Schweizer Kameramänner hätten einen Kulturschock erlitten.

Interview mit Chitra-Lekha Sarkar
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© Lekha Sarkar

Interview: Tenzin Samten Khangsar

 

Die  Zürcher Regisseurin und Produzentin von «Pop Art am Ganges», Chitra-Lekha Sarkar, hat mehrere Monate in Kalkutta verbracht, um ihren Dokumentarfilm zu realisieren. Bäckstage verrät Sie nun exklusiv, was ihre Beweggründe zu diesem Film waren, welche Unterschiede sie zu unserer Kunstszene sieht und warum Pauschalisierungen über Indien sie so nerven. 

 

In Ihrem Film porträtieren Sie eine neue Generation von jungen indischen Künstlern. Wie kam es dazu? Und was hat Sie am meisten beeindruckt?

 

Durch die Wirtschaftsliberalisierung anfangs der 90er Jahre hat sich Indien stark verändert. Eine junge Generation ist herangewachsen, die selbstbewusst, eigenständig, kreativ und offen ist. Sicher lässt sie sich auch von westlicher Kunst inspirieren, ist aber gleichzeitig stark in ihrer eigenen Kultur verwurzelt. Das hat mich interessiert.

 

Sie haben ausschließlich mit einheimischen Kameraleuten gefilmt. Inwiefern hat sich diese Zusammenarbeit von der hier in der Schweiz unterschieden? 

Ich habe mit einem jungen Kamerateam zusammengearbeitet, das gut organisiert und ungeheuer flexibel war. Das muss man in Indien einfach sein. Manchmal bricht der Wagen zusammen oder es kommt zu extremen Verkehrstaus, was wiederum zu großen Verspätungen führen kann. Ein sehr großer Vorteil war natürlich, dass mein indischer Kameramann die Stadt dermaßen gut kannte, dass er mir von sich aus tolle Drehorte vorgeschlagen hat. Die meisten Schweizer Kameramänner hätten einen Kulturschock erlitten. Zudem hat Kalkutta wie Mumbai eine große Filmindustrie. Inder lieben Filme. Obwohl es ein Fernsehfilm ist, hat der Kameramann sehr cineastisch gedreht, mit ungewöhnlichen neuen Blickwinkeln, die ich so nicht gekannt habe.

 

Worin unterscheidet sich die indische Kunstszene von der Schweizerischen - Ihrer Meinung nach?

 

Das ist sehr schwierig zu vergleichen. Indien ist ein Kontinent mit 1,2 Milliarden Mensch. Die zeitgenössische indische Kunstszene ist ungeheuer vielfältig, sicher aber ist die Auseinandersetzung mit den eigenen gesellschaftlichen und religiösen Traditionen wichtig, mit indischen Bräuchen wie der arrangierten Heirat, mit dem indischen Lebensstil, wozu Bollywood Filme gehören etc.

 

Wenn wir Nachrichten über Indien lesen, dann fallen meistens Stichwörter wie Gewalt gegen Frauen, Armut und Nationalismus. Doch was sind Ihrer Meinung nach die positiven Dinge oder Stärken, über die man weniger hört?

 

Die indische Kultur ist ungeheuer vielfältig und farbig, Tempel, Paläste, Skulpturen, Musik, Philosophie, Religion, Filme, Literatur – und positiv für den Westen sind ja auch Yoga, Ayurveda, der Elefantengott Ganesha, den ich neuerdings hier überall sehe, Taj Mahal, Kamasutra etc.

 

Sie selbst sind väterlicherseits ebenfalls indischer Abstammung. Fühlen Sie sich mehr als Inderin oder als Schweizerin?

 

Es ist noch ein bisschen komplizierter. Meine Mutter ist Italienern, mein Vater Inder, aufgewachsen bin ich in der Schweiz. Also habe ich drei Kulturen in mir, wobei die indische für mich die stärkste ist. Dort ist mein Herz, meine Seele. Aber natürlich ist auch die Schweiz meine Heimat, auch hier bin ich verwurzelt, auch hier gefällt es mir sehr, hier habe ich meine Freunde. Aber auch Italianità liebe ich.

 

Welche Klischees um und über Indien stören Sie persönlich am meisten hier in der Schweiz?

 

Was mich nervt ist, wenn man Birnen mit Äpfeln vergleicht. Pauschalisierungen. Indien ist ein Land der Extreme und Widersprüche, gerade das macht es ungeheuer faszinierend, aber auch schwierig für westliche Leute. Man kann es nicht so schnell begreifen. Es gibt viele Indienreisende, die romantisch alles verklären und andere, die nur Armut und Barbarei sehen. Es ist halt beides, am selben Tag kann man Himmel und Hölle erleben.

 

Unsere Besprechung zum Film findet ihr HIER. Der Film «Pop Art am Ganges» wird am Sonntag, 10. Mai, um 11:55 Uhr auf SRF 1 gezeigt. 

Bäckstage Redaktion / Mi, 06. Mai 2015