AYU thematisiert mit «In Waves» ein gesellschaftliches Tabu

CD-Kritik: AYU mit In Waves
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Coverfoto, zVg

Trauer und Verlust sind nicht unbedingt die bevorzugten Themen für Popmusik. Trauer ist sehr persönlich und gesellschaftlich oftmals tabuisiert. Dabei wird früher oder später jeder Mensch mit Trauer und Verlust konfrontiert. Wie etwa die Musikerin AYU. Die Schweizer Sängerin und Songwriterin lebt seit ein paar Jahren in Hamburg und schreibt Popmusik mit elektronischen Elementen. In der Coronapause hat sie im Studio an neuem Material gearbeitet. So sind ihr auch ältere Songs in die Hände gefallen, die sie vor ein paar Jahren als Teil der Trauerarbeit nach einem persönlichen Verlust geschrieben hat. «Für mich stammen diese Songs wie aus einer anderen Zeit, und gleichzeitig hatten sie für mich plötzlich auch wieder eine Aktualität, da durch die Pandemie Themen wie Tod und Krankheit ja plötzlich omnipräsent in den Medien vertreten waren», erklärt AYU. Die EP «In Waves» beinhaltet vier Songs, die AYU behutsam aus dem Material ausgewählt hat, das sie damals geschrieben hat.

 

Der Opener «Counting» beginnt düster, geprägt vom gewollt kühlen Gesang, zeigt aber einen Wandel im Laufe des Songs. Plötzlich erlaubt sich AYU hellere Momente, durchbricht die Wand, befreit sich symbolisch, um unmittelbar erneut von der Düsterness eingeholt zu werden. Der Song erzählt davon, wie ein Verlust brutal zuschlägt und die Welt erstmal Kopf steht, weil man eigentlich nicht bereit ist, für so ein Ereignis. Ist man das jemals?

 

Songs passen zum Trauermodell nach Verena Kast

 

Interessant ist, dass AYU die vier Songs auf der EP mit dem Phasenmodell der Trauerpsychologie nach der Schweizerin Verena Kast in Verbindung bringt. Die Musikerin hat in der Trauerphase nach Literatur gesucht und ist irgendwann auf Kast gestossen. «Mit dem Modell konnte ich mich am besten identifizieren und es hat mich irgendwie beruhigt zu wissen: „Ok, ich befinde mich wohl gerade in dieser ersten Trauerphase und das alles kommt wohl noch auf mich zu. Aber irgendwann kommt keine weitere Phase mehr, und irgendwann wird der Schmerz weniger werden“.», führt AYU aus.

 

Der zweite Track «Stone» legt einen wabernden Teppich aus, der sich als der sprichwörtliche Rote Faden durch den Song zieht. Der Song wirkt etwas unaufgeräumt, was sicherlich volle Absicht der Künstlerin ist. Immer wieder hupt es von der Seite, bäumen sich Klangspuren auf und mitten in diesem «Chaos» torkelt AYU und der Song scheint ihre Gefühlswelt zu manifestieren. Dabei arbeitet sie mit starken Bildern wie «this is your stone, standing in a row, all that’s left of you, and what’s left us, is gone». Dazu braucht es keine Worte mehr.

 

AYU - «Stone»

 

Natürlich wurde AYU beim Überarbeiten der Songs mit den Gefühlen von damals konfrontiert. War es schwierig, die Songs aus dieser persönlichen Phase aus dem Schrank zu nehmen? «Es war nicht wirklich schwierig, die Songs wieder auszupacken, da mittlerweile auch ein bisschen Zeit verstrichen ist und diese Phase auch einfach ein Teil meines bisherigen Lebens ist. Das habe ich so akzeptiert», erzählt AYU und fügt hinzu, «Auch hatte die Arbeit an den Songs mit zeitlichem Abstand irgendwie etwas Heilendes und Befreiendes. Vielleicht war das auch noch ein Teil meines Trauerprozesses.»

 

Emotional, aber nicht wütend

 

Bei «Signs», mit Zeilen wie «hey is it you all those signs or is just my heartbroken mind» oder «wave after wave I learn to save myself and dive deeper» geht AYU einen Schritt weiter in der Trauerbewältigung. Musikalisch klingt «Signs» emotionaler, aber nicht wütend, eher so als ob die Freude für kurze Momente zurückkehrt. Mit feinen Anleihen aus rohen, leicht an Industrial erinnernden Welten festigt sich AYU ihren Weg. Bei den abschliessenden Zeilen «keep breathin‘ keep breathin‘ keep breathin‘ cause you’re alive you´re alive» ist nicht restlos klar, ob damit Emotionen um die verstorbene Person oder doch AYU selbst gemeint ist. Spielt aber keine Rolle, da ein Trauerprozess sehr individuell ist.

 

«In Waves» erzählt abschliessend von den Wellen, in denen die Trauer einen überschwemmt. Aber auch vom Glauben an die Zukunft. Gemeinsam mit dem deutlich lebensfroheren Sound ist der Song ein versöhnlicher Abschluss der EP. Das sieht AYU ähnlich und bringt ihre Gedanken auf den Punkt: «Ich wollte mit der EP zeigen: «Hey, ich habe grosse Trauer erlebt und dies ist ein musikalischer und lyrischer Auszug dessen, wie sich das für mich angefühlt hat». Dabei wollte ich einerseits dazu beitragen», erklärt AYU, «die Thematik zu enttabuisieren, und andererseits hilft es vielleicht ja auch Leuten, die selbst am Trauern sind, zu wissen, dass sie nicht alleine sind.»

 

AYU zeigt mit «In Waves» ihre persönliche, musikalische Trauerarbeit und spendet so vielleicht Hoffnung. Die EP ist aber auch die Fortsetzung des vielseitigen, zeitlosen Elektro-Pops, den AYU macht. Vielleicht spendet die EP einigen Menschen Hoffnung. 

 

Bäckstage Redaktion / Mo, 11. Apr 2022