Von bösen Zwillingen und kindlichen Boten
Zwillinge sind nur möglich, weil der Teufel der Frau eine identische Kopie in den Bauch gelegt hat. Diese etwas vorsintflutlich anmutende Aussage fällt im Film in einer Diskussion eher beiläufig, dabei bringt sie viel auf den Punkt, wenn es um das Schicksal einer Dorfgemeinschaft geht. Aber von Anfang an.
Im südöstlichen Anatolien leben zwei Dorfgemeinschaften nebeneinander. Die Hazeran siedeln in den Hügeln, während der Bezari-Clan in der Ebene lebt. Einst haben sich die Hazeran in den Dienst des Staates gestellt, um beim Bekämpfen der Kurden zu helfen. Die Bazari verweigerten sich und zogen ins flache Exil im Tal. Jetzt sind sie zurück und beanspruchen ehemalige Felder. Durch die Bedrohung beginnt die Harmonie im Dorf zu brodeln und auch der Anführer, Scheich Ferit, bekommt Widerspruch zu spüren. So langsam wirkt das zwar nette, aber Gehorsam fordernde Auftreten des Scheichs nicht mehr so richtig. Die Männer lehnen sich immer mehr auf, die Frauen wollen nicht mehr still sein.
Zukunft oder Geister des Kriegs?
Gleichzeitig kehrt Mesut, der Bruder des Scheichs, mit einer Gruppe Männer aus einem Konflikt gegen die Kurden zurück. Neben der Bedrohung für den Wohlstand im Dorf, plagen Mesut Visionen, die er nicht einordnen kann. Er verhält sich immer merkwürdiger, beginnt etwa in der Nacht herumzuirren, sieht Geister bzw. Dinge, die nicht da sind, und wird zunehmend sonderlich. Sieht er wirklich die Zukunft oder plagen ihn die Geister des Kriegs? Und wie kann das Dorf mit diesen Schwierigkeiten fertigwerden?
Der Film erzählt von Identität, Nationalität und damit verbundener Landestreue im Kampf gegen die Kurden, aber auch von Traumata aus bewaffneten Konflikten bzw. vom mehr oder weniger geschickten Umgang damit. Es stellen sich Fragen. Wie sinnvoll ist Rache? Bringt der Dialog nicht mehr? Die Dorfgemeinschaft ist sich einig in der Uneinigkeit, was für noch mehr Streit sorgt. Die Strukturen im patriarchalisch funktionierenden Dorf sind verhärtet. Da helfen die unheilschwangeren Visionen von Mesut auch nicht. Zumal niemand weiss, was er wirklich sieht und was eher Streiche seiner Psyche sind. Narrativ funktionieren die Visionen auf einer symbolischen Ebene ganz gut. Eines Nachts verfolgt er beispielsweise eine mysteriöse Frau und findet einen Jungen beim Schlafwandeln. Der Junge verkündet ihm, nicht alleine gegen die Geister zu kämpfen. Als der kindliche Bote verstummt, beginnen die Felder zu brennen. Rettet eine übersinnliche Kraft das Dorf? Der Film lässt das bewusst offen, weil es nicht das zentrale Element der Geschichte ist. Gleichzeitig vermag dieses folkloristische Mystery-Element eine interessante neue Storyline einfliessen zu lassen.
Ein Teil der Dorfbevölkerung folgt Mesut und seinen Visionen. (Filmbild / ©trigon-film.org)
Viel wichtiger sind aber die Doppelungen, die Gegensätze, die sich durch den Film ziehen. Da sind die beiden verfeindeten Lager, die zwei Dörfer mit ihren unterschiedlichen Lagen sowie Ideologien. Aber auch die beiden Brüder Mesut und Ferit, die unterschiedliche Lebensanschauungen pflegen. Nicht zuletzt sind da noch die Zwillinge, die Mesuts Frau erwartet und die im Kopf des traumatisierten Mannes teuflisch sind bzw. für ein mögliches Fremdgehen der Ehefrau stehen. Alle diese mit Wucht aufeinanderprallenden Aspekte bringen Zunder in die Geschichte, die aber trotz des Spiels mit den Gegensätzen sehr geschickt in der Waage gehalten wird und nie zu übertrieben wirkt. Das macht die Ereignisse zwar zur türkischen Geschichte, aber mit einem universtellen Anspruch.
Regisseur Emin Alper ist 1974 in Zentralanatolien geboren und aufgewachsen. Alper hat einen vielseitigen Hintergrund, hat zuerst Wirtschaft und Geschichte in Istanbul studiert, begann in der Uni-Zeitung Filmkritiken zu verfassen und schrieb erste Drehbücher. Irgendwann spielte er kleine Rollen in Kurzfilmen und begann – logischer Schritt bei so viel Interesse am Medium Film – selbst zu inszenieren. Die Inspiration für «Salvation» lieferte jedoch eine wahre Begebenheit.
Reales Ereignis als Idee für den Film
2019 wurde in einer kurdischen Region der Türkei eine Hochzeit auf grausame Weise überfallen. Zwölf Angreifer töteten 44 Menschen und richteten ein Blutbad an. Bei Alper sorgte dieser Überfall für Fragen. Wie kann eine Gruppe von Menschen zusammenkommen, um eine andere Gruppe auszulöschen? Wie können sie sich gegenseitig überzeugen und sich selbst dazu motivieren, eine so abscheuliche Tat zu begehen? Und wie können sie so etwas eiskalt planen und ausführen? «Auf der Suche nach Antworten auf diese beunruhigenden Fragen begann ich mich nicht nur mit diesem Massaker auseinanderzusetzen, sondern auch mit anderen Massentötungen und Genoziden der Geschichte», ergänzt der Regisseur im Presseheft. Die Suche nach Antworten führte irgendwann zur Idee von «Salvation». Diese hat Apler als fein gestrickte Parabel aufgebaut, um von psychologischen und ideologischen Antrieben zu erzählen und aufzuzeigen, wie mächtige das Triggern ebendieser sein kann.
Damit bringt er nicht nur seine Aufarbeitung des ursprünglichen Überfalls auf die Leinwand, sondern hält im Grunde der aktuellen Weltlage den Spiegel vor die Nase. Meist geht es bei Machtkämpfen nur um das eigene Ego und den persönlichen Vorteil. Er verwebt Themen wie Hass, Eifer, Verblendung und Nationalismus in die Geschichte und vermeidet sehr bewusst den moralischen Zeigefinger. Viel lieber lässt der Regisseur die Geschichte wirken, um an die Emotionen der Menschen im Kino zu appellieren.
Und dann ist da eine der schrägsten Sexszenen der Filmgeschichte. Wobei diese in keinster Weise explizit ist, sondern eher metaphorisch funktioniert und als Symbol für den Zweifel von Mesut an seiner Frau gelesen werden kann. Schräg ist sie trotzdem und das passt auf seltsame Weise gut in die Erzählweise.
«Salvation» lässt als Parabel über Ideologie und Traumata nicht kalt, nicht zuletzt, weil eine Prise Mystery für zusätzliche Spannung sorgt.
- Salvation (Türkei, 2026)
- Regie und Drehbuch: Emin Alper
- Besetzung: Caner Cindoruk (Mesut), Berkay Ateş (Yılmaz), Feyyaz Duman (Ferit), Naz Göktan (Fatma), Özlem Taş (Gülsüm)
- Laufzeit: 120 Minuten
- Kinostart: 10. September 2026





















