Nonno, das Genie!

Moviekritik: The Rossellinis
Bildquelle: 
Filmplakat, © Cinephil

In «The Rossellinis» zeichnet Alessandro Rossellini ein liebevolles und intimes Porträt seiner Familie, das gleichsam auch die dunklen Seiten des Weltruhms ans Licht bringt …

 

Zu sehen ist ein Menschenzug, der einem Leichenwagen folgt. Nahe am Leichenwagen fotografieren und filmen Journalisten. Die Archivaufnahmen zeigen die Bestattung des italienischen Filmregisseurs Roberto Rossellini am 6. Juni 1977 in Rom. Bereits die Eröffnungsszene in «The Rossellinis» verdeutlicht, wie sehr die Familie den revolutionären Filmemacher verehrt und gleichzeitig die Konflikte gefürchtet hat, die er hinterliess.

 

Francesco! Francesco! Pina läuft dem Lastwagen nach, der ihren Geliebten Francesco abtransportiert und wird auf offener Strasse von deutschen Besetzern erschossen. Die Schluss-Szene in «Roma, città aperta», ging in die Filmgeschichte ein und machte die Schauspielerin Anna Magnani weltberühmt. Für Regisseur Roberto Rossellini war der Film der Startschuss zur Neorealistischen Trilogie - «Roma, città aperta», «Paisa» und «Germania anno zero» - die seinen Weltruf als Meister des italienischen Kinos begründeten. Auch Alessandro Rossellini begleitet dieser Film sein Leben lang – als Enkel des Regisseurs und Sohn eines Vaters, der ebenfalls im Filmbusiness tätig war, hegte man an ihn grosse Erwartungen. Doch wie gelingt es, in die Fussstapfen eines Mannes zu treten, der mit seinen Filmen nicht nur das italienische Kino revolutionierte, sondern auch einen unkonventionellen Lebensstil pflegte?

 

Ein Pionier, nicht nur im Film

 

Roberto Rossellini war drei Mal verheiratet. Aus diesen drei Ehen sind sieben Kinder hervor gegangen. Seine erste Ehefrau, Marcella de Marchis, heiratete er 1936. Sie schenkte ihm zwei Söhne, Marco und Renzo, Vater von Alessandro Rossellini. Die zweite Ehefrau, Ingrid Bergman, schrieb dem Regisseur 1948 einen Brief und bekundete darin ihr Interesse an einer Zusammenarbeit. Während den ersten gemeinsamen Dreharbeiten verliebten sie sich und heirateten 1950, kurz nach seiner Scheidung von Marcella de Marchis. Mit Ingrid Bergman hatte Roberto Rossellini drei Kinder, einen Sohn, Roberto oder «Robin», und zwei Zwillingsschwestern, Isabella und Ingrid Rossellini. 1957 lernte Rossellini die Drehbuchautorin Sonali Senroy DasGupta kennen und liess sich kurze Zeit später von Ingrid Bergman scheiden. Noch im gleichen Jahr heirateten die beiden. 1958 erblickte Raffaella Rossellini das Licht der Welt und Roberto Rossellini adoptierte Sonalis Sohn Gil Rossellini. Marcella de Marchis schien von der Tatsache nicht überrascht, dass Ingrid Bergman sich für Roberto Rossellini interessierte. «Gemäss meiner Grossmutter Marcella war mein Grossvater einfach unwiderstehlich charmant», sagt dazu Alessandro Rossellini. Wie der Film an mehreren Stellen durchblicken lässt, schien das Leben mit dem Künstler aber nicht immer leicht gewesen zu sein.

 

Von Italien nach Schweden über Amerika bis Katar

 

Alessandro Rossellini macht sich auf den Weg, um seine Familienmitglieder zu besuchen und zu interviewen. Der Zuschauer macht Bekanntschaft mit seinem Vater Renzo, seiner Tante Ingrid, seinem Onkel Roberto, seinen Tanten Isabella und Raffaella, auch genannt Nur und auch mit seiner Mutter Katherine, die in einem bescheidenen Nursing Home in New York lebt. Unterwegs beleuchtet der 55-Jährige Filmemacher seine eigene Geschichte, auch seine Probleme mit Suchtmitteln, die «Rossellinitis», die er mit der Unterstützung seiner Familie, vor allem mit der Hilfe seiner Tante Isabella Rossellini überwinden konnte. Alessandros Onkel Gil kämpfte ebenfalls mit der Sucht und verstarb schliesslich nach mehreren Jahren Krankheit an einer Sepsis.

 

«The Rossellinis» ist gespickt mit unzähligen Archiv-Filmaufnahmen und Fotomaterial, welches dem Zuschauer einen ungeschönten und auch sehr liebevollen Blick ins Privatleben der Rossellinis gewährt während die Dokumentation gleichzeitig ein Stück Filmgeschichte erzählt.

 

  • The Rossellinis (Italien, Lettland 2020)
  • Regie: Alessandro Rossellini
  • Laufzeit: 90 Minuten
  • Kinostart: tba

 

Yolanda Gil / Sa, 15. Mai 2021