Vater, Tochter und Toni Erdmann

DVD-Kritik: Toni Erdmann
Bildquelle: 
Impulse Pictures AG

Winfried Conradi (Peter Simonischek) arbeitet als Lehrer, versteht sich aber auch als Clown, der mit seinen oft derben Scherzen immer wieder für Irritation sorgt. Längst ist er von seiner Frau getrennt, auch seine Tochter Ines (Sandra Hüller) ist ihm fremd. Man sieht sich nur noch selten, telefoniert zum Geburtstag. Doch dann beschliesst Winfried, Ines in Bukarest zu besuchen, wo diese für eine Consultingfirma arbeitet. Notgedrungen nimmt die Tochter den Vater auf, nach einem Wochenende voller Missverständnisse und peinlicher Situationen verabschiedet man sich verkrampft. Doch als Ines am Abend ausgeht, spricht ein Mann mit Perücke, schlechtsitzendem Anzug und falschem Gebiss sie und ihre Kolleginnen an: es ist Winfried, der sich nun als Toni Erdmann ausgibt. 

 

Die Regisseurin Maren Ade lässt sich über eine Stunde Zeit, die Filmfigur Toni Erdmann einzuführen. Mit seiner Erscheinung wird die vergangene Vater-Tochter-Beziehung aus den Angeln gehoben. Die ersten quälenden Szenen waren geprägt von dem Unangenehmen, dem Unausgesprochenen und der Fremdheit zwischen den beiden. Ines kann durch die Maske und den neuen Namen endlich eine andere Art der Bindung zu ihrem Vater aufbauen. 

 

Versteckte Vorwürfe und unterdrückte Wut

 

Das klingt so einfach wie komplex, aber es funktioniert anscheinend. Selten hat man auf der Leinwand eine solch angestrengte, von versteckten Vorwürfen und unterdrückter Wut geprägte Beziehung gesehen. 

 

Dieser Film ist – ehrlich gesagt – etwas anstrengend. Er zieht sich wie Kaugummi und in manchen Momenten möchte man einfach abschalten und sich draussen auf eine Schaukel setzen, um wieder etwas Unbeschwertheit zu erfahren. 

 

Doch die Art, wie die Regisseurin zum emotionalen Kern der Hauptdarsteller vordringt, verdient ein lobendes Wort. Das Duo Peter Simonischek und Sandra Hüller ergänzt sich richtig gut. Vor allem Sandra Hüller legt quasi einen Seelenstriptease (nicht nur im übertragenen Sinne) hin. Eine Sexszene zeigt eindrücklich, wie weit entfernt Ines von einer Beziehung, Wärme und Leidenschaft lebt. Völlig abgestumpft und emotionslos. 

 

Im Laufe des Films bröckelt bei allen Beteiligten die Fassade und dies ist ein langsamer, ernster und kaum auszuhaltender Prozess. Die Arbeit am Film hat sich aber gelohnt, denn «Toni Erdmann» bekam eine Nominierung als «Bester Fremdsprachiger Film» bei den Oscars® 2017. Gewinnen konnte er nicht, aber unter den letzten Fünf zu sein, ist schon eine grosse Ehre.

 

Man sollte seine Erwartungen diesem Film anpassen. Er ist auf keinen Fall «Ein Triumph der Leichtigkeit», wie eine Zeitung getitelt hat. Wenn man sich aber auf einen fast dreistündigen Vater-Tochter-Problembeziehungs-Film mit guten Schauspielern einstellt, wird man sicher nicht enttäuscht

  • Toni Erdmann
  • Regie & Drehbuch: Maren Ade
  • Besetzung: Sandra Hüller, Peter Simonischeck, Michael Wittenborn
  • Laufzeit: ca. 162 Minuten
  • Im Handel: ab Februar 2017

 

 

 

Jasmin Honegger / So, 12. Mär 2017