Kaputter Körper, genialer Geist

Moviekritik: Unter Wasser atmen
Unter Wasser atmen - Das zweite Leben des Dr. Nils Jent
Bildquelle: 
Im Verleih von ASCOT ELITE

Es war eine lange Reise. Und eine langsame. Dr. Nils Jent wacht mit 18 Jahren nach einem Motorradunfall  in einem Krankenhausbett auf und kann weder sehen noch sprechen noch sich bewegen. Locked-in-Syndrom nennen die Ärzte es. Der Patient ist sich bewusst, was um ihn herum geschieht, doch kann er auf keine Weise mit der Aussenwelt in Kontakt treten. Mühsam kämpft sich Nils Jent ins Leben zurück, lernt wieder zu sprechen und einigermassen zu gehen. Aufgrund seiner Blindheit, ist es aber schwierig eine berufliche Perspektive für den jungen Mann zu entwickeln. Er kann keine Blindenschrift lesen, da sein Tastsinn nach dem Unfall ebenfalls verloren ging. Ein handwerklicher Beruf ist auch ausgeschlossen. Das Einzige was noch funktioniert, ist sein Gehör, und noch wichtiger, sein Gehirn. Da setzt sich Nils Jent ein Ziel: Er will die Matura nachholen. Anfänglich löst sein Wunsch überall Kopfschütteln aus. Ein blinder, körperlich beeinträchtigter junger Mann in einem Schulzimmer? Doch mit Hilfe seiner Eltern setzt er sich durch und macht sich Schrittchen für Schrittchen auf einen langsamen, beschwerlichen Weg.

 

Bild 1: Dr. Nils Jent an einer Konferenz / Bild 2: Ein Spaziergang am Wasser, dem Element von Dr. Nils Jent. (Mit Maus über Bild fahren)

 

Der Film «Unter Wasser atmen» erzählt seine Geschichte. Die jungen Filmemacher Stefan  Muggli und Andri Hinnen begleiten den heute Doktortitel-tragenden Nils Jent bei sich zuhause, bei der Arbeit und an der Uni St.Gallen, wo er doziert. Sie zeigen alltägliche Situationen, die für Nils Jent spitzensportlichen Leistungen gleichen und befragen seine Freunde über ihn als Mensch. Seinen inzwischen 80-jährigen Eltern wird ein grosser Platz eingeräumt. Sie kommentieren die verschiedenen Stationen in Nils’ Leben und erlauben dem Zuschauer mittels alter Familienfilme einen Einblick in die Zeit vor dem Unfall. Diese Aufnahmen machen die Diskrepanz zwischen Nils Jent dem Jugendlichen und Nils Jent heute am unmissverständlichsten bewusst.

 

Ein Film, der unter die Haut geht

 

«Unter Wasser atmen» ist kein Film für lustige Stunden, auch wenn der ein oder andere Lacher durchaus erlaubt ist. Er geht unter die Haut und lässt das Publikum spüren, was Widerstände sind, was Ausdauer heisst und das man ans Ziel kommen kann auch wenn es langsam voran geht. Sehr langsam.

 

  • Unter Wasser atmen - Das zweite Leben des Dr. Nils Jent (CH 2011)
  • Regie: Andri Hinnen und Stefan Muggli
  • Laufzeit: 90 Minuten
  • Kinostart:7. Juni 2012

 

Das Leben von Dr. Nils Jent gibt es auch als Buch. Die Bäckstage-Kritik findet ihr HIER.

 

 

Bildquelle: Im Verleih von ASCOT ELITE.

Kathrin Fink / Di, 22. Mai 2012