Nemo: Biel hat mich sehr stark als Person geprägt

Interview mit Nemo
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Pressebild / ©Ella Mettler

Der Bieler Hitschreiber Nemo begann bereits im Alter von 15 Jahren Mundartmusik zu veröffentlichen. Seither ist so einiges passiert. Inzwischen schreibt er, nach einer «Findungsphase», wie er es sagt, ausschliesslich englische Musik. In Biel aufgewachsen pendelt Nemo nun zwischen Berlin und der Schweiz. Im Interview erzählt er, was es Neues von ihm gibt.

 

Celia Kruse: Wir sind hier im Kulturzentrum Reitschule in Bern, was hast du für einen Bezug zu diesem Ort?

Nemo Mettler: Ich bin 2016 hier im Dachstock das letzte Mal aufgetreten. Die Reitschule Bern ist für mich ein Ort voller Erinnerungen. Erinnerungen an Freundschaften, tollen Musik-Momenten und unglaublich schönen Konzerten. Hier herrscht immer eine Art Gemeinschaftsgefühl, es läuft immer etwas.

 

Wie war das Jahr 2023 bis jetzt?

Ziemlich abwechslungsreich. Ich verbringe momentan sehr viel Zeit in Berlin. Es ist eines der ersten Jahre, in denen ich die meiste Zeit dort bin. Es ist sehr schön, den Sommer in Berlin zu verbringen. Die Stadt ist mir in diesem Jahr echt ans Herz gewachsen. Ich durfte unglaublich tolle Menschen kennenlernen, es ist ein sehr tolles Umfeld das gerade dort entsteht. Gleichzeitig bin ich auch oft in der Schweiz, hier gibt es immer viel zu tun. Ich schätze es total, mit ganz vielen unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten. Das Jahr 2023 ist voller Begegnungen geprägt.

 

Du verpackst in deinen Songs teilweise ernste und wichtige Botschaften in Gute-Laune Songs und gibst damit allen Emotionen Platz. Kannst du mit einem Gefühl abschliessen, wenn du einen Song fertig geschrieben hast oder kommt das immer wieder hervor, wenn du ihn live singst?

Ich denke es kommt immer sehr auf den Song drauf an. Es gibt Momente, in denen mich der Song «hitted», während ich ihn live performe und dann merke ich, die Emotion ist gerade sehr präsent und einfach da. Dann gibt es auch Momente, in denen ich einen Song live spiele und zum ersten Mal realisiere, dass dieses Gefühl vielleicht gar nicht mehr so präsent ist in meinem Leben. Dann sehe ich aber all die Gesichter vom Publikum und merke, irgendwie ist der Song jetzt gerade gar nicht mehr nur mein Gefühl, sondern das Gefühl von den Leuten, die im Publikum sind. Das ist immer ein sehr schöner Moment, zu realisieren, das Gefühl gehört jetzt irgendwie uns allen und alle interpretieren ihre eigenen Gefühle in dieses Lied.

 

Deine erste EP ist 2015 herausgekommen. Wie sehr hat sich dein Sound seither verändert?

Ich würde sagen sehr stark. Ich glaube aber auch, es gibt immer ein gewisses Etwas, das in der Musik drinbleibt, dass man einfach rausspürt. Der Kern bleibt immer in einer gewissen Art und Weise, egal wo es musikalisch durchgeht oder auf welcher Sprache ich singe.

 

 

Wenn ich zu viel überlege, merke ich wie ich die Freude an einer Sache verliere. Wenn ich im Mood bin einfach mal loszulegen und alles andere schaue ich dann später, dann ist das ein sehr befreiendes Gefühl.

 

 

Würdest du sagen, du bist das gleiche lyrische Du, wenn du auf Schweizerdeutsch beziehungsweise auf Englisch schreibst?

Nein, es ist definitiv anders. Schon rein nur die zwei Sprachen unterscheiden sich in der Art wie man sie braucht und was gut klingt auf einer Sprache. Jede Sprache hat ihre eigenen Challenges und positive Aspekte. Das Schreiben ist insbesondere anders im Englischen im Vergleich zum Schweizerdeutschen. Das finde ich, ist auch das Spannende daran, auf beiden Sprachen komplett von Null anfangen zu dürfen und selber herauszufinden, wie mit der Sprache umgehen. Das ist das, was mich daran reizt, auf beiden Sprachen schon geschrieben zu haben.

 

Du kommst aus Biel – Wofür steht deine Heimat für dich und welchen Einfluss hat sie auf deine Musik?

Biel ist für mich ein ganz wichtiger Ort. Egal wo es mich hinzieht auf der Welt, ich werde immer zurück nach Biel kommen. Immer wenn ich zurück nach Hause komme, bin ich ein wenig schockiert und denke, manchmal nimmt man es als so selbstverständlich und normal hier aufgewachsen zu sein. Wenn ich nie woanders gewesen wäre, hätte ich vielleicht gar nicht realisiert was für ein Privileg wir hier haben, überhaupt in so einem Land aufwachsen zu dürfen. Dann bin ich gefüllt von Dankbarkeit. Gleichzeitig verbinden mich all die Erinnerungen mit Biel. Die Stadt hat mich sehr stark als Person geprägt. Es war schon immer ein Ort, an dem ich sein kann wie ich bin. Biel ist ausserdem eine tolle Stadt von der Grösse her, in der man sein Ding herausfinden und einfach mal machen kann.

 

Du warst für einige Monate in Los Angeles und hast dort Musik gemacht. Was hast du von LA mitgenommen, was du hier weiterträgst?

Was ich am meisten mitgenommen habe, ist Mut. Mut neue Sachen auszuprobieren und in die Welt rausgehen. Ausserdem das Verständnis, dass es vollkommen okay ist zu scheitern. Viele Leute dort gehen so offen auf andere Leute zu und probieren einfach aus, ohne konstant alles zu hinterfragen. Das war für mich ein sehr grosses Learning. Einfach mal machen, ich glaube die Stadt hat diese Energie sehr. Wenn ich zu viel überlege, merke ich wie ich die Freude an einer Sache verliere. Wenn ich im Mood bin einfach mal loszulegen und alles andere schaue ich dann später, dann ist das ein sehr befreiendes Gefühl. Das hat mir bis jetzt unglaublich viel geholfen im Leben und das habe ich mitgenommen von LA.

 

Was macht für dich ein guter Song aus?

Ein guter Song ist für mich eine gute Kombination vom richtigen Thema, im richtigen Moment, verpackt im richtigen Sound und gesungen von der richtigen Person. Wenn all diese Sachen stimmen, dann ist die Chance sehr gross, dass es ein guter Song ist.

 

 

Der Fakt etwas zu kreieren auf dieser Welt, das andere Menschen positiv beeinflussen oder Freude machen kann, das ist für mich ein grosser Lebensinhalt.

 

 

Was ist das Beste an der Schweizer Musikszene?

Es gibt unglaublich viel, das ich extrem schätze an der Schweizer Musikszene. Ich glaube, das Beste ist, dass sie so erreichbar ist. Die Schweiz ist ein relativ kleines Land, es ist alles sehr nahe beieinander. Das heisst, wenn man mit Kreativschaffenden zusammenarbeiten möchte, nimmt man einfach einen Zug und ist meistens in einer Stunde bei der anderen Person und kann zusammen ins Studio und Musik machen. Auf diese Art ist sehr viel Platz für Kollaborationen da. Dann trifft man sich auch immer wieder und alles ist auf eine Art vernetzt. Man kennt einander. Ich finde ausserdem, die Schweiz ist in vielen Bereichen ein unbeschriebenes Blatt und ich glaube, dass sich im Moment viel Neues in der Musikkultur formt. Es werden noch so viele tolle Sachen von neuen Künstlerinnen und Künstler aus der Schweiz entstehen in den nächsten Jahren.

 

Du warst bei «Die grössten Schweizer Talente», bei «VBT» und bei «The Masked Singer» und bist immer in die engere Auswahl gekommen. Hast du da einen Trick?

Sobald es kompetitiv wird, werde ich recht schnell ehrgeizig. Ich finde es genial an der Musik, dass es nicht direkt messbar ist, wie zum Beispiel beim Sport. Im Sport gibt es viel mehr messbare Ergebnisse und in der Musik ist es in diesem Sinne viel offener. Es ist mehr die Frage, ob einem die Musik gefällt oder eben nicht. Es heisst auch nicht unbedingt, dass wenn etwas auf Platz eins geht, dass es dann die beste Musik ist. Auch habe ich eine kompetitive Ader, die gerne Challenges hat. Etwas in meinem Gehirn switcht und dann gebe ich alles. Ich könnte gar nicht anders und weil ich dann eben so bin, komme ich vielleicht in die nächste Runde.

 

In der Musikszene gibt es gerade eine grosse Diskussion über die Diversität von Festival Line-Ups. Mal wieder ist der Prozentanteil von Frauen bei vielen Festivals erschreckend niedrig. Wenn du die Möglichkeit hättest, dein eigenes Festival zu veranstalten, welche drei weiblichen Headliner würdest du buchen?

LEILA, Soukey und Joya Marleen.

 

Was ist für dich das Schönste an deinem Beruf?

Ein wirklich grosser Teil für mich sind Begegnungen mit Menschen und mich auf Leute einlassen und kennenlernen zu dürfen. Ich habe sehr gerne Menschen um mich herum und bekomme dadurch viel Energie. Ein anderer Teil ist das Kreieren. Der Fakt etwas zu kreieren auf dieser Welt, das andere Menschen positiv beeinflussen oder Freude machen kann, das ist für mich ein grosser Lebensinhalt.

 

Wie würdest du deine Fans beschreiben?

Ich nehme sie als unglaublich offene und herzliche Menschen wahr, die mit sehr viel Freude durchs Leben gehen und ich würde sagen auch gerne entdecken und Freude an Menschen haben. Ich hatte wirklich schon tolle Begegnungen mit Leuten, die meine Musik gerne mögen und ich habe so eine Freude, dass diese Leute überhaupt existieren. Ich glaube, wir haben alle etwas, das uns verbindet und das ist etwas sehr Schönes. Ich bin sehr dankbar für alle Menschen, die meine Musik hören, an meine Konzerte kommen, da sind und das schätzen was ich mache. Das bedeutet mir sehr viel.

 

 

Für mich ist im Moment wichtig in meiner Musik, dass ich etwas machen kann, was sich zu 100 Prozent nach mir anfühlt und wo die Leute mich stark rausspüren.

 

 

Wie verbringst du einen freien Tag?

Ich unternehme gerne alle möglichen Dinge, wie zum Beispiel an Events gehen, in einen Kletterpark gehen oder Jetski fahren. Wobei, ich war noch gar nie Jetski fahren, aber das würde ich gerne einmal machen. (lacht)

 

Was sind deine Pläne für das restliche Jahr?

Finalisieren von Projekten, das wird der restliche Sommer bei mir Thema sein. Ich freue mich enorm auf das was noch kommen wird. Ich kann gerade noch nicht so viel dazu sagen, aber ich freue mich riesig darauf.

 

Welcher Song darf in deiner Sommer Playlist auf gar keinen Fall fehlen?

«Rush» von Troye Sivan.

 

Welchen Fokus legst du bei deiner Musik?

Für mich ist im Moment wichtig in meiner Musik, dass ich etwas machen kann, was sich zu 100 Prozent nach mir anfühlt und wo die Leute mich stark rausspüren. In den letzten Jahren verbrachte ich viel Zeit damit, herauszufinden wer ich bin und was mich ausmacht. Nun bin ich sehr glücklich an diesem Punkt zu sein, an dem ich weiss wer ich bin und was ich sagen möchte. Das ist eine schöne Ausgangslage um Musik zu machen und mich in die Musik hineingeben zu können. Das ist das, worauf ich im Moment am meisten Wert lege.

 

Beschreibe zum Abschluss doch mal das perfekte Setting, um deine Musik zu hören.

An einem warmen Sommerabend auf einer grossen Festivalbühne bei leichtem Nieselregen und mit einem Regenbogen am Himmel. Die Sonne geht langsam unter und in der Mitte vom Set ist es dunkel und trocken. Das wäre perfekt.

 

 

Celia Kruse / Di, 07. Nov 2023