Die Liebe im Krieg von Beirut

Moviekritik: Sad And Beautiful World
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©trigon-film.org

Irgendwie märchenhaft beginnt die Geschichte. Zwei Kinder (Yasmina und Nino) werden in Beirut geboren – im selben Spital, mit einer Minute zeitlichem Unterschied. Leicht könnte man eine kosmische Verbindung vermuten. Um die Dramatik, die Bedeutung des Moments, zu verstärken, findet im Moment der Geburt ein Massaker in der Nähe des Krankenhauses statt. Gleichzeitig schickt der Libanon eine Rakete in den Himmel, um den Krieg zu beenden. Natürlich wachsen die Kinder in der Gegenwart des Krieges auf, besuchen sogar die gleiche Klasse, freunden sich an und werden die jeweilige erste Liebe. Doch eines Tages dreht sich die Welt auf den Kopf. Yasmina zieht mit ihrer Familie weg, Nino bleibt entsprechend traurig zurück. Nach dem Tod der Eltern, die laut dem Grossvater auf der «Insel» sind, ist das der zweite Verlust für den Jungen. Gelegentlich hilft Nino im grossväterlichen Restaurant mit. Eines Tages überreicht ihm ein Gast eine Notiz und legt nahelegt, auf die Sterne zu achten. Zu diesem Zeitpunkt kann Nino nicht viel mit dem Rat anfangen.

 

Schnitt: Wir folgen dem erwachsenen Nino, der inzwischen das Familienrestaurant führt. Hektik im Restaurant gehört zum Alltag, aber der etwas chaotische Nino blüht darin förmlich auf, zieht Lebensenergie daraus. Nur in der Liebe hat der stets optimistische Mann kein Glück. Eines Tages hat Nino ein vielversprechendes Date, doch der Kosmos hat andere Pläne. Durch ein unfassbar blödes Ereignis, für das Nino wenig kann, baut er auf dem Weg zum Date einen Unfall. Dabei wird eine Frau verletzt. Sie droht natürlich, Nino zu verklagen. Daraufhin lädt er die Frau mit der Tochter in sein Restaurant ein, damit sie die Klage möglicherweise vergisst. Dafür bringt die Dame ein Dutzend anspruchsvoller Leute mit. Zudem lässt der Küchenchef seine Allüren glitzern und spielt nicht mit, legt sich lieber mit den Gästen an, streut gar einem Gast salz auf die Glatze, weil er es gewagt hat, nach Salz zu fragen. In dem ganzen Chaos traut Nino seinen Augen kaum. In der Tochter erkennt er seine erste Liebe Yasmina, die er aus den Augen verloren hat. Ein unverkennbares Detail verrät sie: drei kleine Muttermale am Hals, die fast wie ein Sternbild aussehen. Nino macht ihr den Hof, aber Yasmina hat andere Pläne, auch wenn sie sich sehr geschmeichelt fühlt. Was soll sie tun? Und hält ihre Verbindung aus Kindertagen auch im Universum der Erwachsenen?

 

Yasmina und das kleine Arschgesicht

 

«A Sad And Beautiful World» ist als Titel wunderbar auf den Punkt gebracht. Der Film folgt den beiden Menschen, die eine emotionale Verbindung haben, beim Leben in Beirut, begleitet sie durch Schwierigkeiten und auf ihrer Reise mit schönen, aber auch traurigen Momenten. Yasmina als Business Woman und Nino als lebensfroher, stets in der Sekunde lebender Gastwirt, sind maximal unterschiedlich, ziehen sich aber gerade deshalb magisch an. Zwar streiten sie leidenschaftlich. Yasmina nennt Nino einmal ein «kleines Arschgesicht», aber so richtig böse gemeint ist das nicht, es zeigt eher die Graustufen der Menschlichkeit innerhalb der Beziehung. Yasmina und Nino sind das Zentrum des warmherzigen Films, der erfreulich stilsicher die richtige Stimmung trifft.

 

Die unschuldige erste Liebe zwischen Yasmina und Nino. (Szenenbild / ©trigon-film.org)

 

Wenn der Film nach knapp 109 Minuten in seinen finalen Akt einbiegt, denkt man sich «Was? Schon?», weil man die herzerwärmende Bubble einer Geschichte zwischen Bomben und menschlichen Hindernissen nicht verlassen möchte. Selbst wenn man sie stellenweise zur Brust nehmen und die Augen öffnen möchte, wachsen einem die emotionale Yasmina und der herzensgute Nino rasch ans Herz und man möchte ihnen gerne länger zuschauen. «A Sad and Beautiful World» ist genau die richtig dosierte Medizin gegen den Frust der kriegsverseuchten Gegenwart, weil seine Figuren charmant und glaubwürdig geschrieben sind sowie das Tempo stimmt und die Geschichte plausibel ist. Zwar erlaubt sich der Film ein, zwei schräge Momente, um Ereignisse zu zeigen, die nicht wirklich relevant sind, aber das stört den Fluss der Kerngeschichte nicht gross.  

 

Flugzeuge im Bauch und Krieg im Libanon

 

Der Film zeigt neben den Flugzeugen in Bauch auch alltägliche Aspekte im Libanon. Am offensichtlichsten ist der bewaffnete Konflikt, der allgegenwärtig ist. Aber auch die finanziellen Probleme, wenn beispielsweise die Banken den Zugang zum Geld einschränken. Nino überlegt sogar kurz, das Restaurant vegetarisch zu gestalten, weil Fleisch unerschwinglich ist. Dazu kommen Stromausfälle, Schüsse usw. Der Film von Regisseur Cyril Aris berührt emotional so leicht, weil er sehr persönlich ist: «“A Sad And Beautiful World“ basiert auf meinen eigenen Erfahrungen, die ich während meiner Kindheit und Jugend im Libanon in den turbulenten 90er Jahren und Anfang der 2000er Jahre gemacht habe», erzählt der Regisseur im Presseheft.

 

Dazu passt, dass er immer wieder reale Ausschnitte einbaut, um die Ereignisse im Libanon zu vertiefen. Bewusst sind Dokumentarschnipsel im Format 4:3 dazwischen geschnitten, um Authentizität zu erreichen. Der Film soll aber auch den unvergleichlichen libanesischen Humor aufgreifen. «Inmitten der nie endenden Krisen des Libanon habe ich erlebt, wie Humor und Liebe zu unserem Schutzschild gegen die Dunkelheit wurden», unterstreicht Aris den Gedanken. Und er hat eine unheimliche Anekdote zu erzählen: «Während der Dreharbeiten, als im Libanon erneut ein grosser Krieg ausbrach, wurde mein eigener Sohn Tausende Kilometer entfernt geboren – ein schicksalhaftes Ereignis, das meinen Glauben daran bestärkte, dass es inmitten des Chaos unsere Liebe zueinander ist, die uns vorantreibt.» Womit sich der Kreis zur kosmischen Verbindung schliesst und das darf als Schlusswort gerne in die Welt geschrien werden.

 

«A Sad And Beautiful World» ist ein fein inszenierter Film ohne Klischees oder Kitsch; eine gefühlvolle Reise zweier Menschen über mehrere Jahrzehnte hinweg.

 

  • A Sad and Beautiful World (Libanon 2025)
  • Regie: Cyril Aris
  • Drehbuch: Cyril Aris und Bane Fakih
  • Besetzung: Mounia Akl (Yasmina), Hasan Akil (Nino), Julia Kassar (Omaya), Camille Salameh (Antoine), Tino Karam (Chafic), Nadyn Chalhoub (Leila)
  • Laufzeit: 109 Minuten
  • Kinostart: 20. August 2026

 

 

Bäckstage Redaktion / Do, 20. Aug 2026