Ein Fischer auf den Wogen des Lebens

Moviekritik: Luzzu
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©trigon-film.org

Ein gelber Fussabdruck klebt im rot gestrichenen Holz des kleinen Fischerbootes und erzählt von besseren Zeiten. Die Luzzu ist ein typisch maltesisches Boot, das oft am Bug ein Paar Augen trägt, die den Fischer vor Gefahren schützen sollen. Dieses spezielle Boot ist seit Generationen in der Familie des Fischers Jesmark (Jesmark Scicluna) und steht als symbolische Metapher für Gegenwart und Vergangenheit. Noch heute erobert Jesmark damit täglich das Meer, versucht reichen Ertrag zu machen und Fische zu fangen. Die Bestände werden jedoch laufend weniger, Klimawandel und industrielle Fischerei sei Dank. Dazu hat Jesmark mit Denise (Michela Farrugia) einen kleinen Sohn, der gesundheitliche Probleme hat und kostspielige Therapien benötigt. Keine leichte Situation für das junge Paar.

 

Denise zieht im Hintergrund sanft die Fäden

 

Jesmark ist einfach gestrickt, aber im Herzen eine gute Seele, hängt an der Familientradition, liebt das Meer und das Fischen, aber auch seine Familie. Er benötigt nicht viel, aber seine Idele sind im wichtig. Diese Punkte versucht der charismatische Malteser unter einen Hut zu bringen. Doch immer mehr ziehen dunkle Wolken auf. Er und seine Luzzu, die schon besser Tage gesehen hat, bringen nicht genug Geld aus den Tiefen des Meeres nach Hause. Doch da sind Angebote aus der Industrie und von dubiosen Fischhändlern, die schnelles Geld versprechen. Jesmark sträubt und wehrt sich, muss sich aber langsam zwischen seinen klaren Wertvostellungen und der Verantwortung als junger Vater entscheiden. Denise gibt Jesmark allerdings sehr viel Zeit, lässt ihn an seinem Traum und seiner Familiengeschichte festhalten und zieht im Hintergrund sanft die Fäden.

 

Der Fischmarkt ist ein hartes Pflaster. (©trigon-film.org)

 

Dem Malteser Alex Camilleri gelingt mit seinem Spielfilmdebüt ein realistischer und gleichzeitig poetischer Film über das Leben einer kleinen Familie auf Malta, die oft wie eine malerische Postkarte wirkt. Dabei setzt er auf authentische Einblicke in eine letztlich harte Welt. Dass Camilleri Malta sehr gut kennt, merkt man in praktisch allen Momenten. Von der Wahl der Drehorte über die Einblicke in das Leben bis zu den Traditionen wie der Segnung der Fischerboote. Dazu ist Malta eine Kulisse, die nicht so oft in Spielfilmen zu sehen ist, was «Luzzu» noch zusätzlich auszeichnet. Wo andere Ferien verbringen, versucht Jesmark tagtäglich für seine kleine Familie eizustehen. Selbst wenn dabei ein versehentlich gefangener Schwertfisch im Wert von 500 Euro wieder ins Meer geworfen werden muss, ist Jesmark zwar frustriert, aber nie ohne Hoffnung. Dabei fällt es ihm sehr schwer, Hilfe anzunehmen. Seine Schwiegermutter mag er gar nicht, weil sie zwar helfen könnte, ihm aber dabei das Gefühl gibt, weniger wert zu sein und der lokale Fischmarktleiter wirft ihm ebenfalls Knüppel zwischen die Beine.

 

Sympathien auf der Seite des Fischers

 

Der Film fängt die täglichen Minenfelder realistisch und ungeschönt ein. Zwar zaubert Camilleri etwas mit den oft warmen Farben, aber damit kontrastiert er bewusst die Geschichte vom Kampf zwischen Ausnutzung und Konkurrenz im Fischhandel auf Malta und untermalt die Intensität der Geschichte. Mit Geschick lässt er den Fischer Jesmark als Hauptfigur gegen die Widrigkeiten anlaufen, ohne zu werten, und vermeidet so, dass klare Positionen suggeriert werden. Der raue Charme des Fischers genügt, und die Sympathien sind automatisch auf seiner Seite.

 

Dass die elementare Figur von Jesmark funktioniert, liegt am Schauspieler Jesmark Scicluna, der den Fischer gewaltig und gefühlvoll portraitiert. In vielen Einstellungen glaubt man ihm direkt in die malträtierte Seele zu blicken und hofft auf ein kleines, nur ein gequältes Lächeln. Dieses kann ihm nur der kleine Sohn entlocken, was dem Seewolf wiederum Profil verleiht. Aber durch diese raue Art der Herangehensweise fügt er der Hauptfigur, die praktisch im Alleingang den Film trägt, authentisches Leben ein. Dafür wurde er am renommierten Sundance Film Festival mit dem World Cinema Dramatic Special Jury Award für Acting ausgezeichnet.

 

«Luzzu» im Oscar®-Rennen für kommendes Jahr. Es wäre dem menschlichen und einfach nur schönen Film zu wünschen, dass er im März 2022 in Los Angeles dabei ist.

 

Mit warmen Farben lädt der so wunderbar realistische wie herrlich poetische Film uns ein, dem Fischer Jesmark dabei zu folgen, wie er auf Weggabelungen trifft. «Luzzu» begleitet einen Mann zwischen Familie und Überzeugungen, der immer wieder taumelt und an Klippen des Lebens stösst. Ein sehr menschlicher und berührender Film.

 

  • Luzzu (Malta, 2021)
  • Regie und Drehbuch: Alex Camilleri
  • Besetzung: Jesmark Scicluna, Michela Farrugia, David Scicluna, Frida Cauchi
  • Laufzeit: 94 Minuten
  • Kinostart: 18. November 2021

 

Bäckstage Redaktion / Mi, 17. Nov 2021