Die junge Frau und das Wasser

DVD-Kritik: The Shape of Water
Bildquelle: 
© Twentieth Century Fox Film Corporation.

Die Kamera gleitet elegant durch eine von Wasser geflutete Wohnung. Stühle und Tische hängen scheinbar schwerelos und in der Zeit eingefroren im Bild, durch ein Fenster fällt Licht in die seltsam anmutende, aber friedliche Szenerie. So beginnt «The Shape of Water», der Oscar®-Gewinner für Bester Film von 2018. Die Eröffnungsszene wird erst gebrochen, als Hauptfigur Elisa Esposito (Sally Hawkins, ebenfalls für einen Oscar® nominiert) erwacht. Die Frau, die sie spielt, ist stumm, erzählt aber durch Gestik und Ausdruck in den Augen mehr als manche sprechende Person. Wenn sie beispielsweise im Bus den Regentropfen am Fenster lauscht, scheint sie melancholisch-zufrieden. Sie wirkt zwar etwas einsam und zurückgezogen, aber doch nicht alleine. Mit einem älteren Nachbarn pflegt sie ein freundschaftliches Verhältnis, nur die sexuelle Nähe fehlt ihr. 

 

Als kleines Mädchen wurde Elisa an einem Fluss gefunden, am Hals mit Kratzern gezeichnet, die bis ins Erwachsenenalter davon zeugen. Was passiert ist, bleibt ihr Geheimnis. Seither spricht sie nämlich nicht, ist aber aufgeweckt und neugierig. Elisa wohnt über einem Kino und arbeitet in einer geheimen Regierungseinrichtung, wo sie zusammen mit der gerne redenden Arbeitskollegin Zelda Fuller (Oscar®-Preisträgerin Octavia Spencer) als Teil der Reinigungseinheit ein herrliches Duo bildet. Als bei einem Experiment ein Zwischenfall mit viel Blut passiert, müssen die beiden Frauen aufwischen und kommen so in die unmittelbare Nähe dessen, was im Labor eingesperrt ist. Elisa begegnet der Kreatur mit Neugier und Respekt, aber ohne Vorurteile. So beginnt für die introvertierte Frau eine Reise zu sich selbst und zu ihren Bedürfnissen. 

 

Die Filmwelt von Guillermo del Toro 

 

Sally Hawkins ist klar die pumpende Aorta im Film. Mühelos gelingt es ihr, wortlos zu agieren und mit gezielt eingesetzter Gesichtsmimik Emotionen darzustellen. Ihre Figur ist zwar stumm, beweist aber mehrfach ein brillantes Auge für Details. Dazu passt das visuelle Medium Film wunderbar, denn die gemeinsamen Fernsehabende mit dem künstlerisch begabten Zeichner in der Wohnung nebenan, sind für Elisa stets kleine Highlights. Gleichzeitig ist die Figur des Werbezeichners, der zwar enormes Talent hat, aber gegen das Aufkommen von Fotos in der Werbung machtlos ist, quasi ein Seelenverwandter von Elisa und so entsteht eine wunderbare Symbiose. Durch kleine Sitz-Steptanz-Einlagen auf dem Sofa, während im Fernseher alte Hollywood-Tanzfilme aus der Stumfilmzeit laufen, wird das deutlich. 

 

Der mexikanische Regisseur Guillermo Del Toro ist spätestens seit «Hellboy» und «Pan’s Labyrinth» bekannt für grosse Filmmärchen mit einem Touch Fantasy. Immer emotional, nur selten kitschig und wenn, dann doch sehr wohldosiert. Bei «The Shape of Water» hat er ziemlich alles richtig gemacht, trifft den narrativen Ton nahe zu perfekt. Vom Entwurf der glaubhaften Geschichte über die Zeichnung der Figuren sowie dem Zeitgeist und natürlich nicht zuletzt bis zur konsequenten künstlerischen Vision. Del Toro gelingt so ein Märchen für Erwachsene, das gleichzeitig eine Verneigung vor den 60er-Jahren und dem Fantasy-Kino jener Zeit ist. Ob er auf Schwarz/Weiss-Monsterfilme anspielt oder die im Fantasy-Kino der 60er deutlich spürbare Angst vor dem Kommunismus subtil aufnimmt, bei «The Shape of Water» greift Del Toro auf die eigenen Sehvorlieben zurück und mischt sie mit der Geschichte Hollywoods - bis hin zum logischen Ende. 

 

Speziell hervorzuheben ist zum Schluss der gefühlvolle, intensive und perfekt abgestimmte Score von Alexandre Deplat. Dafür wurde der Franzose völlig verdient mit seinem zweiten Oscar® nach «The Grand Budapest Hotel» ausgezeichnet. 

 

«The Shape of Water» erzählt von einer märchenhaften und emotionalen Begegenung in den stürmischen Zeiten der 1960er, zwischen der Angst vor dem Kommunismus und der eigenen Identität.

 

  • Shape of Water - Das Flüstern des Wassers (USA 2017) 
  • Regie: Guillermo del Toro 
  • Drehbuch: Guillermo del Toro, Vanessa Taylor
  • Darsteller: Sally Hawkins, Octavia Spencer, Richard Jenkins, Michael Stuhlbarg, Doug Jones, Michael Shannon 
  • Laufzeit: ca. 123 Minuten
  • Im Handel ab 25. Mai 2018

 

Bäckstage Redaktion / Mo, 04. Jun 2018