Wincent Weiss: «Ich komme eigentlich aus der Metal-Schiene»

Interview mit Wincent Weiss
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Promobild / © Sascha Wernicke

Mit Wincent Weiss sitzt ein aufmerksamer Musiker gegenüber, Anfang Zwanzig, freundlich und charmant sowie konzentriert und bei der Sache. Im Gebäude von Universal Music in Zürich sprechen wir mit dem deutschen Songwriter und Newcomer über seine Musik und seine Art zu schreiben. Er verrät, was er privat hört und wem er den Song «Nur ein Herzschlag enfernt» geschenkt hat. Zum Schluss ist dann noch eine Premiere das Thema. 

 

Du warst gerade auf Tour, hast gestern noch ein Konzert gegeben …

Genau, wir waren bis gestern auf Radio-Promotour.

 

Was gibt dir die Bühne?Ich glaube, die Bühne ist für einen Künstler das Allerbeste, was man haben kann. Weil es der Ort ist, wo man das, was man Wochen und Monate vorher produziert hat, endlich rausbringen und live vor Publikum vortragen kann. Die Bühne, also das Live-Spielen, ist das Schönste, was man machen kann. 

Du warst auch in der Schweiz. Wie war das Publikum hier?

Super. Wir haben ja echt gedacht, dass die Konzerte ziemlich klein werden und wenige Leute kommen würden, weil man mich in der Schweiz nicht so kennt, aber es war alles voll. Echt krass. Wir waren in Zürich, Luzern und St. Gallen und alle Locations waren voll. Das war super. Wir planen daher auch bei der nächsten Tour die Schweiz fest ein.  

Habt ihr ein Ritual als Band, bevor ihr auf die Bühne geht? 

Haben wir leider noch nicht. Wir wollen uns aber immer etwas überlegen, weil wir oft bei anderen Band sehen, dass sie coole Rituale haben. Wir nehmen uns aber als Band schon kurz in den Arm und sagen: «Lasst und Spass haben und jetzt ab auf die Bühne» und dann geht es los.

 

Lass uns zu deinem Album kommen. Der Titel «Irgendwas gegen die Stille» ist mir aufgefallen. Kein Song auf dem Album heisst so und er wirkt leicht selbstironisch, klingt wie wenn man halt nimmt, was gerade da ist. Das ist ja klar nicht dein Anspruch.

 

«Irgendwas gegen die Stille» ist ja eine Zeile aus dem Song «Musik sein», da kommt das her. «Musik sein» war der erste Song, der mich so richtig in das Musikgeschäft reingebracht hat und dem ich alles zu verdanken habe. Ich hoffe natürlich auch, dass das Album etwas gegen die Stille bei den Zuhörern bietet und dass es allen, die etwas gegen die Stille oder zum Hören brauchen, helfen kann. 

 

 

«Nur ein Herzschlag entfernt» habe ich für meine kleine Schwester geschrieben. Sie ist jetzt 13 Jahre alt. Der Song geht eigentlich an alle, die ein Familienmitglied im Herzen tragen, wenn sie unterwegs sind.

 

 

Mir sind drei Songs aufgefallen, auf die ich gerne näher eingehen möchte. Der erste ist «HerzLos». Weil er das Leiden einer Person in Watte gepackt darstellt. Wie ist der Song entstanden?

 

Er ist in einer Zeit entstanden, in der ich gemerkt habe, dass ich viel unterwegs war und wenig Zeit für Familie, Freundin und Freunde hatte. Die Zeit habe ich mir damals auch nicht genommen, sondern immer gesagt, dass ich möglichst viel arbeiten und schaffen muss. Das ist auf alle Fälle ein Fehler, denn man muss sich Zeit nehmen für die Familie und für Menschen, die man liebt. Das habe ich nicht getan. In der Zeit, in der ich das nicht geschafft habe, ist der Song entstanden, weil mich sehr aufgeregt hat, dass ich für die geliebten Menschen keine Zeit hatte.  

Bei diesem Song ist mir «Ohne dich» von Selig in den Sinn gekommen. Es ist so etwas wie das Gegenstück. Selig leidet ja aus der Perspektive des Verlassenen und bei dir ist es aus der Sicht der verlassenden Person.  

 

Ja, das hat etwas.  

Gerade bei diesem Song, aber auch sonst, sind mir Selig mehr als einmal in den Sinn gekommen. 

 

Echt? Das war keine Absicht. Von der Perspektive her stimmt das hier schon, es ist genau das Gegenstück. Das ich quasi der bin, der verlässt.

 

Was sind denn so deine Einflüsse? 

Ich komme eigentlich aus der Metal-Schiene und höre privat fast nur Metal. Bring Me The Horizon ist wahrscheinlich die bekannteste Band, aber ich höre auch viele unbekannte Ami-Bands, die Hardcore-Metal machen. So richtige Vorbilder in der deutschen Musik habe ich aber gar nicht. Anfangs fand ich einige unbekanntere Sänger super. Teesy oder Olson, was auch ein wenig in die Richtung Hip-Hop geht. Aber natürlich ist jemand wie Andreas Bourani schon Vorbild, wenn es darum geht, wo man hinkommen oder was man mal erreichen möchte.  

Weiter ist mir in dem Song die Zeile «Was kann Zeit für ein Arschloch sein» aufgefallen. Das finde ich ein schönes Bild. Wie lange schleifst du an deinen Texten, bis du zufrieden bist? Bist du da Perfektionist?

 

Ja, schon. Ich bin da sehr, sehr perfektionistisch. Aber manchmal fällt es ganz leicht. Gerade «HerzLos» ist ein super Beispiel dafür. Der Text war in einem halben Tag fertig. Manchmal dauert es auch drei, vier Tage, bis man 100 % zufrieden ist. Es kommt durchaus vor, dass man einen Song liegen lässt und zwei, drei Wochen später nochmals rangeht und ihn um- oder sogar neu schreibt.  

Brauchst du eine besondere Stimmung, um zu schreiben?

 

Es hilft auf jeden Fall. Es ist einfacher, in einem kleinen Raum, wenn es draussen regnet, einen traurigen Song zu schreiben, als wenn man an der Sonne am Pool liegt und einen Cocktail in der Hand hält. Es hilft schon, wenn die Umgebung stimmungsvoll ist. 

Der zweite Song ist «Das Gegenteil von Traurigkeit». Hier ist der Rhythmus deutlich lockerer, fast als sollte er die Platte etwas brechen.  

Wir haben das genau aus diesem Grund so gemacht. Wir wollten ein wenig aus der Platte ausbrechen. Gerade das Instrumentale ist viel grooviger als bei den anderen Songs. Es ist ein Song für die besten Freunde, die man vermisst, wenn man unterwegs ist. Gerade dieses Vermissen ist ja ein Zeichen dafür, dass man diese Personen sehr gerne hat und eine schöne Zeit mit ihnen verbindet.  

Dazu passt dann die Zeile «Vielleicht ist vermissen sowas wie Dankbarkeit». 

 

Genau. Dass man dankbar ist für die Freundschaften und die gemeinsamen Erlebnisse.

 

 Wincent Weiss zündet so richtig. (© Sascha Wernicke)

 

War für dich immer klar, dass du Deutsch singst? 

Früher habe ich privat viel Englisch gesungen, um zu covern und bei meinen Lieblingsbands mitzusingen. Aber seitdem ich schreibe, war eigentlich klar, dass es Deutsch sein muss. Man kann sich in der Muttersprache viel besser ausdrücken und ich finde es sehr schön, in der Muttersprache zu singen. Ausserdem kann man die Leute einfacher erreichen, weil sie einen besser verstehen. Deswegen war von Anfang an klar, wenn ich selber schreibe, dann auf Deutsch.

 

Der dritte Song ist «Nur ein Herzschlag entfernt». Auch, weil du wieder mit geschickten sprachlichen Bildern arbeitest. Das «Lächeln auf dem Polaroid» zum Beispiel.  

Den Song habe ich für meine kleine Schwester geschrieben. Sie ist jetzt 13 Jahre alt. Der Song geht eigentlich an alle, die ein Familienmitglied im Herzen tragen, wenn sie unterwegs sind. Es geht darum, dass ich meine Familie sehr früh verlassen habe, ausgezogen bin und 800 Kilometer weit wegzog, um das Album zu produzieren. Den Song habe ich meiner Schwester vor zwei Jahren zu Weihnachten geschenkt und wollte ihr damit sagen, dass sie immer bei mir ist, egal was ist und dass sie immer im Herzen mitreist, egal wie weit ich weg bin. Das ist auch einer meiner Lieblingssongs auf dem Album.  

Du sprichst die Distanz an und meinst damit wahrscheinlich deine Zeit in München?

 

Genau. Ich bin direkt vom Norden in den Süden gezogen.  

Wie wichtig war die Zeit in München für dich? 

Superwichtig. Ich wolle ja ursprünglich nach dem Abi nur für drei Wochen hin, um ein paar Songs zu schreiben und bin drei Jahre geblieben, weil ich es als wichtig empfand und weil ich dachte, «jetzt habe ich die Chance das zu machen, was ich möchte, also ziehe ich das durch». Also habe ich da mein ganzes Album geschrieben und produziert und bin dann erst umgezogen, als ich in der Stadt fertig war.  

Warum bist du nach Berlin gezogen? 

Meine Plattenfirma ist in Berlin und ganz viele Songwriter und Musiker sind da. Ich bin nach Berlin gezogen, weil ich dachte, dass man da schneller oder näher an der Musik dran ist, um weiterzukommen. Aber mittlerweile habe ich gemerkt, dass Berlin nicht so meine Stadt ist und ich wieder in den Norden, «auf’s Dorf», ziehen möchte. In die alte Heimat quasi. Am besten in ein kleines Häuschen, wo man seine Ruhe hat.  

Ist denn Wincent Weiss eigentlich ein Künstlername?Nein, das steht genauso im Personalausweis.

  

 

Jetzt bin ich das erste Mal einen Sommer lang auf den Festivalbühnen unterwegs. Es wird also eine neue Erfahrung.

 

 

Es ist sprachlich gesehen nämlich eine Alliteration. Das passt zu deinem Faible für Sprache.  

Da kann ich nichts dafür. Meine Mutter hat das so entschieden und die Alliteration reingemacht, aber ich finde auch super, dass sie ein W daraus gemacht hat.  

Das ist wahrscheinlich auch selten.

Ich kannte es gar nicht.  

Ich habe es auch erst bei dir erstmals gesehen. Da habe ich bei Viva in das Fahrstuhlkonzert (hier zu sehen) reingeschaltet und bin hängen geblieben. Wie war das eigentlich, im Lift zu spielen? So oft wird das nicht vorkommen.

 

Nein, nicht so oft. War aber cool, halt ein sehr enger Raum und die Leute, die eingestiegen sind, waren erstmal verwirrt. Eigentlich müsste man das noch extremer machen und die ganze Band da reinpacken und nicht nur zwei, drei Leute.

  

Und zum Schluss. Wie geht es mir dir weiter?Im Sommer stehen erstmal die ganzen Festivals an. Ich hatte ja noch nie einen Festivalsommer, also zumindest keinen, bei dem ich auf der Bühne stand. Sonst war ich nur privat auf Festivals und habe gefeiert. Jetzt bin ich das erste Mal einen Sommer lang auf den Festivalbühnen unterwegs. Es wird also eine neue Erfahrung.

  

Freust du dich auf ein Festival besonders? 

Nein, eigentlich nicht. Ich weiss auch gar nicht, wie die Festivals als Künstler so sind, das geht ja erst los.  

Dann viel Spass bei den Festivals. Danke, dass du dir Zeit genommen hast. 

 

Wincent Weiss - «Musik sein»

 

- Das Album «Irgendwas gegen die Stille» ist bereits erhältlich. 

- Mehr Infos zu Wincent Weiss gibt es auf seiner Website

 

Wincent Weiss live in der Schweiz:

 

  • 10. Juni / Argovia Fäscht, Birrfeld
  • 6. Dezember / Volkshaus Basel
  • 7. Dezember / Bierhübeli Bern
  • 8. Dezember / Komplex 457 Zürich

 

 

 

Patrick Holenstein / Di, 16. Mai 2017