Aus dem Nähkästchen eines Investmentbankers

Movie-Kritik: Master of the Universe
Bildquelle: 
Frenetic Films

Rainer Voss, ein ehemaliger hochrangiger Investmentbanker, wird von der Kamera durch die leeren Büroräumlichkeiten seiner ehemaligen Frankfurter Bank begleitet. Im grossen Sitzungssaal mit einem kreisförmigen Sitzungstisch, der Platz für ca. 30 Personen bietet, erzählt er von seinem Leben in dieser Bank (wobei keine Namen genannt werden) beginnt am Anfang, wie er als junger Mann nach dem Studium in die Bank kam und schnell die Firmenpolitik lernte: Erst nach einem «one-nighter» und einem «two-nighter», also Arbeitstage, in denen man bis zwei Uhr morgens arbeitet, bis fünf Uhr kurz döst und dann weiterarbeitet, werde man von den Vorgesetzten vielleicht wahrgenommen, erklärt er. Das gilt als Anerkennung dafür, dass man der Bank gegenüber bedingungslose Loyalität zeigt und sein Privatleben aufgibt; Aufträge werden nicht hinterfragt, es herrscht eine Hierarchiestruktur wie bei der Armee. 

 

 

Bild 1: Der Banker in den leeren Büroräumen, die sich (Bild 2) in den Fassaden des Bankenviertel gleich nochmals verlieren. (Mit Maus über Bild fahren)

 

Als «Master of the Universe» fühlt man sich gemäss den Aussagen des Protagonisten Voss, wenn man an seinem Arbeitstisch vor sechs bis acht Bildschirmen sitzt, vergleichbar mit der Steuerzentrale im Raumschiff Enterprise, und Transaktionen in Millionen- und Milliardenhöhe tätigt. Die Amerikaner sind im Zuge der von Reagan und Thatcher eingeleiteten Privatisierungen nach Europa gekommen und haben den deutschen Bankern die Welt der Finanzinnovationen erklärt. Darauf haben sie, die jungen Banker, «wie in einem grossen Sandkasten, in dem man nichts kaputtmachen kann“, begonnen, die aberwitzigsten Finanzprodukte zu erschaffen. Voss vergleicht diesen euphorischen Pioniergeist und das Gefühl, beim Entstehen einer neuen Welt dabei und zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu sein, mit den Anfängen von Microsoft in der Garage von Bill Gates. Er verschweigt aber auch nicht die jährlich steigenden Renditeerwartungen der Bank, mit denen man als Trader mithalten musste, egal wie der Markt stand und „was auch eine ganz natürliche Verschiebung der Geschäfte in Richtung Illegalität zur Folge hatte“. Und er berichtet davon, wie die Informationstechnologie zum Schlachtfeld der Banken und Trader wurde – diejenige Bank, deren Server näher bei der Börse stand, realisierte damit einen Zeitvorteil im Sekundenbereich, was schon ausreichte, um Kursgewinne in Millionenhöhe einzufahren – denn das Spielgeld der Trader liegt im Milliardenbereich. 

 

«Institutionalisierte Abkoppelung von der realen Aussenwelt»

 

Dem Protagonisten ist die Faszination für diesen Beruf und diese Welt deutlich anzusehen. Seine Geschichten sind nostalgisch gefärbt und haben das Potential, Assoziationen mit einem Leben im Stile des «Grossen Gatsby» hervorzurufen. Wäre da nicht die Kulisse der verlassenen Büros, in welcher diese Geschichten erzählt werden und welche den Zuschauer in die Realität zurückholt und erahnen lässt: Da erzählt der Kapitän vom Untergang seines geliebten Piratenschiffes. Rainer Voss analysiert vor laufender Kamera auch die mit diesem Beruf einhergehende Veränderung der Persönlichkeit: das Gefühl, dass die Bank für einen sorgt und zur Familie wird, zumal der soziale Austausch mit Mitmenschen, welche nicht dieser «Familie» zugehören, vermehrt schwieriger bis bald unmöglich wird. Denn finanzielle Probleme hatten diese Banker keine mehr und wenn bei einem Abendessen mit Freunden über Vergleichspreise von Urlaubsangeboten diskutiert wird, kann man nicht mehr mitreden oder muss sich selbst verleugnen und eine ungewollte Rolle spielen; denn bei einem Salär von 100‘000 Euro pro Monat (und mehr) kauft man sich eh, was man will, ohne darüber nachzudenken. Nicht darüber nachdenken, das war auch die Devise, mit welcher man seinen Job zu erledigen hatte – nicht nachdenken über die realwirtschaftlichen Auswirkungen, welche eine 500 Mio. Euro Transaktion haben könnte. Er und seine Arbeitskollegen gerieten in eine «institutionalisierte Abkoppelung von der realen Aussenwelt»: plötzlich passt die Ehefrau und die Freunde nicht mehr zu dieser Welt. Anstatt den Job zu wechseln, wechselt man die Frau und die Freunde. Ein Virus, von welchem er selbst schwerst infiziert war. 

 

Bild 1: Rainer Voss erzählt vom Aufstieg und Fall in seinem Berufsleben als Banker und steht (Bild 2), wie symbolisch, einsam zwischen den Zeichen des Fortschritts. 

 

Rainer Voss’ Prognosen für die Zukunft der Finanzindustrie sind düster: nach seiner Ansicht ist das ganze Finanzsystem so komplex geworden, dass es von keiner Einzelperson mehr verstanden werden kann. Dass Banken und Hedge Fonds bewusst mit der Griechenland-Pleite Geld verdienen und als nächstes Land Frankreich «angreifen», stimmt nachdenklich. «Das ganze System fliegt uns bald um die Ohren“. Uns zeigt er Ansatzpunkte, wie das System zu retten ist. 

 

Rainer Voss wurde entlassen. Dass er sich auf die Suche nach einem gleichwertigen Job in der Bankenwelt machte, beschreibt er als entwürdigend. Besser hätte er einen alternativen Lebenstraum verwirklicht, doch sein männliches Streben nach Anerkennung hat dies leider verhindert. Nun ist Rainer Voss «Privatier». 

 

Die Offenheit, sich auch den kritischen Fragen des Regisseurs zu stellen, verleiht dieser Doku die Qualität eines scharfsinnigen, facettenreichen und zum Nachdenken anregenden Films. 

 

  • Master of the Universe (Österreich / Deutschland 2013)
  • Reige: Marc Bauder 
  • Darsteller: Rainer Voss, Ex-Banker
  • Laufzeit: 93 Minuten
  • Kinostart: 28. November 2013
markusfreiwillis / Mo, 25. Nov 2013