ZOA 2019: Fleischgenuss unter Flugzeugen

Festivalkritik: Zürich Openair 2019
Bildquelle: 
© Shirley-Jane Michael

Ende August beginnt das Zürcher Wochenende schon am Mittwoch. Fünfzehn Minuten Fussmarsch vom Bahnhof Glattbrugg und eingezäunt von hohen, bunten Kunststoffplanen, lud das Zürich Openair heuer bereits zum neunten Mal zu Tanz, Glanz und Mampf. Dennoch ist es bei Hardcore-Stadtzürchern nach wie vor als Wallfahrtsort von Expats, Agglomeranern und der Dorfjugend verschrien. Dass die Praktikantin von SRF Virus Leute beschämte, die nicht so aussahen, als wären sie auf dem Weg zu Frau Gerold, wirkte diesem Klischee nicht gerade entgegen. Dabei ist das Festival mittlerweile in der Urbanität angelangt. Längst begegnet man auf dem Rasen der Hälfte des eigenen Wohnquartiers.

 


Zwinglianisch durchkommerzialisiert

 

Strukturiert wie ein Supermarkt, erinnert es an eine Mischung aus Freiluft-Mall und Kinderparadies. Der äussere Ring ist mit der Hauptbühne und den beiden Zelten für Konzerte und Technopartys bespickt, während im Zentrum Verkaufsstände und das Schnapsdelta dominieren: die hochprozentige Dreifaltigkeit aus Caipirinha, Margarita und Gin. Alles flankiert von fast zwei Dutzend Food-Ständen, wo man meist lange ansteht und viel hinblättert, aber auch richtig was zu beissen kriegt. Eine kulinarische Weltreise mit einer fleischigen Destination. Dem Burger Spezial vom Fackelspiess-Stand. Das Mutterschiff der Hamburger, für 16 CHF, auf welches man selbst nach 100 Metern noch angesprochen wird.

 

Foto-Galerie mit Wanda, Macklemore, Billie Eilish, FOALS uvm.

Fotos: Bäckstage / © Shirley-Jane Michaels (loadsofmusic.com)

 

Auch dieses Jahr wurde bei den Ständen ausschliesslich mit Plastik bezahlt, dennoch stolperten zwei Jungs mit Bargeld umher. Sie könnten verdurstet sein. Zwar durfte man 1 leere PET-flasche mitbringen, doch über den Verbleib der versprochen Trinkwasserstationen herrschte bei den Angestellten ebenso Unsicherheit wie über die Bekömmlichkeit des Leitungswassers. Es gab aber auch eine Menge gratis. Sonnenbrillen, Ponchos, Feuerzeuge, Zigarillos, lustiges Räucherwerk und sogar anderer Leute Kreditkarten. Wobei letzteres natürlich beim Fundbüro landete.

 

Viel Chemie, aber keine Funken

 

Während Rockbands bei Sonnenschein strahlten, gehörte der Elektronik die Nacht. Das bringt uns zu den Chemical Brothers, die unbeirrbar am Publikum vorbeispielten. Sie präsentierten ein hochwertiges Set mit brillanten Visuals, versteckten sich selbst aber hinter aufgetürmten Gerätschaften. Da gab es sogar rund um die sanitären Anlagen mehr glückliche Gesichter als vor der Bühne. Hätten sie von ihren Hits nicht nur «Star Guitar» und «Hey Boy Hey Girl» vom Stapel gelassen, die Leute hätten ihnen aus der Hand gefressen – so wie es in den Folgenächten bei den grossen DJ-Acts taten. Calvin Harris und die Swedish House Mafia wetteiferten, brutös gefeiert, um den höchsten Podest, und Paul Kalkbrenner bescherte dem Publikum zigarettenrauchend ätherische Orgasmen in Schwarzweiss.

 

Der wahre Superstar

 

Sophie Hunger, die dornige Gitarrenfee, verzauberte das Konzertzelt mit ihrer unkaputtbaren Innbrunst. Doch von Techno-Gewittern umzingelt, war sie ein paar BPMs knapp bei Kasse und wirkte dadurch direkt phasenverschoben. Die eigentliche Offenbarung war die 17-jährige Billie Eilish. Der Ansturm aufs ZOA war so renitent, dass Besucher zuletzt ohne Taschenkontrolle vorgelassen wurden und das Konzert zwanzig Minuten verspätet startete. Die knallgrüne, quietschfidele Erscheinung hypnotisierte das Areal und liess es Kraft ihres marleyesquen Heiligenscheins das Knie biegen. Das Publikum kuschte kollektiv. Abtrünnige wurden sofort entehrt.

 

Den Titel «Bester Entertainer der letzten drei Jahre» holte sich Hillybilly-Motown-Rapper Macklemore (sprich: Macklémore). Von dem hatten bis zu dem Abend wahrscheinlich nur wenige gehört, doch manche dürften noch während des Auftritts all seine Platten bei Amazon geordert haben. Der Amerikaner klaubte sich sein Outfit so stilsicher wie einst Gwen Stefani bei Prada und Heilsarmee zusammen und rappte wie ein friedenbringendes Maschinengewehr. Souverän gewann er die Leute mit Spässen für sich, auch wenn manch angeblich spontane Einlage inszeniert wirkte. Er beteuerte, dass Zürich das beste Publikum der Welt sei und hängte zur Feier des Tourneefinales noch die Zugabe «Glorious» an. Wahrscheinlich erzählt er das jeden Abend, aber er tut es verdammt glaubwürdig.

 

Und was vom Zauber blieb? Glitterbacken. Jene Erinnerungen, die nicht in den frühen Morgenstunden hinfort gespült wurden. Und jede Nacht ein Meer aus geborstenem blauem Plastik. Man hatte auf den Support der Besucher gehofft, doch das Getränkedepot wird wohl 2020 mit den nächsten 80‘000 Fans zurückkehren. Der grösste Kritikpunkt des Festivals – sein Streben nach Perfektion – ist gleichzeitig seine grösste Stärke. Man fühlt sich bestens aufgehoben. Vielleicht etwas zu gut. Man verlässt die Stadt, ohne sie je wirklich hinter sich zu lassen. Man könnte von Glamping sprechen, würden Stadtzürcher das Zelt-Areal nicht zugunsten des öffentlichen Nachtverkehrs rechts liegen lassen. Nach vier Tagen Jubel ist man fast erleichtert, dass alles wieder vorbei ist. Nur um am Sonntag aufzuwachen und im WhatsApp-Gruppenchat von heulenden Emojis umrahmt zu klagen: «Ich will wieder ans ZOOOOOOAAAAA

Mike Mateescu / Mi, 28. Aug 2019