihre eigenen, sondern auch die Songs ihrer Vorgängerinnen perfekt wiederzugeben und verschaffte den Besuchern mit ihrer schönen Stimme des öfteren Gänsehaut. Es bleibt zu hoffen, dass sich Nightwish mit Floor endgültig neu gefunden haben und nun auch dabei bleiben. Auch sie wäre, wie Tarja vor ihr, eigentlich nicht zu ersetzen.

 

Als Zugabe wurden drei von fünf Kapitel des 24-minütigen Songs «The Greatest Show on Earth» gespielt, und tatsächlich ist das, was Nightwish jeweils abliefert, eine der grossartigsten Shows überhaupt. Auch wenn das mittlerweile nicht mehr alle so sehen.

 

Gegen eine solche Show kann man wohl kaum ankommen. Trotzdem dürfte auch die Support-Band dieses Abends einigen Zuschauern positiv im Gedächtnis bleiben. Die finnische Metalband Beast in Black brachten eine riesige Energie mit, die sich sofort auf das Publikum übertrug. Einprägsame Riffs untermalten die unglaubliche Stimme von Sänger Yannis Papadopoulos, die man in einer solchen Höhe selten von einem Mann hört. Diese Band sollte man im Auge und in den Ohren behalten – die nächsten Gelegenheit in der Schweiz gibt es dazu am 6. März im Z7.

 

Bewegte Bandgeschichte und untröstliche und unüberzeugbare Fans hin oder her: Nightwish gehört live noch immer zu den stärksten Bands überhaupt. Das haben sie auch an diesem Konzert bewiesen.

 

* Titelbild: mit freundlicher Genenehmigung von Stagetime.ch / © Christoph Gurtner

 

Seraina Schöpfer / Mi, 28. Nov 2018