Die Mutter ruft
Wegen Schneestürmen musste im Vorjahr eine Schweizer Expeditionsgruppe wenige hundert Höhenmeter unterhalb des Mount Everest-Gipfels kapitulieren. Und nun wollen die Briten 1953 das Unmögliche wahrmachen – mithilfe jenes Sherpas, der bereits den Schweizern diente: dem nepalesisch-indischen Aussenseiter Tenzing Norgay. Der Film führt uns von seinen Anfängen als kleiner Hirtenjunge bis zur Erstbesteigung des höchsten Bergs der Welt über dem Meeresspiegel.
Bis heute haben über 7500 Individuen diesen Gipfel erklommen, fast 350 haben dabei ihr Leben verloren und besonders Häusliche können den Aufstieg bequem und hochauflösend per Drohne erleben. Da könnte man denken, diese Extremreise habe viel von ihrem Zauber verloren, doch «Tenzing» versetzt uns in eine Zeit zurück, als eine Erstbesteigung nicht mehr als eine komplett verrückte Vorstellung war. Den Machern ging es nicht um Ruhm, Krone oder Vaterland. Im Fokus stehen vor allem das Massiv selbst und insbesondere der hochqualifizierte Sherpa, durch den sich das Wunder vollbringen liess. Wie man hört, war sogar sein Sohn Norbu voll des Lobes über diese Erzählung.
«Tenzing» ist mehr Abenteuerdrama als Kletterthriller, und dennoch spürt man die Atemnot, die Erschöpfung und ist mitten im Geschehen. Ebenfalls herausragend ist die spirituell angehauchte Idee dahinter. Die Briten wollen die Natur unterwerfen, Tenzing jedoch möchte sich in ihrer Gnade wiederfinden, im Schoss des Chomolungma (Muttergöttin des Universums), wie der Berg im Original heisst. So geht es nicht um Eroberung, sondern um Zusammenhalt und Selbstüberwindung. Dass man kein rücksichtloser Egomane sein muss, um an die absolute Spitze zu gelangen, ist gerade in unserer Zeit eine dringliche Botschaft.
Bildergewaltig und farbenprächtig wie eine Apple Keynote, und immersiv, als hätten sie alles an Originalschauplätzen gefilmt – dass die Regisseurin bereits drei Dokumentationen über den Himalaya gedreht hat, kommt in einer jeden Einstellung durch. Ein ergreifendes und hochkarätiges Kinoerlebnis, dem die Balance zwischen Geschichtstreue und dramatischer Struktur gelingt. Wobei gerade Tenzings Beitritt zum britischen Team etwas husch verhandelt wird. Aber ich gebe ungeniert zu, dass mir die Vorführung eine starke Reaktion beschert hat.
- Tenzing, UK, Australien, USA 2026
- Regie: Jennifer Peedom
- Darsteller: Genden Phuntsok, Willem Dafoe, Tom Hiddleston
- Laufzeit: 128 Minuten
Wir konnten am ZFF mit Willem Dafor über «Tenzing» sprechen.





















