Von der Bühne ins Studio: das neue Album von Joe Jackson

CD-Kritik: Fool von Joe Jackson
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Plattencover / © Phonag AG

Die Idee ist so einfach wie naheliegend. Der Brite Joe Jackson, international renommierter Songwriter und Musiker, beendete seine Tour nach 103 Konzerten in drei Jahren am 29. Juli 2018 im Egyptian Theater in Boise (Idaho, USA). Das ist an sich noch nicht aussergewöhnlich. Doch Jackson nutzte die Energie der Tour in weiser Voraussicht gleich für eine neue Platte. Noch in Boise hatte er ein Studio für sich und die Band gebucht. Mit diesem Vorwissen wirkt der Opener «Big Black Cloud» gleich noch intensiver als sowieso schon. Man glaubt zu hören, wie eingespielt die Band ist, je mehr sich der Song steigert und je mehr sich die Instrumente verdichten. Dazu die Stimme von Jackson, die leicht brüchig wirkt, wenn sie soll, aber aus voller Kraft röhrt, wenn es zum Song passt. 

 

Joe erklärt zur Aufnahmeweise: «Als es danach aussah, dass wir die Songs im späten Juli aufnehmen und um meinen Geburtstag im August mixen würden, wurde mir plötzlich bewusst, dass das bisher nur bei meinem allerersten Album so war. Ich brauchte eine Weile, um zu verarbeiten, dass das bereits 40 Jahre her ist. Ich hatte nie ein wirklich klares Konzept im Kopf, als ich Songs für ein Album schrieb, aber manchmal bildet sich eins. In diesem Falle ist es Komik und Tragödie und die Art und Weise wie sie mit unserem Leben verstrickt sind.» Der Punkt mit dem fehlenden Konzept wird hörbar, zumindest scheinen manche Songs improvisierte Parts zu besitzen. Wie sehr das stimmt, ist natürlich reine Spekulation, schadet aber der Intensität der 20. Platte aus dem Geiste von Joe Jackson überhaupt nicht. 

 

Jackson ist 1954 in Staffordshire geboren, besuchte später die Royal Academy of Music in London. Das war ein logischer Schluss, hatte er doch schon im Teenager-Alter über Beethoven die Geige entdeckt, sich aber später dem Klavier zugewandt. Beides spielt Jackson bis heute. Noch während der Zeit an der Academy wurde Pop und Rock für ihn ein Thema und seine klassische Ausbildung vermischte sich über die Karriere hinweg immer wieder mit Einflüssen aus anderen Genres. So wirklich klar ist Joe Jackson nämlich nicht einzuordnen, aber genau das macht ihn interessant. Sowohl live als auch auf Platte. 

 

Joe Jackson - «Fabulously Absolute»

 

 

Amüsant ist, wie sich beim Song «Fabulously Absolute» die Generationen der englischen Musikgeschichte die Hand imaginäre geben. Der Song könnte von den frühen Who sein, aber auch von den späteren Franz Ferdinand. Stellt sich die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Wobei Jackson keineswegs eklektisch arbeitet, sondern seinen reichen Erfahrungsschatz pointiert ausschüttet, quasi rockt, bis kurze Ruhephasen den Song unterbrechen. Von den acht Songs auf der Platte ist «Fabulously Absolute» ein früher Ohrwurm und ein Highlight. Erstaunlich, wie frisch und zeitgenössisch Joe Jackson auch nach 40-jähriger Karriere noch klingt. Jeder Song auf der Platte ist eine Entdeckungsreise. «Strange Land» klingt stimmlich nach David Gilmour und könnte durchaus in dessen Oeuvre passen. Doch auch hier zeigt Jackson, dass er als Musiker einiges auf dem Kasten hat, lehnt sich eher beim Kollegen an, als zu kopieren, was nicht nur das perlende Piano-Solo klar macht, sondern auch das Gespür für den Song. Keine Sekunde der 5 Minuten und 42 Sekunden ist überladen, im Gegenteil, hier merkt man eindrücklich, wie beeindruckend es Joe Jackson und seine Band verstehen, den Song atmen zu lassen.

 

«32 Kisses» ist Teppich für die Stimme Jacksons, die hier im Unterschied zum Opener kräftig klingt. Der Titelsong fällt etwas hinter den anderen sieben Songs zurück, weil er nicht ganz so locker und elegant wirkt. Dafür beginnt der letzte Song, «Alchemy», fast schon klassisch, gönnt sich ein langes Intro und leitet so in eine 6 Minuten 50 Sekunden lange Hymne ein, die noch einmal so richtig zeigt, was die hochkarätige Band von Joe Jackson in der Seele hat. Zudem wirkt «Alchemy» wie der hochzufriedene Abschluss einer langen Tour und einer vielseitigen Platte. 

 

«Fool» macht es einem sehr einfach, die Musik von Joe Jackson zu entdecken und das ist nach einer so langen Karriere doch ein wunderbares Kompliment. 

  • Künstler: Joe Jackson
  • Album: «Fool»
  • Im Handel: ab 18. Januar 2019

 

Joe Jackson live

 

 

 

Patrick Holenstein / Mo, 21. Jan 2019