Der Alltagsheld aus der Nachbarschaft

Kritik: A Beautiful Day In The Neighborhood
Bildquelle: 
Praesens Film AG Zürich

Jede Episode von «Mr. Rogers‘ Neighborhood» beginnt mit einer Vogelperspektive einer imaginären, legohaften Kleinstadt. Begleitet wird das Intro von einem Piano und dem Lied «Won’t You be My Neighbor». Dann tritt der singende Fred Rogers ein und zieht sich einen Cardigan und ein anderes Paar Schuhe an. Die im Film gezeigte Episode setzt sich mit dem Gefühl der Wut und einem gesunden Umgang mit ihr auseinander. Dafür erzählt er von seinem guten Freund Lloyd Vogel, der eine schwere Zeit durchgemacht und endlich seine Wut besiegt hat. Mr. Rogers spricht Themen an, die aus psychologischer Sicht etwas «schwer verdaulich» für Kinder sein könnten, aber einfach zum Leben gehören, wie zum Beispiel der Tod eines Familienmitglieds oder die Scheidung der Eltern. Für Rogers ist es essenziell, dass Kinder über Anstand, Toleranz, Teilen, Emotionen und ein gesundes Selbstwertgefühl unterrichtet werden.

 

Fred Rogers war ein herausragender Mann. Jemand, der nicht nur Kindern Werte wie Herzlichkeit, Mitgefühl und Nächstenliebe vermittelt, sondern auch Erwachsene an diese Tugenden erinnert hat. Der Film von Regisseurin Marielle Heller nähert sich der Person von Rogers clever durch den Reporter Lloyd Vogel. Er soll ein Portrait des «netten Nachbarn» schreiben. Während er also Rogers mit persönlichen Fragen aus der Reserve zu locken versucht, blockt er bei jeglichen Konterfragen gnadenlos ab. Mit der Zeit erkennt der Reporter die herzliche Natur des Fernsehonkels als ehrlich und merkt langsam, wie sich sein eigenes Weltbild dadurch verändert. Der Film basiert auf den Memoiren von Tom Junod, der als Journalist einst den tatsächlichen Auftrag zum Portrait hatte.

 

Tom Hanks in der oscarnomminierten Rolle als Fred Rogers. (© Praesens Film AG Zürich)

 

Der Film behandelt zudem soziale Themen. 1968 / 1969 befanden sich die USA - wie auch jetzt im Jahr 2020 - in einem gespaltenen Zustand. Martin Luther King war ermordet worden und es gab eine grosse Welle an Unruhen und Protesten, Rassismus auf den Strassen und auch eine anhaltende Trennung von Schwarzen und Weissen. So durften sie sich beispielsweise nicht gleichzeitig im Schwimmbad aufhalten.

 

Fred Rogers lud also 1969 den afroamerikanischen Sänger und Schauspieler François Clemmons in seine Sendung ein. Er fragte Clemmons, ob er kurz seine Füsse in einem kleinen Becken abkühlen wolle. Als Clemmons seine Füsse badete, setzte sich Rogers neben ihn und steckte seine Füsse ebenfalls in das Becken. Mit dieser simplen Aktion setzte Fred Rogers ein Zeichen gegen Diskriminierung und Hass und wurde dafür von Millionen von Fernsehzuschauern verehrt.

 

«A Beautiful Day In The Neighborhood» ist ein herzerwärmender Film, der nicht kitschig wird. Es ist ein Film, der die leisen Töne anschlägt und uns auch mal in uns gehen lässt. Wir werden daran erinnert, dass wir etwas Besonderes sind und dass uns alle Emotionen noch menschlicher machen.

 

Gerade in chaotischen, unsicheren Zeiten wie diesen, in denen die Welt verrückt spielt und die USA wieder zerrissen sind, bräuchten wir einen Mr. Rogers, der alles ein bisschen erträglicher macht.

 


I would love him to be my neighbor.

 

  • A Beautiful Day In The Neighborhood (USA 2019)
  • Regie: Marielle Heller
  • Besetzung: Tom Hanks, Matthew Rhys, Chris Cooper, Maddie Corman
  • Laufzeit: 107 Minuten
  • Kinostart: 11. Juni 2020

 

Jasmin Honegger / Mi, 10. Jun 2020