Es ist ein Schnitter, der heisst Tod

Kritik: Berlin Alexanderplatz
Bildquelle: 
© Filmcoopi

In «Berlin Alexanderplatz» wird der Protagonist Franz als Flüchtender aus Guinea- Bissau ins pulsierende Grossstadt-Leben der Gegenwart versetzt. Mit diesem narrativen Kunstgriff transportiert Burhan Qurbani den Stoff aus den Zwanzigern ins aktuelle Zeitgeschehen und macht den Film zum Statement gegen Rassismus.

 

Francis befindet sich auf der Flucht aus Afrika an die Mittelmeerküste. Während der Überfahrt gerät er, zusammen mit seiner Geliebten Ida, in einen Sturm. Ida ertrinkt, doch Francis schafft es mit letzter Kraft bis an den Strand. Er schwört sich in diesem Moment, in Zukunft ein guter Mensch zu sein. Kurze Zeit später findet sich Francis als Schwarzarbeiter, ohne Papiere auf einer Baustelle in der Nähe des Berliner Alexanderplatzes wieder. Francis wünscht sich ein besseres Leben, träumt von Wohlstand und Ansehen. Als er den Drogen- Dealer Reinhold kennen lernt, scheint ihm dessen Angebot, sich an seinen Geschäften zu beteiligen, erst nicht allzu verlockend. Doch nachdem er von seinem einzigen Bekannten verraten worden ist und seine Arbeit auf der Baustelle verliert, willigt Francis ein, täglich für Reinholds Männer, die im Park dealen, zu kochen. Reinhold lässt Francis dafür bei sich wohnen und organisiert für ihn Dates mit jungen Frauen.

 

(Francis und seine Geliebte Mieze / ©filmcoopi)

 

So weit die Ausgangslage der Hauptfigur Francis, brilliant verkörpert von Welket Bungué, die im weiteren Verlauf des Films zu Franz wird. Je näher sich Franz mit Reinhold befreundet, desto einfacher gelingt es diesem, ihn in seine krummen Geschäfte zu verwickeln. Da Franz bei den Frauen gut ankommt und auch der Gangsterboss Pums auf ihn aufmerksam geworden ist, kocht der Neid in Reinhold hoch. Er beschliesst, Franz loszuwerden. Als Franz sich während eines Überfalls weigert, Geld zu stehlen, wirft Reinhold ihn aus dem fahrenden Auto. Franz wird angefahren, verliert seinen linken Arm und sinnt auf Rache. Die Geschichte nimmt ihren tragischen Verlauf.

 

Ein Film in fünf Teilen

 

In der literarischen Vorlage setzt Döblin erstmals die Montagetechnik ein, um Franz Biberkopfs Geschichte zu erzählen. Collageähnlich werden Zitate, Schlagzeilen, Geräusche und der innere Monolog Biberkopfs montiert, um die mehrschichtige Realität des Grossstadt- Jungles Berlin und die Zerrissenheit der Hauptfigur zu spiegeln.


Im Film erinnern die Zwischentitel, erster bis fünfter Teil, manche intertextuelle Passagen und auch die Stimme von Franz‘ zukünftiger Geliebten, der Edelprostituierten Mieze, als Voice Over, welche von Anbeginn die Handlungen «ihres Franz» kommentiert, den Zuschauer daran, dass er es mit der Adaptation eines literarischen Werks zu tun hat. Mit dem Einsatz dieser formalen Mittel gelingt es Burhan Qurbani, die Erzählung zu verdichten und zu kürzen. Immer dann, wenn das Leben dem Protagonisten besonders übel mitspielt, vernimmt man Miezes Stimme, engelsgleich und allwissend, als ob sie dem Franz gut zureden wollen würde, obwohl sein Schicksal besiegelt scheint.

 

(Der zwielichtige Dealer Reinhold, überzeugend gespielt von Albrecht Schuch / ©filmcoopi)

 

Die Grossstadt in Literatur und Film

 

Das Thema der Grossstadt setzte sich in der Weltliteratur und auch im klassischen deutschen Kino der Zwanziger Jahre durch. Neben «Berlin Alexanderplatz» (1929) fanden literarische Werke wie James Joyces «Ulysses» (1904) und John Dos Passos’ «Manhattan Transfer» (1925), bereits einige Jahre zuvor, grosse Beachtung. Im Kino thematisierten Filme wie «Die Strasse» (1923) von Karl Grune, «Asphalt» (1929) von Joe May oder «Dr. Mabuse, der Spieler» (1922) und «Metropolis» (1925-27) von Fritz Lang die gesellschaftlichen Nöte des Lebens in der Grossstadt. Die Wechselwirkung zwischen Literatur und Film beeinflusste die spätere Entwicklung des Film Noir, der sich in seiner ersten Phase vor allem an der amerikanischen hardboiled school of fiction orientierte, und Kriminalgeschichten erzählte. Durchaus kann man auch Qurbanis Neuverfilmung von «Berlin Alexanderplatz» als modernen Gangsterfilm bezeichnen, der auf narrativer Ebene mit Elementen aus dem Film Noir spielt. So erkennt man in Mieze (Jella Haase) Züge der Femme Fatale, während Eva (Annabelle Mandeng) eher dem Wesen des Good Girl entspricht. Anders, als im Film Noir jedoch, versuchen beide Frauenfiguren den Antihelden Franz zu retten, und ziehen dadurch die Feindschaft der Gangsterbosse Pums (Joachim Król) und Reinhold an.

 

Die Möglichkeit von Heimat

 

Anders als in Döblins «Berlin Alexanderplatz» wird in Qurbanis Film vor allem die Vielschichtig- keit der Figuren gezeigt. Nicht um die Grossstadt Berlin dreht sich alles, sondern um die Probleme der Bewohner einer Weltmetropole, welche ums tägliche Überleben kämpfen. Berlin und der Alexanderplatz sind zwar Schauplätze des Geschehens, bleiben ansonsten aber austauschbar. Der Fokus des Zuschauers ist auf das Schicksal des Protagonisten Franz gerichtet, der sich dem teuflischen Sog der kriminellen Machenschaften Reinholds kaum entziehen kann. Grossartig gespielt von Albrecht Schuch verkörpert Reinhold die dunklen Anteile des gefallenen Helden Francis, der doch ein guter Mensch sein wollte. «Du bist wie ich», säuselt Reinhold Franz ins Ohr. «Ich bin nicht wie Du», entgegnet ihm Franz. Doch weder die Clubbesitzerin Eva, die Franz nach seinem Unfall bei sich wohnen lässt, noch seine spätere Geliebte Mieze schaffen es, Franz von Reinhold fernzuhalten. Erst als Franz seine grosse Liebe verliert, erkennt er die bösen Absichten seines «Freundes» Reinhold, der die schwangere Mieze in einem Eifersuchtswahn erwürgt hat. Insgesamt überzeugt «Berlin Alexanderplatz» sicherlich auch durch die grossartige schauspielerische Leistung der Darsteller. Am Ende des Films steht «eine Utopie», wie der Regisseur sagt, «die Möglichkeit von Ankommen, von Heimat, – weil Film vom Unmöglichen träumen darf.»

 

Aktuell ist die Diskussion um Rassismus in den USA und weltweit erneut entflammt. Der Spielfilm Berlin Alexanderplatz liefert zusätzlichen Stoff, da er einem Flüchtenden ohne Papiere, der an den Rand der Gesellschaft gedrängt zum Kleinkriminellen wird, ein Gesicht und eine Stimme gibt. Zurecht wurde diese spannende Adaptation eines Hauptwerkes der Deutschen Literatur mehrfach mit Preisen ausgezeichnet.

 

  • Berlin Alexanderplatz (DE, NLD, FR, CAN 2020)
  • Regie:Burhan Qurbani
  • Besetzung: Albrecht Schuch, Jella Haase, Welket Bungué, Nils Verkooijen, Joachim Król, Annabelle Mandeng, Derek Meisenburg, Lukhanyo Bele, Lena Schmidtke, Thomas Lawinky
  • Laufzeit: 183 Minuten
  • Kinostart: 9. Juli 2020  

 

Textundbildlabor / Mi, 08. Jul 2020