Wenn der Feuerlöscher dran glauben muss

Kritik: Russell Brand in Zürich
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Bäckstage.ch / © Elisabeth Sun

«Reach out and touch faith, your own personal Jesus», Rauch steigt auf. Weisses Sakko, braune Boots, schwarze, knallenge Lederhosen , brauner Gürtel. Unterhose: Fehlanzeige. Eine Holzperlenkette baumelt bis zum Knie, ein Kreuz hängt verkehrt herum um seinen Hals: So taucht er plötzlich mitten auf der Bühne auf: Ex-Mann von Popsternchen Katy Perry, Freund von Socialite Jemima Khan. Ab und zu Schauspieler, Einzelkind, Autor, Kolumnist, Ex-Drug- und Alcoholaddict, seit 10 Jahren clean, Ex-Moderator von Big Brother und MTV, der einst für eine Realityshow mit einem Penner in einer Wanne badete, jedoch später bereute. Politisch sehr aktiv, aber wählen, nein Danke. Vor allem aber Experte in der Welt der Stand-up Comedy. Applaus, Applaus. Rauf- und runterstolzierend, während Depeche Mode´s «Personal Jesus» in voller Lautstärke aus den Boxen dröhnt, lässt er sich unter tosendem Applaus feiern. Tadah, Russell Brand! Charmant begrüsst er das Publikum, seine weissen Beisserchen grinsen von einem Ohr zum anderen, die Locken sitzen. Auf der Bühne aufgebaut: 4 Poster mit Jesus, Malcolm X, Che Guevara und Gandhi. Seine Vorbilder.

 

The Show must go on. Doch die Reise von Berlin in die Schweiz verlief weniger reibunglos. Am Flughafen wurde er angehalten - wegen einer Frucht. «I used to be arrested for drugs. But a fruit? C´mon.» Mit zwei Securityleuten im Schlepptau, die sein Mikrokabel halten, spaziert er erst einmal durch den Kongresssaal. «Was sprecht ihr eigentlich für eine Sprache? Smurf language?“ Schallendes Gelächter. Ein braunhaariges Mädchen fragt ihn scheu: «Can we cuddle? Of course we can cuddle!» Applaus ertönt. Eine fake Blondine mit einem viel zu engem, schwarzen Top schreit zu ihm herüber:  «Come this way». Russell entgegnet: «You should come this way.» Kaum gesagt, zwängt sie die Britin durch die Reihe. Einmal fest an sich drücken und laut schreien: «This was the best thing that ever happened to me in my life.» Einen 17-jährigen mit Mütze fand er niedlich und kommentiert: «When they are 17, their gender is irrelevant», drückt ihn und findet heraus, dass er mit Mama da ist. «Ein grosser Fehler», warnt Brand, schon ist das Foto im Handy.

 

Auf dem Weg Richtung Bühne möchte der Westham-Fan den Leuten auf dem Balkon hallo sagen. Doch er wird abgelenkt: Ein Feuerlöscher, brav daneben: Ein Securitytyp. Der lässt ihn machen. Verschmitztes Grinsen. Die Menge tobt. «I am used to doing stupid things because I was encouraged by the crowd.» Das Publikum feuert ihn an, der rote Feuerlöscher ist bereits in der Hand, der Securitytag ab und einmal losspritzen. Einer in der vorderen Reihe schreit: «Do it again.» Aber nur, wenn er sich vorne hinstellen würde, fordert Brand. Das lässt sich der Junge nicht zweimal sagen. Russell drückt ab. Voll ins Gesicht, inklusive gratis Giftdämpfe. Die Stimmung kocht. Grossartiges Entertainment! Stellt sich heraus, dass dieser Typ, Freddy, aus Essex kommt, Russells Heimat. 

 

Politik meets Zote meets Geschichtsunterricht: Der Vorfall bei der GQ Gala wird rezitiert: Russell beschimpfte Hugo Boss, für Nazis Uniformen geschneidert zu haben. Daraufhin beschwerte sich GQ Chefredakteur Dylan Jones bei ihm: «What you did was very offensive to Hugo Boss.» Brand entgegnete «What Hugo Boss did was very offensive to the Jews.». Schwanks aus seinen Drogenjahren erzählt, vorgemacht, wie er seine Katze Morrissey von hinten nimmt und eigene Todesanzeigen vorliest, wo er bei einem Snowboardunfall verstorben ist. Blocher wird zur Lachnummer und Ronald McDonald habe «lips looking like a pussy». Eine grosse Prise vulgär muss schon sein, immer schön unter die Gürtellinie schiessen und treffen. Tja, das kann Russell eben am besten. 

 

Zum Schluss schwingt er sexy seine Hüften, macht einen weiblichen Orgasmus vor, während er mit schriller Stimme quietscht. Liebe Frauen, bei Russell Brand kommt ihr nicht zu kurz und immer zuerst, denn: «I am the second coming (Wiederkunft) and that´s what I am a little bit like Jesus». Over and out nach anderthalb Stunden mit strapazierten Lachmuskeln inklusive Hitlerwitzen, die in Deutschland tabu waren. Fotos mit Fans, sich drücken und anfassen lassen, Autogramme verteilen, einmal kurz winken und dann spaziert er galant von der Bühne. Provokant, unterhaltend, scharfsinnig, und supersmart. Thanks mate. Mit Bravour bestanden!

Elisabeth Sun / Do, 13. Feb 2014