Wladimir Kaminer: Keine «Zeitverschwindung»

Lesung: Wladimir Kaminer im Kaufleuten
Mehr Comedy als Lesung.
Bildquelle: 
wladimikaminer.de

Andere Autoren betreten die Bühne, nehmen auf ihrem Stuhl hinter dem extra für sie in der Mitte der Bühne aufgestellten kleinen Tisch Platz, scherzen ein wenig mit dem Publikum und lesen aus ihrem neusten Werk. Nicht so Wladimir Kaminer. Dass seine Lesungen eher ungewöhnlich sind, hört man immer wieder. Und der Russland Deutsche wird seinem Ruf gerecht.  

 

An diesem Abend steht im sehr gut besuchten Kaufleuten zwar ein Pult auf der Bühne. Allerdings ist dieses eher am Rande auszumachen. Mittig steht dafür ein Mikrofon. Und Kaminer gedenkt sich – einmal auf der Bühne – nicht mehr davon wegzubewegen. Man muss es einfach sagen: Nur schon Kaminers sehr eigenes Deutsch ist lustig. Und der Mann hat echte Stand-Up-Comedy Qualitäten. Ohne dass man es merkt, verschwindet die erste Halbzeit. Obwohl Kaminer ankündigt, dass er im ersten Teil vor allem Werbung für sein neues Buch machen möchte, liest er genau einmal daraus vor. Und zwar ganz zum Schluss. Kurz vor der Pause und auch nur «damit Sie alle in der Pause das Buch kaufen.»

 

Russland hatte einen Zwischenpräsidenten, der die Winterzeit abgeschafft hat.

 

Kaminer plaudert über die Schweiz, über Schrebergärten – seinen geliebten kleinen Garten in Berlin musste er 2008 «wegen Probleme mit spontaner Vegetation» abgeben und erzählt Anekdoten aus Russland, wo er letzthin ebenfalls wegen der Gärten war. Mit Filmteam, das sich ständig über die Grimmigkeit der Russen beschwert hätte.

 

Kaminer wundert sich fast im gleichen Atemzug über den kurzen Flug von St. Petersburg nach Berlin. «Man fliegt um 16.30 Uhr in St. Petersburg los und um 16.40 Uhr landet man in Berlin. Die zwei Stunden verschwinden wegen der Zeitverschwindung. Äh Zeitverschiebung. Nein, mittlerweile sind es sogar drei Stunden. Meine Heimat entfernt sich zeitlich immer weiter vom europäischen Raum!» Das passiere, weil der Zwischenpräsident die Winterzeit abgeschafft hätte. «Ja, Zwischenpräsident - zwischen Putin und Putin gabs einen dazwischen. Eine traurige Geschichte. Er wusste nicht, womit er sich befassen durfte und womit nicht. Politik fiel weg, Wirtschaft natürlich auch, also hat er sich diese Winterzeit vorgeknöpft. Er hat sie abgeschafft mit der skurrilen Begründung: Russland sei so oder so ein Winterland und brauche deshalb keine Winterzeit.»

 

Die anonymen Alkoholiker treffen sich in Russland, um anonym zu trinken.

 

Dann kommt Kaminer zurück zur Grimmigkeit der Russen - er hat eine kurze Geschichte darüber verfasst, die er nun zum Besten gibt. Schon der russische Zar Ivan der Schreckliche hätte sich gefragt, warum die Menschen in seiner Umgebung so wenig lachten. Um seine Untertanen aufzulockern, entwickelte Ivan der Schreckliche ein sehr eigenes Gute-Laune-Konzept: Er befahl seiner Garde auf die Strassen zu gehen und jedem der grimmig guckte, eins aufs Maul zu hauen. In das Lachen der Zuschauer hinein betont Kaminer, dass das wirklich stimme.

 

Überhaupt ist Kaminer ein Künstler im Erzählen von Geschichten in Geschichten. So berichtet er von den anonymen Alkoholikern in Russland. Das sei ein wenig anders als hier, weil man sich dort treffe, um anonym zu trinken. Der Verein hätten sich 1903 gegründet und bei Graf Tolstoi angefragt, ob er die Schirmherrschaft übernehmen würde. Dieser hätte gemeint: Man müsse sich nicht versammeln, um nicht zu trinken. Das könne man auch allein zu Hause in der Küche machen. Wenn man sich aber versammle, dann müsse man schon trinken.

 

Ebenso finden Kaminers Kinder Platz in seinen Anekdoten. Insbesondere der sich mitten in der Pubertät befindende Sohn und dessen «orientalisch angehauchten Anmachsprüche wie zum Beispiel Deine Eltern müssen Terroristen sein – du siehst aus wie eine Bombe.» Kaminer kündigt an, dass er bestimmt mal noch ein Buch über die Pubertät des betreffenden Kindes schreiben werde.

 

Russendisko geht auch in den USA.

 

Natürlich dürfen auch Russendisko-Storys nicht fehlen. Kaminer ist viel unterwegs – als «Botschafter der deutschen Sprache und Kultur». So folgte er einer Einladung von vier Universitäten in die USA. Aber nicht an die Küste, «wo alles europäisch ausschaut und die Leute Obama wählen, sondern mitten ins Herz des Landes. In das echte Amerika. Dort, wo die Leute keine Zähne haben und gegen Krankenversicherungen sind. Obwohl sie ganz klar medizinische Betreuung bräuchten.»

 

Kaminer kam in ein kleine Ortschaft, wo er in der Turnhalle seine Russendisko abhalten sollte. «Das ist eine trockene Gegend. Da darf man keinen Alkohol verkaufen - das war meine erste Disko mit Cola», scherzt Kaminer. Und auch in Brandenburg - wo er nun übrigens seinen neuen Schrebergarten hat - fand letztes Jahr eine erste Russendisko statt. Die Leute hätten den Veranstalter im Vorfeld angerufen und gefragt, ob man dafür russisch können müsse.

 

Nach dieser besonderen Lesung, ist klar: Kaminer ist scharfsinnig, nimmt sich selber nicht so Ernst und begeistert das Publikum auch ohne viel aus seinem neusten Werk zu lesen. Russisch können, muss man für diese Veranstaltung definitiv nicht. Aber die Lachmuskeln, die sollten gut trainiert sein.

Linda von Euw / Sa, 23. Mär 2013