Hochpreisparadies in der Abflugschneise

Festivalkritik: ZOA 2022
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Privatfoto / ©Mike Mateescu

Glamping is BACK! Nach zwei gestohlenen Ausgaben und insgesamt drei Jahren Wartezeit lädt der Streaming-Anbieter unter den Openairs zur Geburtstagsparty.

 

Die gute Nachricht zuerst. Das ZOA hat eine neue Biermarke verpflichtet. Das bedeutete auch, dass das schmucke Märchenschloss des alten Sponsors fehlte. Und weil das Werbeverbot für Tabak angenommen worden war, gab’s weder einen korngelben Party-Cube noch seine legendäre Kurzen. Überhaupt waren kaum Rauchzeichen auszumachen. Zumindest bis Mitternacht. Dann kam die Lichtanlage des Tanzzelts so richtig zur Geltung.

 

Die eindrückliche Bühne in der Nacht. (Foto: ©Mike Mateescu / Privatfoto)

 

Grundsätzlich präsentierte sich der Event in gewohntem Erscheinungsbild. Allerdings war das Gelände auch schon fotogener. Die einst markanten Zelte der Zweitbühne und dem Dancing Zirkus glichen eher Flughangars. Was aber zu den Maschinen passte, die regelmässig über dem Areal starteten. Der VIP-Bereich wurde zu einer riesigen Terrasse (mit Blick auf die monströs grosse Hauptbühne) erweitert, wo ich mich als Pressevertreter schmerzlich vermisst habe.

 

Modetrends des Jahres; Glitzerschläfen und Pärchen-Look. Es gab so viele Klone, dass man ständig doppelt sah. Und das noch vor dem vierten Moscow Mule, einem sehr beliebten Mix aus Wodka und Ginger-Beer. Auch wenn das bargeldlose Bezahlsystem vereinzelt streikte, so waren die Bars wenigstens mit viel und freundlichem Personal besetzt. Bei den Essständen hingegen musste man meist eine halbe Stunde anstehen. Ausser bei Pasta und Risotto. Und der Feinkostgewinner war eindeutig das Tenz Momo-Team. Die tibetanischen Teigtaschen bescherten Stereo-Geschmack.   

 

Wundertüten und Tütenwunder

 

Das Dienstagsprogramm strickte sich um die Arctic Monkeys, und auch der Mittwoch lebte weitgehend von Entdeckungen. Die britischen Indie-Rocker von Bastille plätscherten erhaben dahin, und wer sich eine Zeitreise zum Jahrtausendwechsel wünschte, war mit Beabadobees herzigem Alternativ-Rock Marke MTV gut bedient. Die Headliner Kings Of Leon boten in der ersten halben Stunde den Soundtrack zum Konterbier. Quasi angezogene Handbremse auf höchstem Niveau. Als sie endlich ihre Hits rausrückten, grölte die Menge dann aber enthusiastisch mit. «Uo-Huo» und «Ho-U-Ou» laufen beim Publikum 2022 halt immer. Die letzte Performance der Nacht lieferte Ausnahme-DJ Boris Brejcha ab. Eins der grossen Highlights.   

 

Donnerstag. Steff La Cheffe, die gute Sophie Hunger, fand ich schon immer besser als schlechter. Von lüpfigem Disco-Funk begleitet, rappte sie tapfer ohne Sonnenbrille gegen die gleissende Sonne an. Gut gelaunt, souverän, mitreissend. Da sie aber schon um sechs spielte, war nur begrenzt Publikum vor der Bühne aufgetaucht, aber dieses ging so richtig ab.  

 

Zwischen den Gigs ist etwas Ruhe ganz angenehm. (Foto: ©Mike Mateescu / Privatfoto)

 

Das ist eben der Nachteil, wenn die meisten Leute jeden Tag neu anreisen statt im Zelt zu nächtigen. Da füllt sich der Zuschauerbereich halt erst nach Sonnenuntergang. Hat aber den Vorteil, dass man nicht täglich schon um elf mit verdrehten Gliedern erwacht und dann sechs Stunden totschlagen muss, bevor die ersten Bands auftreten, welche einen – vielleicht – nicht mal sonderlich interessieren.

 

Nach dem abgesagten Gig von 2020 eroberte das australisch-maltesische Ein-Frau-Orchesterwunder Tash Sultana die Zweitbühne. Danach zog David Guetta etwas weniger Leute an, als wir erwartet hätten. Und was will man über den französischen Star-DJ heute schon noch lästern? Der Charmeur ist längst mit allem ungestraft davongekommen. Selbst ich habe mich prächtig unterhalten, und verzeihe ihm sogar das Schiessen von Selfies während der Arbeitszeit.

 

Regen- oder Bassgewitter?

 

Freitag. Wir hatten den dritten Tag eines viertägigen Gelages erreicht. Besonders dieser Tag wirkte wie eine sorgfältig kuratierte Playlist. Benjamin Amaru, die grosse Spotify-Entdeckung aus dem Trachten-Kanton, liess mit seinem erfrischend authentischen Indie-Pop durchatmen. Um halb sieben baten die Berner Mundart-Rapper Lo & Leduc um Aufmerksamkeit. Ich persönlich mag’s ja nicht besonders, wenn Leute durch die Nase singen, aber dankbarerweise redeten sie viel zwischen den Songs. Schlecht war die Darbietung indes nicht. Beats und Reime kamen dick und treffsicher, und einer der beiden war trotz Unterarmstütze flinker unterwegs als so mancher Kollege. Chapeau!

 

Wenn der Hunger ruft … (Foto: ©Mike Mateescu / Privatfoto)

 

Das ZOA ist ja seit jeher das Portal von der heissen zur bunten Saison. Erst sengende Hitze, genau in der Mitte zieht ein Orkan auf, und danach herrscht Herbst. Dieses Jahr jedoch verfehlte der Sturm das Areal knapp und liess es bestenfalls zwei Stunden regnen. Wir fanden Zuflucht vor der Nässe bei Alt-J im Bühnenzelt. Deren zauberhafter Druiden-Folk-Rock war so hip, man bekam direkt weisse Socken. Im Anschluss folgten Rüfüs Du Sol. Die Dance-Truppe erntete für ihre leichte Kost den mit Abstand stürmischsten Applaus des Festivals. Aus meiner Perspektive jetzt.

 

Das Samstagsprogramm war für den Ausklang wie geschaffen. Der kräuterbasierte Rapper Monet192 beschallte das Areal mit lufthorngarniertem Bassgewitter. Rita Ora machte… nun, was immer Rita Ora da genau macht, und Faber huldigte erwartungsgemäss der existenziellen Inbrunst. Lewis Capaldi – jemand im Umkreis stellte Vergleiche zum jungen Meat Loaf an – beeindruckte erst mit starken Stimmbändern, gab sich aber äusserst redselig und wich schon früh vom Drehbuch ab. Das Publikum lache sowieso über jeden seiner Witze, solle sich doch bitte etwas deprimierter zeigen und würde ihn überdies nerven. Wir leisteten der Aufforderung nur zu gerne Folge und wechselten zu Fritz. 

     

«Ich bin der Fritz, ich fang jetzt an!»

 

Hier wurden wir etwas enttäuscht. Fritz Kalkbrenner, der Rekrutenausbilder unter den Scheibentreibern, war stimmlich nicht ganz auf der Höhe, und sein eigentlich solides Set funkelte nur an einzelnen Stellen. Während Rüfüs das bereits bei Alt-J gut besuchte Zelt weiter auffüllten, war bei ihm leider das Gegenteil der Fall. Sehr schade.

 

Den Konzertabschluss machte Kygo, dessen Selektion im Gegensatz zu Guetta keine eigene Handschrift aufwies. Gefühlt alle dreissig Sekunden wechselte der Song, gelegentlich von Live-Sängern begleitet und von zufällig wirkenden Stock-Aufnahmen überstrahlt. Da hatten wir uns längst vor den kreischenden Fans in den Nachtclub geflüchtet. Dort, wo die wahren VIPs feierten, um das ZOA vor Verlassen des Areals würdig ausklingen zu lassen.  

 

 Die neue Bühnenkonstruktion im Kontrast zum stahlblauen Himmel. (Foto: ©Mike Mateescu / Privatfoto)

 

Während die Zuschauerzahl mit jedem Tag stieg, sanken gleichzeitig Temperaturen und Durchschnittsalter. Diesmal leider keine Goodie Bags, dafür war die Anreise vom Ticketpreis immer noch gedeckt – was gleichzeitig wunderbar und nicht selbstverständlich ist. Man muss nicht erst auf einen Berg kraxeln, in ein Tobel rollen oder ans andere Ende des Landes reisen. Man kann kommen und gehen, wie man will, und sich die Rosinen rauspicken. Ein Bisschen wie bei Netflix.

 

2022 gab sich das ZOA ein My abgeschabter, etwas dreckiger – oder sollte ich sagen «entspannter»? Gleichwohl auch effizienter. An mancher Stelle vielleicht zu effizient. Jedenfalls hat es weder an Coolness noch Sicherheit eingebüsst. Und sicher war es auf dem Areal schon immer. Hier wird man nicht von Horden überrannt, nicht von johlenden Gestalten angepöbelt. Dafür ist man hier zu Zürich. Die einzige Gefahr besteht darin, bei Regen in der Pelerine der Gratiszeitung erwischt zu werden. Oder dass dir jemand stinkfrech den Moscow Mule klaut, während du in der Stehabteilung der Herren alle Hände voll zu tun hast. True Story nebenbei.

 

Zehn Jahre ZOA. Wir kommen wieder.   

 

Mike Mateescu / Di, 30. Aug 2022