Juniper – Komm zu mir

Moviekritik: Juniper
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©Cineworx

Der neuseeländische Sänger Marlon Williams singt in seinem Lied «Come to Me» aus dem Jahr 2018 von Sterblichkeit und Zusammenkommen. Seine Stimme klingt, als würde Elvis aus dem Jenseits hinübersäuseln. Anders als bei klassischen Presley-Songs löst sich bei Williams die Spannung nicht harmonisch auf.

 

Matthew J. Saville hat mit den Songs von Marlon Williams die perfekte Filmmusik für seinen diesjährigen Film «Juniper» gefunden. Der Film spielt auf Neuseeland und handelt von einem Jugendlichen und seiner Beziehung zu seiner alkoholabhängigen Grossmutter. Die Elvis-Ähnlichkeit ruft alte Zeiten und Substanzmissbrauch in Erinnerung. Die Sterblichkeit der Grossmutter wird im Film zum Thema gemacht. Wie in Williams‘ Musik verbindet sich das Klassische mit Modernem.

 

Besonders in der ersten Hälfte des Films wird aufgezeigt, was den Jugendlichen Sam und seine Grossmutter umtreiben. Der Vater der Hauptfigur hat nur wenig Kontakt mit seiner Mutter. Das ist verständlich: Sie trinkt jeden Tag zu viel Gin, ist häufig unfreundlich zu den Personen um sie herum, sie missbraucht ihre Macht über die anderen. Gleichzeitig hat sie als ehemalige Kriegsfotografin eine faszinierende Biographie und sehnt sich nach einer letzten grossen Liebschaft.

 

Derweil fühlt sich ihr Enkel von seinem Vater verstossen, seit dieser ihn in ein Internat abgeschoben hat. Seit dem Tod seiner Mutter hat Sam den Willen zum Leben verloren. Wie in Williams‘ Song scheint jemand aus dem Jenseits zu ihm zu sprechen und ihn zu sich zu rufen. In dieser ersten Hälfte des Films werden die Figuren auf eine vielschichtige Weise so etabliert, dass sie einen interessieren. Auch Ruth ist mit ihrer für eine alternde Person unkonventionelle Art sympathisch, alles scheint ihr egal zu sein.

 

Leider verliert der Film diesen Fokus bald. In der zweiten Hälfte gehen viele der Aspekte, die den Facettenreichtum von «Juniper» zu Beginn ausmachen, verloren. Stattdessen kommt es zu vielen harmonischen Szenen, in denen die anfangs präsentierten Konflikte mehrheitlich fehlen. Einige Momente enden schlussendlich sogar im Klischee. Diese Wendung von einer Studie der Komplexität von Menschen hin zu einer Zelebration der Familie gelingt dem Regisseur nur teilweise.

 

«Juniper» ist bis zum Ende ästhetisch gefilmt, überzeugend geschauspielert und herzerwärmend. Aber das Versprechen der Musik von Maron Williams, von Spannungsverhältnissen, die unaufgelöst ausgehalten werden, hält der Film zum Schluss nicht.

 

Ein Film über eine gespaltene Familie in Neuseeland, der besonders in der ersten Hälfte mit vielschichtigen Figuren Interesse weckt.

 

  • Juniper (Neuseeland 2021)
  • Regie & Drehbuch: Matthew J. Saville
  • Besetzung: Charlotte Rampling, George Ferrier, Márton Csókás, Edith Poor
  • Laufzeit: 94 Minuten
  • Kinostart: 15. September 2022

 

Jonas Stetter / So, 18. Sep 2022