Seraina Telli: Mir ist es wichtig, Grenzen zu überschreiten und der Musik oder dem Song zu «dienen»
In der Schweizer Rockszene ist Seraina Telli eine feste Grösse. Die Musikerin war einst in der Gründungsformation der Burning Witches, die international noch immer sehr erfolgreich sind. 2019 hat sich Telli für eine Solo-Karriere entschieden und die Band verlassen. Seither bewegt sich Seraina im Rockspektrum, lässt sich stilistisch aber nicht eingrenzen und fühlt sich von Metal über Hardrock zu Progressive Rock mit allem wohl. Das aktuelle Album heisst «Green» und unterstreicht die künstlerischen Ansprüche von Seraina durchaus hörbar. Wir konnen ihr zum Album ein paar Fragen stellen.
Wie ist das Thema «Green» für das Album, das farblich deutlich umgesetzt ist, entstanden?
Das Lustige ist, dass ich mir nicht mal so grosse Gedanken darüber gemacht habe. Grün ist einfach eine Farbe, die mich seit Jahren begleitet. Musik erscheint für mich in Farben. Im Studium z.Bsp. konnte ich mir die Tonleitern und Akkorde so merken, dass ich mir Farben dazu vorstellte. Für mich haben auch Leute Farben, die einen Charakter bezeichnen können. Jedenfalls sind die Songs auf «GREEN» auch grün, hihi.
Wie schwierig ist es, Namen für ein Album bzw. Songs zu finden? Änderst du im Entstehungsprozess auch mal Namen?
Für mich ist es nicht «schwierig», Namen zu finden, meist kommt das einfach so natürlich. Ich habe aber auch schon Änderungen im Nachhinein vorgenommen, weil dann plötzlich ein anderes Wort viel besser zu einem Song gepasst hat.
Ich kenne auch ältere Sachen von dir und finde, auf dem aktuellen Album klingt dein Gesang irgendwie gelöster, schon immer noch kraftvoll, aber auch entspannt, fast als ob du deine Stimme noch besser kennengelernt hast. Wie siehst du das?
Da geht es mir sehr ähnlich! Ich wollte auf dem neuen Album allgemein losgelöster arbeiten, auch in Bezug auf das Songwriting. Das Writing hat dementsprechend sehr viel damit zu tun, wie die Stimme eingesetzt wird.
Mir ist beim Hören meiner Songs wie selbst aufgefallen, dass es oft sehr tense klingt. Daran ist an sich nichts verkehrt, aber ich hatte einfach Lust, das zu ändern und meiner Stimme mehr Freiheit und Platz zu geben.
Die Aufnahmen waren etwas verzettelt, da ich sehr viel auf Tour war und immer nur 1,2 Tage hatte, um die Songs zu recorden.
Wie bist du künstlerisch an die Arbeit zum Album gegangen? Hattest du einen klaren Plan?
Ich habe immer einen Plan, haha. Raum zur Entfaltung finde ich aber auch sehr wichtig. Ich denke, nur so können wahrhaft kreative Dinge entstehen, indem man ein klares Ziel hat, aber sich gewisse Freiheiten offenlässt.
Wie waren für dich die Aufnahmen? Gab es Dinge, die besonders gut funktioniert haben? Oder vielleicht unerwartete Schwierigkeiten, die es zu lösen galt?
Das gibt es immer, jedenfalls kenne ich es nur so. Das bringt dann die erwähnte Freiheit mit sich, dass Herausforderungen auftauchen. Aber bis jetzt konnten wir noch alles lösen. Die Aufnahmen waren etwas verzettelt, da ich sehr viel auf Tour war und immer nur 1,2 Tage hatte, um die Songs zu recorden. Das ist etwas, das ich mir für ein neues Album wünschen würde. 1,5Wochen Zeit, um sich nur auf das Recorden zu fokussieren.
Seraina Telli - «Let It All Out»
Am Album beteiligt waren Marc Maurer und Rico Horber. Mit Rico arbeitest du schon länger zusammen, wenn ich richtig informiert bin. Welche Rolle spielt Rico bei der Arbeit und wie kam Marc Maurer dazu?
Marc war als Bassist für ein paar Live-Shows im Jahr 2024 mit mir unterwegs. Er hat sich dann entschieden, seine musikalische Arbeit ausschliesslich im Studio fortzusetzen und blieb uns so als Session-Musiker für das Album erhalten. Er arbeitete mit Rico an der Produktion (Arrangement der Instrumente, Mixing, Editing) und hat Bass und Add-on Gitarren eingespielt.
Rico ist seit Beginn von SERAINATELLI mein Produzent. Wir arbeiten zusammen an den Songs und sind dadurch zu einem echt guten Team zusammengewachsen. Hier möchte ich aber gerne mein Team generell erwähnen. Rockstar Entertainment, mit allen Beteiligten, sowie mein Label Metalville (insbesondere Holger Koch), die einen wichtigen Teil dazu beigetragen haben, mit «GREEN» unserer bis jetzt erfolgreichstes Album zu machen.
Ich mag «Home» gerne. Nicht zuletzt wegen des Textes, in dem du erzählst, wie Erfahrungen über Generationen weitergegeben werden. Kannst du etwas zum Song sagen?
«HOME» war einer dieser Songs, die einfach plötzlich da waren. Ich sass im Wohnzimmer mit meiner Gitarre und probierte verschiedene Ideen aus. Plötzlich war dieser Satz da: «Idon’t have a son but I know what I would tell him …». Der Song war noch nicht geschrieben, aber ich wusste schon genau, welche Geschichte ich damit erzählen will.
Meine Familie hat mich immer dabei unterstützt, mich selbst zu sein und meinen Weg zu gehen. Wir hatten nie Geld oder gute Beziehungen, halt solche Dinge, die es mir leichter gemacht hätten, Musikerin zu werden. Aber wir haben etwas, das oft sehr unterschätzt wird. Liebe, Geborgenheit und Respekt vor und zueinander. Es war diese Freiheit ZU SEIN, die mich zu der Künstlerin gemacht hat, die ich heute bin und dafür bin ich sehr dankbar.
Mir ist es wichtig, Grenzen zu überschreiten und der Musik oder dem Song zu «dienen», was dann oft darin resultiert, dass Instrumente anders und nicht so klassisch eingesetzt werden.
Ein ähnliches Thema hat «17», in dem du ein Plädoyer für junge Menschen gibst. Wir wichtig sind dir menschliche Themen in deinen Songs? Wie gehst du generell an Texte heran?
Offensichtlich ist es mir wichtig, zwischenmenschliche Themen in meiner Musik aufzugreifen. «17» kam mir zugeflogen, als ich mit einer ehemaligen Schülerin für ihre Lehrabschlussarbeit an einem Song arbeiten durfte. Sie wollte einen Song schreiben und darüber berichten, was alles dazu gehört.
Ihre Textideen dazu berührten mich zutiefst. Es wurde mir klar, unter welchem Druck die Jungen heutzutage stehen, mit all den äusseren Einflüssen, und dabei spielt Social Media eine grosse Rolle! Wie jemand auszusehen hat, was sie denken sollen, wie sie sein sollten. Da kann einem schon schwindelig werden.
Aus diesem Grund habe ich mich dafür entschieden, den Song auf das Album zu nehmen.
Über dich ist immer wieder zu lesen, dass du als Multi-Instrumentalistin giltst. Welche Instrumente spielst du und welche spielst du auf «Green»?
Ich singe, offensichtlich, spiele ich E- und Akustikgitarre, Klavier/Keys und wenn ich dazu komme, auch immer mal wieder ein bisschen Bass. Ich denke aber, der Grund, warum man jemanden «Multi-Instrumentalist/in» nennt, kommt davon, wie die Person mit den verschiedenen Instrumenten umgeht. Mir ist es wichtig, Grenzen zu überschreiten und der Musik oder dem Song zu «dienen», was dann oft darin resultiert, dass Instrumente anders und nicht so klassisch eingesetzt werden. Gerade die Stimme ist so unglaublich vielseitig einsetzbar!
Ich habe den Eindruck, dass «Green» musikalisch sehr breit klingt, auch mal verspielt und dynamisch sein darf. Wie sehr deckt sich dieser Eindruck mit deinem Anspruch ans Album?
Sehr! Das war auch mein Ziel, als ich mit dem Songwriting für dieses Album begann. Mich nicht von einem Genre oder dergleichen eingrenzen zu lassen. Ich denke, das ist uns gelungen.
(Das Interview wurde schriftlich geführt.)
- Künstlerin: Seraina Telli
- Genre: Rock, Hardrock, Metal
- Aktuelles Album: «Green»
- Website von Seraina Telli





















