MAD HEIDI: Die helvetische Killer-Amazone

Zu Besuch am Film Set bei MAD HEIDI
Bildquelle: 
madheidi.com

Heidi ist erwachsen. Gefangen in einer dystopischen Schweiz, unterdrückt von einem tyrannischen Diktator, mausert sich Heidi zur kampferprobten Killerqueen, um ihre Liebsten zu rächen. So lautet die Prämisse des Films, der zurzeit in Bern und im Wallis gedreht wird. Hinter dem Film stehen die beiden Berner Filmemacher Johannes Hartmann und Sandro Klopfstein, die anno 2017 – mit vielen freiwilligen Helfer:innen - einen Teaser Trailer produzierten. Mit diesem zogen sie hinaus in die grosse weite - und teils riskante – Crowdfunding-Szene. Unterstützt von «Bruno Manser»-Produzent Valentin Greutert, fassten sie schnell Fuss, stellten ein noch nie dagewesenes Crowdinvesting auf die Beine und knackten als bisher erste Filmproduktion die fanfinanzierte 1. Mio. Schweizer Franken-Grenze.

 

Alle Fotos: ©Tanja Lipak

 

Alles auf Basis von Faninvestoren (aus über 18 Ländern), die Heidi als Racheengel in den Berner Alpen sehen wollen. Klingt zu schön, um wahr zu sein? Ist es auch. Auf der ungewissen Reise wurde ein, am Drehbuch mitwirkender, Kollege kurzfristig von seinem jahrelangen Arbeitgeber entlassen. Die rechtswidrige Kündigung wurde dann auch nach mehreren juristischen Hickhacks auch auf oberster Ebene als Unrecht bestätigt. Die Reaktion der Filmemacher? Always look on the bright side of life. Der Skandal brachte schliesslich auch mediale Aufmerksamkeit. Dann kam der nächste Sturm. 2020, die Welt-(Wirtschaft) steht aufgrund Covid still. Nicht grad die ideale Voraussetzung, um filminteressierten Nerds grössere Geldinvestitionen zu entlocken. Geschafft haben sie es trotzdem. Doch das Ziel ist noch nicht erreicht, es fehlen immer noch ein paar Fränkli bis zur ambitionierten 2. Mio. Franken-Grenze. Interessierte finden auf www.madinvest.co alle Informationen. Ab einem gewissen Betrag winken – neben den finanziellen Anreizen – auch nicht monetäre Entschädigungen, wie beispielsweise der Auftritt als Statist: in. Swissploitation based Immortality sozusagen. Inspiriert von Exploitation -(«Coffy»), Rache- («Lady Snowblood», «Kill Bill»), «Woman in Prison»- («Woman in Cages»), und Heimatfilmen («Heidi») entstand übrigens der Begriff/Stil «Swissploitation».

 

An einem kühlen, but sonnigen Montag besammelten sich einige dieser besagten Filminvestoren mit Cast & Crew in Burgdorf, um Eröffnungs- wie auch Schlusssequenz des Films aufzunehmen. Eingeladen wurden auch Medienvertretende. Eine grossartige Gelegenheit, um die ansonsten in Bümpliz Süd stationierte Crew kennenzulernen. Im Berner Westen wurden ehemalige Bürozimmer als Kostüm- und Make-up-Räume neuinterpretiert, während die Einstellhalle in ein Filmstudio umdekoriert wurde, mit viel Platz für Filmrequisiten. Diese fehlten in Burgdorf wortwörtlich. Irgendwie wurden die Helme der Soldaten vergessen, was aber nicht weiter störe, wie Johannes Hartmann meinte, da die Szene 20 Jahre vor der eigentlichen Handlung spiele und Stoffhüte somit das Soldatenhaupt gleichgut decken und so auch den zeitlichen Kontrast kostümtechnisch widerspiegeln. Wie sehr Kostüme einen Menschen verändern können, erlebten wir an diesem Tag selbst. Heidi-Hauptdarstellerin Alice Lucy begrüsst uns zum Interview mit langen, offenen Haaren, Jeans und Strickjacke. Sie wirkt fast ein bisschen schüchtern und zurückhaltend, ganz das Gegenteil der blutrünstigen helvetischen Amazone, in die sie sich im Verlauf des Tages verwandeln wird.

 

Wie würdest du «Mad Heidi» einer Person erklären, die den Trailer noch nie gesehen hat oder mit dem Wort «Swissploitation» wenig anfangen kann?

 

Zuhause in London habe ich es meinen Liebsten als Kombination zwischen Edgar Wrights «Hot Fuzz» und Quentin Tarantinos «Kill Bill» erklärt. Der Film besticht mit dem trockenen Humor, Sarkasmus und Witz den «Hot Fuzz» besitzt, aber auch mit dem ganzen Gore, der Action und den cineastischen Szenen, wie wir es aus «Kill Bill» kennen. Eine Action/Adventure/Comedy/Horror/Thriller-Extravaganza. (lacht)

 

Was war deine erste Reaktion als du das Drehbuch gelesen hast?

«Das ist komplett verrückt und genau nach meinem Geschmack!», sagte ich meiner Agentin, nachdem sie mir das Script zugesendet hatte. (lacht)

 

Heidi ist deine erste Hauptrolle in einem Spielfilm. Wie bist du vorgegangen?

Ich lerne jeden Tag Neues darüber, einen Film zu drehen. Neues über mich als Darstellerin, aber auch über die Unterschiede zwischen Theater und Film. Beim Theater übe ich beispielsweise jeden Abend die chronologische Entwicklung meiner Figur. Ich muss den Weg der Figur also ganz genau kennen. Beim Film ist es anders. Ich muss ebenfalls den gesamten Verlauf im Griff haben, aber ich nähere mich viel genauer und detaillierter jeder einzelner Szene an, weil wir in einer asynchronen Reihenfolge drehen. An einem Tag muss ich eine emotionale Szene mit Alpöhi drehen und tags darauf drehe ich eine andere Szene, die in Heidis Leben aber erst in drei Wochen stattfindet, sie sich also emotional an einem komplett anderen Punkt befindet. Um mich mental darauf vorzubereiten, habe ich pro Szene eigene kleine Karteikärtchen erstellt, auf denen ich festgehalten habe, was Heidi zu diesem spezifischen Zeitpunkt weiss, welche Emotionen sie durchlebt. Ich, als Alice, weiss alles, aber ich muss mich in die spezifische Lage von Heidi in diesem spezifischen Moment einfühlen. Ich darf nichts verraten, wenn ich eine späte Szene am Anfang oder eine frühe Szene der Handlung am Ende der Dreharbeiten spiele.

 

Ihr seid zwar noch mitten im Dreh, aber gibt es eine Szene die dir besonderen Spass gemacht hat?

Es gab eine Szene, die für mich sehr surreal war und die mich daran erinnerte, dass ich nun wirklich hier bin und den Film drehe. Ich habe mich für Mad Heidi seit März 2021 beworben und in der Zeit habe ich viel mit Johannes und Sandro gesprochen und gewisse Szenen immer wieder geübt. Ich möchte keine Spoiler geben, aber im Teaser Trailer mit der vorherigen Heidi, Jesse, gibt es eine Szene, in der Heidi einen Soldaten in zwei Teile splittet. Und ich erinnere mich sehr gut, als ich den Trailer zuhause in Bett in London sah und dachte «Omg, dies werde ich auch mal machen, für das bewerbe ich mich gerade». Und vor ein paar Tagen haben wir just genau diese eine Szene, in der ich den Soldaten hälfte, um drei Uhr morgens gedreht. Das war sehr surreal.

 

Wie ist das Zusammenarbeiten mit den anderen Darstellern?

Seit August bin ich in Bern und ich habe die Chance, die ganzen drei Monate über in der Schweiz zu sein. Alle anderen Darsteller kommen und gehen, aber ich bin die einzige Konstante. (lacht) Deshalb habe ich mit jedem einzelnen, jeder einzelnen sehr unterschiedliche Beziehungen. Alle sind sehr liebendwürdig. Eine der speziellen und sehr schönen Besonderheiten von «Mad Heidi» ist, dass es von Fans produziert wurde. Und auch wir Darsteller sind richtige «Mad Heidi»-Fans, weil wir an den Film und die Geschichte glauben.

 

Und wie ist das so mit den Faninvestoren? Ist es schwierig, weil du während dem Dreh konstant auch von dort Feedback bekommst? Oder motiviert es, weil es einen guten Energieschub bringt?

Wir hatten einige sehr lange Drehtage und vieles ist physisch sehr anstrengend mit all den Kampf- und Actionszenen. Und mit all den Faninvestoren, die auch als Statisten mitmachen, kommt eine positive und motivierende Energie ans Set, auch wenn man als Darsteller erschöpft ist. Wenn die Fans kommen und voller Elan das Set stürmen, dann bringt es die benötigte Energie, die man braucht und es macht dann auch viel mehr Spass. (lacht)

 

Gab es gewisse Vorurteil über die Schweiz, die sich gar nicht oder doch schon bestätigt haben?

Ich hatte keine Vorurteile, was die Schweizer anbelangt. Ich wusste Bescheid über Käse, Uhren und Schokolade. Aber das war bereits alles. Ich habe die meiste Zeit bis jetzt in Bern verbraucht und ich liebe die Stadt und ihre Bewohner:innen. Alle sind unglaublich herzlich und offen.

 

Deine Rolle ist, wie du erwähnt hast, sehr physisch. Gibt es einige Stunts, die dir besonders gefallen haben oder Waffen, mit denen du gerne hantierst?

Ich praktiziere Taekwondo und es war sehr bereichernd, dass ich dies mit in die Stunts einbauen konnte. Waffentechnisch hantiere ich mit vielen, sehr vielen Waffen. (lacht) Die Hellebarde ist aber die speziellste Waffe, ich darf sie in einen sehr grossen Kampf einsetzen und die Choreografie der Kampfszene ist genial. Jedes Mal, wenn ich sie richtig ausführe, fühle ich mich richtig cool. (lacht) Ich darf noch nichts verraten, aber frag mich in einem Jahr erneut, dass können wir darüber sprechen. (lacht)

 

Letzte Frage: Was ist dein liebster Platz in der Schweiz?

(In Deutsch!): Bei der Aare.

 

 

Weitere Video Interviews mit Alice Lucy und Casper Van Dien findest du auf unserem Baeckstage.ch Instagram Account.

Für den Dreh in Martigny werden noch Statisten gesucht. Einfach «heidi.af/martigny» im Browser eingeben und bei Interesse anmelden.

 

 

 

 

 

 

Tanja Lipak / Sa, 16. Okt 2021