Von leisen und lauten Tönen: The Lumineers in Zürich

Konzertkritik: The Lumineers im Volkshaus
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Bäckstage / © Patrick Holenstein

Tausende Hände schlagen rhythmisch zusammen, folgen dem Takt, tragen die Band förmlich von Akkord zu Akkord. Auf der Bühne stehen eine Musikerin und vier Musiker, in einer Reihe, vor dem rappelvollen Volkshaus und knüpfen scheinbar mühelos eine Verbindung zwischen sich und dem Publikum. The Lumineers stehen für stilvollen Folk-Sound, mal ruppig und rau, aber auch elegant und harmonisch. Jene Szene ungefähr in der Mitte der Show steht aber als Symbol dafür, warum The Lumineers auch mit der zweiten Platte «Cleopatra» so gut funktionieren. Sie brechen die unsichtbare, aber oft massive Wand zwischen Bühne und Publikum charmant nieder. Einerseits mit massentauglichen Melodien, wie «Ho Hey» - in Zürich schon an dritter Stelle im Set -, aber auch mit subtilen Showelementen, wie eben der gemeinsamen Reihe an der Bühnenkante, was klar Nähe erzeugt. Ein Verstecken hinter Klavier oder Schlagzeug kommt hier nicht in Frage. The Lumineers sind eine Truppe für das Publikum, man liebt sich gegenseitig, was im Volkshaus in jenem Augenblick besonders klar wird und noch an anderen Momenten im Set. Aber zuerst: bitte den Verfolger auf den Support richten.

 

Support für die Merkliste: The Shelters

 

The Shelters stammen aus Los Angeles, sind vier Freunde, zum ersten Mal überhaupt in der Schweiz und ihr 30-Minuten-Gig ist ein voller Erfolg. Oft hat es der Support ja nicht leicht, zwar nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren. Nicht so die Truppe um Sänger Chase Simpson, denn die legt los und zeigt, was sie kann. Man ist aktuell eh dabei, sich Europa zu zeigen und das macht die Band richtig gut. Anfangs noch etwas schüchtern, entfalten sie schnell den ganzen musikalischen Kosmos und der ist für eine junge Band doch schon ziemlich breit. Die Basis legt schnörkelloser Alternative-Rock, aber stellenweise wird klar, dass gezielte Einflüsse eindringen. Etwa jene Momente, in denen man sich kurz an die psychedelische Phase der Beatles erinnert fühlt. Aber das sind oft nur Fragemente, denn direkt danach bricht die Band die eigenen Strukturen, indem sie Vollgas gibt. Der stärkste Punkt an The Shelters ist aber die Leidenschaft. Da sind Soli, die leicht ausufern, Soundmosaike, die zwar noch nicht immer perfekt passen, aber zeigen, was die Band auf dem Kasten hat. Besonders Gitarrist Josh Jove holt alles aus dem Instrument und taucht völlig im Sound ab, zelebriert sein Spiel, ohne aufdringlich zu wirken, geht am Bühnenrand in die Knie und holt sich dafür den verdienten Applaus ab. The Shelters sind, nach dem Kurzkonzert im Volkshaus gewertet, sicher ein Name, den man sich merken darf. Sie sollen schon bald zurück in die Schweiz kommen, hört man aus dem Umfeld der Band. 

 

 

Bilder: © Patrick Holenstein

 

Zurück zum Hauptact des Abends. Bei denen sei es ja eh nur das Warten auf «Ho Hey», hörte man im Vorfeld Leute lästern. Das ist jedoch zu kurz gedacht. Klar, der Song hat der Band den Weg geebnet, aber gegangen ist sie ihn dann doch auch nach dem Single-Hit, hat mit dem zweiten Album solide abgeliefert. Im Volkshaus stehen dann auch fünf Musiker auf der Bühne. Vom fragilen Intro am Klavier, über die etwas verträumt wirkende Neyla Pekarek am Cello und Jeremiah Fraites am Schlagzeug bis zu Wesley Schultz mit den Lead-Vocals und standesgemässem Hut. So leichtfüssig die Band wirkt, so verspielt die Songs daher kommen, so professionell ist sie auch. Das stimmt so ziemlich alles, die Rhythmen greifen sauber, der Mehrfachgesang harmoniert perfekt und wenn das Quintett - zwei Musiker sind wohl als Tourverstärkung hinzugekommen- wuchtig stampfend und mit Fusstrommel aus der Anlage holt, was möglich ist, sind das immer wieder kleine Highlights. Dazu ein kommunikativer Frontmann, der Geschichten erzählt und die Menschen so abholt. Es wundert nicht, dass die Band eben einige Shows von U2 auf deren «Joshua Tree»-Jubiläumstour eröffnet haben. 

 

Schweigen und schwelgen bei «Slow It Down» 

 

Aber am besten sind The Lumineers, wenn sie sich selbst kontrastieren und alles runterfahren. Plötzlich stehen nur zwei Musiker auf der Bühne, legen mit Gitarre, zweistimmigem Gesang, sowie Fusstrommel und Tamburin einen Moment auf die Bretter, «Slow It Down» wurde dafür gewählt, der das Volkshaus zum Schweigen und Schwelgen bringt. Das Zürcher Publikum hört zu und vom Balkon aus kann man beobachten, wie die Menschen der Melodie lauschen und Respekt vor der Band zeigen. 

 

The Lumineers können die Menschen mit schnellen Folksongs genauso abholen wie mit leisen und intimen Gegensätzen. Hier liegt wohl das Geheimnis hinter dem anhaltenden Erfolg des Trios, das aktuell in Denver lebt. 

 

Patrick Holenstein / Mi, 05. Jul 2017