«Land’s End, please!»

Moviekritik: The Last Bus
Bildquelle: 
©Filmcoopi

Nach dem Tod seiner geliebten Mary reist der 90-jährige Thomas Harper von Schottland nach England. Auf seiner Reise im öffentlichen Bus erlebt er manches Abenteuer und verliert dabei niemals sein Ziel aus den Augen – die Asche seiner verstorbenen Frau zurückzubringen an den Ort, wo sie sich verliebt hatten.

 

Der gewohnte Blick aus dem Küchenfenster über der Spüle bestätigt es: Mary ist verschwunden. Die frisch bepflanzten Gemüsebeete, wo sie gerade noch gemeinsam an einem heissen Tee genippt hatten, trotzen Wind und Wetter. Doch seine geliebte Ehefrau fehlt. Vor allem in den leeren Räumen des einst gemeinsam bewohnten Hauses, ist es still geworden. Also macht Tom sich auf den Weg. Er fährt los, mit dem Bus, von Schottland nach England, mit einem klaren Ziel vor Augen und einem Auftrag. Er reist für seine Frau, die er soeben an den Krebs verloren hat.

Das Motiv der Reise des Protagonisten ist durchaus vergleichbar mit dem, der Helden aus den Roadmovies – auch Tom sucht nach seiner Identität, nachdem er einen essentiellen Teil davon verloren hat. Unterwegs glaubt er, Mary an unzähligen Orten wiederzuerkennen, die er gemeinsam mit ihr besucht hat. Er trifft sie auf der Strasse an, in einem Restaurant, träumt von ihr in einem Hotel während sich im Zimmer nebenan ein junges Paar miteinander vergnügt.

 

Bye bye, Man of the world

 

Nach einem schüchternen Lächeln der jungen Frau vom Zimmer nebenan und den Abschiedsworten im Frühstücksraum «Bye bye, Man of the world» verlässt Tom das Hotel. «Goodbye», antwortet er ihr noch. Sein Gesichtsausdruck und der Tonfall seiner Stimme lassen erahnen, dass die Absicht seiner Reise eine ganz andere ist, als diejenige des jungen Paares. Seltsam berühren uns diese feinen Sequenzen, in denen Tom auf junge Menschen trifft. Vermutlich auch deshalb, weil wir alle früher oder später an einem Punkt angelangen, wo wir uns mit dem Tod eines geliebten Menschen und auch dem eigenen Sterben auseinandersetzen müssen. Toms Entschlossenheit, Land’s End, den westlichsten Punkt Englands zu erreichen, hinterlässt Eindruck. Ohne sein Wissen wird er zum Star einer Radio-Sendung in Cornwall, die seine Zuhörer ermuntert, nach einem mysteriösen Rentner Ausschau zu halten. Immer seltener bezahlt er seine Bustickets, wird von den Chauffeuren stattdessen einfach mitgenommen.

 

Thomas Harper wartet auf den Bus. (©Filmcoopi)

 

Gegen Ende des Films verdichten sich die Rückblenden, in denen der Zuschauer mehr über Tom und seine grosse Liebe Mary erfährt. Parallel dazu verschlechtert sich der Gesundheitszustand des alten Mannes. Gentlemanlike und heldenhaft, zögert er dennoch keinen Moment, wenn es darum geht, eine junge, schluchzende Unbekannte zu trösten oder mit seinen Mechaniker-Kenntnissen einen Bus wieder fahrtüchtig zu kriegen. Die unzähligen Begegnungen unterwegs, bringen Toms Vorhaben immer wieder durcheinander, geben ihm schliesslich aber auch die Kraft, durchzuhalten und seinen Plan in die Tat umzusetzen. Passend zum Film und nicht vergleichbar mit klassischen Roadmovies ist der minimalistische, filigrane Soundtrack von Nick Lloyd Weber, der von Anbeginn eine Brücke schafft zwischen dem Damals und dem Jetzt, der Realität und dem Traum der Protagonisten und der auch versucht, uns Zuschauern etwas wärmenden Trost zu spenden.

 

Charakterdarsteller am Werk

 

«The Last Bus» kommt ohne filmische Spezialeffekte oder einer raffinierten Montage aus. Der Film überzeugt in erster Linie durch die Leistungen der Schauspieler und einer effektiven Kameraarbeit. Die Hauptdarsteller, Phyllis Logan als Mary Harper und Timothy Spall als Tom Harper, waren gemäss Regisseur Gillies MacKinnon seine Wunschkandidaten für die Rollen. Beide Darsteller, die bereits auf Theaterbühnen und auf der Leinwand unterschiedlichste Charaktere gespielt haben, stellen in «The Last Bus» einmal mehr ihr Können unter Beweis. Vor allem Timothy Spalls’ sensibler Darstellung des trauernden Toms verdankt der Film ein Grossteil seiner Strahlkraft.

 

Ein berührendes Roadmovie der etwas anderen Art, das vor allem lebt von den überzeugenden Darstellern Timothy Spall und Phyllis Logan und den wunderschönen Aufnahmen der malerischen Landschaft Grossbritanniens. Unaufgeregt und mit viel Tiefgang wird vom schmerzlichen Abschied des Ehepartners erzählt.

 

  • The Last Bus (UK, AE 2021)
  • Regie: Gillies MacKinnon
  • Besetzung: Timothy Spall, Phyllis Logan, Natalie Mitson, Ben Ewing, Patricia Panther, Steven Duffy, Saskia Ashdown, Scott Campbell, Anne Kidd, Aila Gavin
  • Laufzeit: 88 Minuten
  • Kinostart: 2. Dezember 2021

 

Textundbildlabor / So, 05. Dez 2021