Die Pionierin der Performances ist wieder da!

Ausstellung: Marina Abramović: The Cleaner
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© Elisabeth Sun

Innovativ und radikal. In der Bundeskunsthalle in Bonn ist derzeit eine umfangreiche Ausstellung der serbischen Künstlerin Marina Abramović zu sehen. 1946 in Belgrad geboren, studierte sie von 1965 bis 1970 Malerei an der Akademie der Bildenden Künste, schrieb Texte und zeichnete.

 

Die vielseitige Retrospektive umfasst zahlreiche Installationen, Videos, Fotografien, Zeichnungen, Skulpturen und Malereien von den frühen Anfängen bis in die Gegenwart. Ein halbes Jahrhundert sozusagen. Sie spiegeln das facettenreiche Leben der wohl bekanntesten zeitgenössischen Künstlerin wieder. Sie spielt mit ihrem Körper, er ist ihre Leinwand, geht an ihre Grenzen, physisch und körperlich und testet ihre Willenskraft. Bei einer Performance hat sie sich mit einer Rasierklinge einen fünfzackigen Stern auf ihren Bauch geritzt, sich ausgepeitscht und anschließend auf ein Kreuz aus einem Eisblock gelegt, das unter einem Heizstrahler lag. Eine Frau der Extreme. Kontrovers und radikal sagen die einen, bahnbrechend die anderen. Das ist Abramović egal. In den 1970er-Jahren machte sie Performance Art salonfähig.

 

Mit ihrem Partner und Performancekünstler Ulay (Frank Uwe Laysiepen), den sie 1975 in Amsterdam kennenlernte, lebte, liebte und arbeitete sie 12 Jahre lang zusammen. Sie wohnten 5 Jahre zusammen in einem kleinen Citroen Van, mit einem Hund - ein Nomadenleben, bei der beide sehr glücklich waren. Eigentlich wollten die beiden heiraten. 1988 wanderte jeder der beiden 90 Tage auf der Chinesischen Mauer, Marina startete auf der östlichen Seite am Gelben Meer und Ulay auf der westlichen Seite am Jiayu-Pass in der Wüste Gobi. Ihr Ziel war es, sich in der Mitte zu treffen, um sich das Ja-Wort zu geben. Stattdessen endete dort ihre intensive Beziehung nach einer Umarmung und Tränen. Filmisch festgehalten in: «The Lovers: The Great Wall Walk».

 

Das Künstler-Paar beim Besichtigen der Ausstellung. (© Elisabeth Sun) 

 

Zu den Highlights der Re-Performances gehört unter anderem: «Impoderabilia» von 1977. Marina und Ulay standen sich 90 Minuten in einem schmalen Durchgang der Galleria Communale d´Arte Moderna in Bologna gegenüber. Die Besucher, die ins Museum wollten, mussten sich durch die beiden hindurchquetschen. Diese Re-Performance gab es bereits 2010 im New Yorker Moma bei der Ausstellung: The Artist is present. Die Künstlerin nutzt sich und das Publikum als Medium und hat sich 736 Stunden und 30min lang bei: «Mutual gaze» auf einen Stuhl gesetzt und jeder konnte sich an ihren Tisch gegenübersetzen, um sich 1 Minute lang schweigend anschauen. Genau dort ist auch Ulay am Eröffnungstag überraschenderweise aufgetaucht. 

 

Wiedersehen nach über zwei Jahrzehnten

 

2015 zeigte Ulay sie an wegen Vertragsbruchs eines gemeinsamen Projektes, dessen Prozess er auch gewonnen hat. Beim Wiedersehen nach 22 Jahren reichte Marina Ulay ihre Hände. Sie lächelten sich an und Marina kullerten Tränen über die Wangen. Das Video wurde bisher über 35 Millionen Male angeklickt. Dieses emotionale Zusammentreffen war der ausschlaggebende Punkt, den Groll gegen Ulay sausen zu lassen. Bei der Ausstellung im Louisiana Museum of Modern Art bei Kopenhagen 2017 haben sich beide dann versöhnt. Seitdem schreiben sie sich jeden Tag SMS, haben bei der Eröffnung in Bonn Händchen gehalten und sind wieder beste Freunde. Demnächst wird ein Buch veröffentlicht mit Anekdoten über ihre Zusammenarbeit und ihre gemeinsame turbulente Zeit. Beide haben übrigens am 30. November Geburtstag. Marina hasst ihren Geburtstag und reisst daher dieses Datum aus dem Kalender. Als sie Ulay kennenlernt, sieht sie, dass er das gleiche Ritual pflegt und ist sofort hin und weg von dem 3 Jahre älteren Mann. Ulay kam zur Eröffnung und beide schwebten mit einer Leichtigkeit durch die Ausstellung.

 

Ein Objekt, das besondere Bedeutung für Abramović hat, ist eine Schweizer Waschmaschine, deren Walzen mit Blattgold verziert wurde (The Cleaner-washing machine). Die Familie war damals eine der Ersten, die 1978 eine bekamen. Oben befand sich eine Auswringvorrichtung mit 2 Rollen, unten war die Trommel. Marina war fasziniert von der Maschine. An einem schulfreien Tag legte sie ihre Hand in die Rollen und zog sie wieder heraus, bis sie dann darin steckenblieb. Sie schrie laut und ihre Großmutter kam herbei. Sie traute dem Gerät aber nicht. Da sie von Technik nichts verstand, ist es ihr nicht in den Sinn gekommen, den Stecker zu ziehen. Stattdessen holte sie Hilfe von der Strasse. Mittlerweile war ihr ganzer Unterarm verschlungen. Ein junger Mann eilte herbei, der genauso ahnungslos war und versuchte stattdessen mit aller Kraft, die Rollen auseinander zu ziehen. Dadurch bekam er einen so heftigen elektrischen Schlag, dass er durch das Badezimmer geschleudert wurde. Marina fiel ebenfalls zu Boden. Ihre Hand war geschwollen und grün und blau. Das war ihre erste Begegnung mit Schmerz, der für ihre zukünftige Karriere ausschlaggebend war. Ihre Mutter kam dazu, gab dem Krankenwagen Bescheid und ihr eine saftige Backpfeife.

 

Eine Spezialität der Ausstellung: Täglich gibt es Wiederaufführungen, die sogenannten Re-Performances, bei der die Besucher entweder zuschauen oder mitmachen können, wie zum Beispiel bei: «Counting the rice». 2014 hat Marina die Besucher in der Serpentine Gallery in London 3 Monate lang Reiskörner zählen lassen. Denn der Reis steht für Leben. «Wenn man nicht einmal in der Lage ist, Reis zu zählen, dann bekommt man sein Leben auch nicht in den Griff.» 

 

Bei der Performance «House with the ocean view» konnte die Künstlerin 2002 in der New Yorker Sean Kelly Galerie 12 Tage lang beobachtet werden, wie sie in 3 miteinander verbundenen Räumen schläft, auf Toilette geht, duscht oder liest. Auf Sprechen und Essen wurde verzichtet, sie trank nur Wasser. Eine Reinigung des Körpers und der Seele sozusagen. Der Haken an der Sache: 3 Leitern führten zu den Zimmern, deren Sprossen aus Messer bestanden, deren Klingen nach oben zeigten. Diese Grenzerfahrung wird vom 12.-24. Juni 2018 von einer jungen Frau wiederholt. Fotografieren ist erlaubt, filmen nicht.

 

Energiegeladen, charmant und voller Witz wurden Anekdoten preisgegeben in der ausverkauften Lecture. Wer eine Live-Performance der außergewöhnlichen Künstlerin sehen möchte, muss sich bis 2020 gedulden, dann widmet ihr die Royal Academy of Art in London eine Sonderausstellung. Nach 250 Jahren zum ersten Mal einer Frau. Derweil tüftelt Abramović an neuen Performances. Wir sind gespannt! Die Ausstellung in Bonn ist noch bis 12. August 2018 zu sehen.

 

Elisabeth Sun / Mo, 11. Jun 2018