Argyle - Viel mehr, als nur ein Pub-Gig

Konzertkritik: Argyle in Zürich
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Pressebild / ©Dylan Moore

Fast pünktlich betrat Argyle mit seiner Band die Bühne und vereinzeltes Klatschen, Jubeln und undefinierbare Rufe gingen durch den Saal. Diese Laute lenkten zum Glück auch die Aufmerksamkeit der gesprächigen Menge im Saal auf die Bühne und sie galt für einen Augenblick dem Schotten im Jeanshemd. Argyle eröffnete den Abend mit dem Song «Stuck Between The Waves», der auch der erste Titel auf seiner im 2022 erschienenen EP «Waves» ist. Bereits von den ersten Sekunden an wurde er vom textsicheren Publikum gesanglich unterstützt. «Yeah you know the words!», meinte er inmitten des Songs und lachte.

 

 

Vertrautes Gefühl von Schmerz

 

 

«Der nächste Song erzählt von meinem Vater», teilte Argyle kurz darauf mit. Sanfte Gitarrenklänge ertönten und er stimmte «Write Me Off» an. Seine raue und kräftige Stimme kam in gewissen Passagen besonders gut zur Geltung und unterstrich die emotionale Geschichte hinter dem Song. Er hängte gleich die nächste tiefgründige Geschichte mit «Relentless» an. Der Refrain («… now that I’m alone, I’m slaving away in the dark that’s surrounding me») beschreibt ein für Argyle vertrautes Gefühl von Schmerz und Unzufriedenheit in zwei total verschiedenen Lebensphasen, die inzwischen zehn Jahre auseinander liegen. Er vergleicht das Gefühl, dass er in seiner Karriere während einer Tour hatte und alleine im Hotelzimmer sass mit dem Gefühl, dass er zehn Jahre zuvor als Teenager hatte, als er alleine in einer Polizeizelle sass.

 

 

Schottische Pubvibes im Discokugel-Glitzerschein

 

 

Im Raum wurde es dunkler und die Discokugel in der Mitte wurde in weisses Licht getaucht. Argyle sang die ersten Zeilen seiner Single «Rain» und auch das Publikum war textsicher dabei. Das Lied hatte er erstmals an den Music Awards anfangs 2023 mit Chiara Castelli performt. Da Chiara am heutigen Abend seinen Support gemacht hatte, konnte man bereits erahnen, dass er sie für das Stück zurück auf die Bühne holte. Dem war auch so: Da standen sie, sangen dieses wunderbare Duett im Glitzerschein der Discokugel und zogen das Publikum in ihren Bann.

 

Zwischen den Songs interagierte der junge Mann mit Bart und Beanie immer wieder mit dem Publikum. «Ich habe kein Bier, fucking hell», rief er irgendwann in die Menge. Jemand rief vom Publikum «Shall I bring you one, mate?” zurück, man jubelte und lachte und es machte sich eine Stimmung breit, die sich mit der in einem Pub vergleichen lässt. Kurzerhand erschien Marius Bear auf der Bühne und brachte dem Schotten sein Bier, verschwand dann wieder und Argyle kündete an: «Marius Bear everyone! Wir haben ein ganzes fucking Album geschrieben. Es erscheint nächstes Jahr». Klatschen und Pfiffe erfüllten den Raum und es ging weiter in der Setlist.

 

 

Ein Talent, das mehr Aufmerksamkeit verdient

 

 

Wer genau hinhört und sich auf sein Talent als Songwriter einlassen kann, weiss, dass man auf der Suche nach lyrisch starken Texten beim Halbblut-Schotten an der richtigen Adresse ist. Er erzählt mit seiner Musik von persönlichen Erfahrungen im Leben mit «love, sex, drugs and rock’n’roll», wie Argyle selbst erklärt, und doch lassen seine Texte grossen Raum, damit seine Zuhörerinnen und Zuhörer die eigenen Geschichten damit in Verbindung setzen können.

 

Leider bekam der 28-Jährige während seinem ganzen Set nicht die Aufmerksamkeit des Publikums, die er eigentlich für seine Musik verdient hätte: Lautes Gequatsche von allen Ecken im kleinen Wölbekeller des Dynamos und trinkmotivierte Jungs und Mädels unter einem Dach. Man hatte eher das Gefühl, als sei man in einem Schottischen Pub gelandet, als an einer ausverkauften Argyle-Show in der Zürcher Innenstadt.

 

Gegen Konzertende animierte er Männer und Frauen zum Mitsingen; eine Tonlage für die Jungs, die höhere für die Mädels. Es funktionierte hervorragend und die Freude darüber war Argyle ins Gesicht geschrieben. Er genoss es und das Publikum auch. Mit seinem letzten Song überliess er die strahlenden Gesichter und tanzenden Menschen der Freitagnacht.

 

Lyrisch stark, stimmlich stark, musikalisch stark. Ein talentiertes Gesamtpaket in der Musikindustrie. Mit seiner sympathischen Art schafft Argyle eine Nähe zum Publikum und wird von seinen Zuhörerinnen und Zuhörern wahrscheinlich auch deshalb so sehr als Künstler geschätzt. Wir sind gespannt, was die Zukunft für den Schotten bereithält.

 

Rahel Inauen / Sa, 18. Nov 2023