Frühlingsgefühle und Schafe auf dem Rave

Moviekritik: DJ Ahmet
Bildquelle: 
Filmplakat, ©Trion-film.org

Wir lernen Ahmet Asanov, den titelgebenden DJ, kennen, als er aus dem Unterricht gerufen wird, um seinem Vater mit den Schafen zu helfen. Natürlich jubelt der Teenager nicht gerade euphorisch, aber so wirklich eine Wahl hat er nicht. Im ländlichen Nordmazedonien lebt der braungebrannte, gelockte Ahmet gemeinsam mit dem Vater und dem kleinen Bruder Naim in einem kargen Haus. Nach dem Tod der Mutter hat es das Trio nicht leicht, besonders Naim, der seit dem Verlust der Mutter nicht spricht. Wie alle Jugendlichen träumt Ahmet von der weiten Welt, von freiheitlichen Dingen wie Musik, Reisen oder dem DJ-Leben. Musik wirbelt sowieso ständig durch seinen Kopf. So schleicht er sich eines nachts aus dem Haus, um im Wald an einem Rave teilzunehmen. Blöderweise entwischen zeitgleich die Schafe, auf die er aufpassen soll, und strömen schnurstracks hin zu der Musik. Natürlich wirbeln sie den Rave auf. Sofort sind die Smartphones gezückt und die absurde Situation landet auf Social Media. Zu allem Übel wird ein Schaf vermisst. Als Konsequenz muss Ahmet so lange im Freien schlafen, bis alle Schafe gefunden sind.

 

Das Leben ist nicht so nett zum herzensguten Ahmet. Der Teenager hat viel Verantwortung, ist gelegentlich etwas überfordert. Hin- und hergerissen zwischen dem strengen Zuhause und den freiheitlichen Verlockungen wie Mädchen, Feiern, natürlich Musik oder Sorglosigkeit. Ahmet ist ruhig, zurückgezogen und nachdenklich. Im Dorf halten ihn deshalb viele für seltsam, dabei ist der Aussenseiter nur schüchtern. Eines Tages tritt die hübsche Aya in sein Leben. Die Enkelin der Nachbarin ist aus Deutschland angereist und soll verheiratet werden. Natürlich hat die schlaue Aya nicht die geringste Lust dazu und schmiedet einen Plan, um dem Schicksal zu entkommen. Aber Ahmet ist sofort verliebt in die junge Frau und tatsächlich kommen sie sich näher, freunden sich an. Gemeinsam hören sie Musik, streifen durch die Natur und plötzlich findet sich Ahmet auf ihrem Roller wieder und schmiegt sich an Aya, um sich festzuhalten. Die weltoffene und selbstbewusst Aya bringt Farbe in das Leben von Ahmet, ist quasi der süsse Eskapismus, den er manchmal sehnsüchtig erhofft. Ahmet beschliesst, um seine Aya zu kämpfen.

 

Die kleinen Dinge im Leben

 

Der Film ist im Grunde simpel und sehr menschlich. Mädchen trifft Junge, das seine Welt auf den Kopf stelt. Sie verlieben sich, erleben eine gute Zeit, ohne an Morgen zu denken. «DJ Ahmet» versucht gar nicht erst, ein Geheimnis daraus zu machen, dass Aya nicht für Ahmet bestimmt ist. Zu klar sprechen die Umstände gegen die beiden jungen Menschen. Trotzdem bekommt der freundliche Junge seine kleine Romanze. Aya bringt ein paar Momente in sein Leben, die ihn auf ewig begleiten werden. Harmlos eigentlich, aber emotional wichtig für den vom Leben nicht beschenkten Jungen. Eingefangen wird seine Reise von geschickten Kameraeinstellungen, etwa regelmässig Grossaufnahmen von Gesichtern, was nicht nur Nähe erzeugt, sondern das Schauspiel geschickt einfängt. Ahmet lernt das Leben kennen, vom Rave bis zum ersten Kuss, vom Musikhören auf dem Traktor bis zum Auftritt als DJ. Es sind die kleinen Dinge im Leben, die uns Menschen prägen. Das ist eine Lesart, die der Film durchaus propagiert. Gleichzeitig ist eine Stärke von «DJ Ahmet», dass der Film so leicht und flüssig inszeniert ist, dass man sich zurücklehnen kann, ohne gross zu denken, um einfach die herzliche Liebesgeschichte zu geniessen.

 

Ahmet und Naim in der Landschaft Nordmazedoniens. (Szenenfoto ( ©trigon-film.org)

 

Dem mazedonischen, aber in New York geborenen Regisseur Georgi M. Unkovski waren genau diese Dinge wichtig, die Diskrepanz zwischen jungen Träumen und den Erwartungen der Gesellschaft. Diese Gedanken des Ausbruchs, des rebellischen Seins, die Aya leidenschaftlich verkörpert. «Ich wollte das fragile Gleichgewicht zwischen Tradition und Selbstentfaltung ausloten – insbesondere innerhalb einer kleinen, eng verbundenen Gemeinschaft», führt der Regisseur im Presseheft aus. In seinem Spielfilmdebüt bringt er diesen Ansatz sehr schön auf den Punkt. Unkovski hat in den USA Fotografie und später in Prag Regie studiert und lebt heute im nordmazedonischen Skopje. Er kennt also die Verlockungen der weiten Welt so gut wie das Leben in Nordmazedonien. Entsprechend waren dem Regisseur die Herausforderungen des Erwachsenwerdens, das Finden der eigenen Identität, genauso wichtig wie die durchaus faszinierende «Spannung, die entsteht, wenn individuelle Wünsche mit den Erwartungen der Gemeinschaft kollidieren.» Sein Film handle im Kern vom universellen menschlichen Bedürfnis, sich selbst auszudrücken, und davon, wie Kunst, in diesem Fall Musik, sowohl Zufluchtsort als auch Katalysator für Veränderungen sein könne. «Meine Vision war es, eine Geschichte zu schaffen, die das Publikum berührt, indem sie sowohl den Humor als auch die Dramatik einfängt, die diesem inneren und ausseren Ringen innewohnen – und dabei die Kraft der Selbstfindung in den Mittelpunkt stellt», erklärt er abschliessend.

 

Das Herz liefert den Up-Tempo-Rhythmus

 

Zwei Dinge fallen neben der nahbaren Liebesgeschichte auf. Unkovski legt offensichtlich viel Wert auf Musik, denn sie ist die Aorta, dringt in seinem Film aus allen Poren und sorgt dafür, dass «DJ Ahmet» von einem Mix aus zeitgenössischer Popmusik und Klängen aus dem Balkan getragen wird. Andererseits zeigt er das Leben in Nordmazedonien durch eine Art realistisch-romantische Brille. Ob Ahmet durch die endlosen Felder streift, wo die Frauen in traditionell wirkenden Kleidern ernten, oder er im Dorf mit IT-Problemen hilft, aber das Passwort «Gott ist gross» nicht mit ? setzen darf, weil das den Allheiligen in Frage stellen würde, man erkennt das Schöne in seinem Leben, auch wenn er das manchmal micht zu erkennen scheint. Auf einem dieser täglichen Ausflüge begegnet er Aya und es trifft in wie der Schlag. Plötzlich liefert sein Herz den Rhythmus und das in Up-Tempo. So schliesst sich ein Kreis zwischen Narration und Inszenierung auf wunderbar pragmatische Art und die Musik unterstreicht die Emotionen geschickt.

 

Intensiv, lebensbejahend und in der genau richtigen Länge. Ein Film, wie ein guter Popsong, der sich mit guter Laune verabschiedet.

 

  • DJ Ahmet (Nordmazedonien 2025)
  • Regie: Georgi M. Unkovski
  • Drehbuch: Georgi M. Unkovski
  • Besetzung: Arif Jakup (Ahmet), Agush Agushev (Naim), Dora Akan Zlatanova (Aya), Aksel Mehmet (Ahmets Vater)
  • Laufzeit: 99 Minuten
  • Kinostart: 2. April 2026

 

Bäckstage Redaktion / Mi, 01. Apr 2026