Der Soundtrack zum Leben von Fräulein Luise
«Eisbär» ist die erste Single aus dem Album «Vielleicht nicht für immer» von Fräulein Luise und schon hier entfaltet sich eine vermutlich bewusst ausgebreitete Ambivalenz, die ein Stilmittel der Band ist. Der Song klingt entspannt, fast sommerlich und entfaltet eine Art angenehm-hypnotische Wirkung durch rhythmisch geschickt eingesetzte repetitive Elemente. Gleichzeitig behandelt der Song mit Zeilen wie «… alles dreht sich unter dir, es ist schon ok, sich zu verlieren …» eher dunkle Themen der menschlichen Emotionalität, Tabuthemen ist man geneigt zu denken. Dieses Spielen mit Symbolik, mit der Doppeldeutigkeit des Lebens, war immer schon eine Stärke der Band. Allerdings sind Fräulein Luise keine Band, die alles zu Tode analysiert und erklärt. Wie man die Zeile(n) verstehen möchte, überlässt die Band vermutlich mit ein wenig Vergnügen uns.
Das Debüt der jungen Zürcher Band, die sich längst überregional einen Namen mit ihrem feinen Gespür für Sprache und musikalischem Verständnis erarbeitet hat, erlaubt es in ihre Welt einzutauchen. Die Liebe zur Sprache, die die Band auszeichnet, hat sogar zum Bandnamen geführt. Der Bandname Fräulein Luise geht auf Dürrenmatts «Der Besuch der alten Dame» zurück. Dort heisst es «Nur Fräulein Luise geht elegant gekleidet vorüber.» Ein Satz, flüchtig und kurz, kaum lange genug, um in Erinnerung zu bleiben. Aber die Band hat das Fräulein wahrgenommen, das Geschehen in der Peripherie erkannt, und dieses feine Beobachten, das emotionale Eintauchen in die Gedanken und Gefühle der Umwelt, ist eine grosse Stärke des Quartetts.
Ob Musik oder Texte - Fräulein Luise funktionieren
Die Idee für Fräulein Luise wurde erst in der Coronapandemie konkret. Paula Scharrer (Klavier und Gitarre) und Olivia Merz (Gesang) kennen sich seit Kindertagen und hatten eines Tages die Idee zur Band. Olivia kannte den Bassisten Paul Studer von einem Schulprojekt und holte ihn dazu. Alioscha Todisco stiess als Drummer erst zur Band, als sie als Trio den bekannten Band-It-Wettbewerb gewonnen hatten und als Tipp nahegelegt bekamen, einen Drummer zu suchen. Gesagt, getan. Die Chemie hat sofort gestimmt. Die Zukunft von Fräulein Luise war damit definiert und sie gipfelt jetzt im Debütalbum «Vielleicht nicht für immer». Ab hier kümmern wir uns um das Album. Wer mehr Hintergründe zur Band erfahren möchte, kann unser Portrait von 2022 lesen (Link).
Musik ist subjektiv, abhängig davon, ob man lieber auf Musik achtet oder auch Lyrics wahrnimmt – oder natürlich beides. Fräulein Luise funktionieren so. Mit Fokus auf der Musik erlebt man clever arrangierten Indie-Pop, schwelgerisch ausgelegte Klangwelten, wohltemperierte Bassläufe, Gitarren, die keine Wände auftürmen, sondern eher leise singen, und nicht zuletzt den geteilten Gesang, der sich wunderbar ergänzt. Schenkt man den Texten Aufmerksamkeit, eröffnet sich ein grosses Talent für kleine Dinge im Leben. Ein gutes Beispiel dafür ist «Autobahn», weil der Song eine eher düstere Stimmung ausbreitet, getriggert durch den kraftvollen Basslauf, was ideal zur Lyrik passt und Zeilen wie «Lass mich doch endlich gehen» vertont.
«Autobahn» war einer der ersten der «neuen Fräulein-Luise-Ära», wie es die Band selbst nennt. Tatsächlich klingt die Band differenzierter, wirkt im Songwriting noch gefestigter. Der Song ist ein schönes Beispiel dafür, bewusst szenisch geschrieben und das Thema Autobahn ist symbolisch sehr treffsicher gewählt. «Der Song geht ums Nichtloskommen von einer Beziehung, die man so nicht mehr führen will, aus der man aber irgendwie nicht so einfach herauskommt. Eben als wäre man mit jemandem in einem Auto unterwegs, mit dem man sich nichts mehr zu sagen hat, sodass man die Musik extra lauter dreht, damit die Stille nicht so erdrückend wirkt» erklärten Fräulein Luise.
Fräulein Luise - «Eisbär»
So geht es auf dem Album weiter. «Viel zu oft allein» umschreibt das Gefühl, sich zu wenig bei den Verwandten zu melden, tut das aber ohne den erhobenen Mahnfinger. Der Song ist während ein paar gemeinsamen Wochen in den Bergen entstanden: «In einer dieser Wochen haben wir uns immer wieder dabei ertappt, wie wir auf unsere Grosseltern zu sprechen kamen. Fast bei jeder Mahlzeit und in jeder Pause haben wir über sie gesprochen. Darüber, was unsere Beziehung zu ihnen ist und wie wir uns immer ein bisschen schuldig fühlen, weil wir sie zu wenig besuchen, obwohl wir sie gerne sehen und sie wichtig für uns sind. Deshalb wollten wir einen Text darüber schreiben.» Aber nicht immer ist das einfach, gerade bei sehr emotionalen Themen. «In der Regel läuft es so ab, dass wir zusammen kurz besprechen, worum es im Song gehen könnte, und Paula zieht sich dann zurück und schreibt die Texte. Dieser Text war besonders anspruchsvoll, weil das Kitschpotenzial gross war», erzählen Fräulein Luise.
«Schnee» ist der einzige Mundartsong auf dem Album. Bei Fräulein Luise, die sich gerne in verschiedenen Sprachen ausdrücken, ist das auffällig. Der Song ist als einziger auf dem Album nicht im Kollektiv entstanden, sondern Paula hat ihn fertig in die Band gebracht: «Deshalb hat er eine andere Intimität. Es ist auch der einzige Song, den wir im Studio live eingespielt haben, in einem One Take. Dass er in Mundart ist, ist irgendwie einfach passiert. Genauso, wie es sich richtig angefühlt hat, die anderen Songs auf Hochdeutsch zu schreiben.» Bei «Weisswein & Eis» fühlt man sich im besten Sinn an diverse skandinavische Indie-Pop-Acts erinnert. «Zigaretten am Friedhof» ist so melancholisch wie es der Titel suggeriert. «Vielleicht nicht für immer» ist rhythmisch möglicherweise von Band wie Portishead gestreift.
Der Radiohead-Song
Hängen bleibt aber schon beim ersten Hören «Mein Zimmer». Die schwebende Gitarre ist zeitlos, auditiv unkompliziert gehalten, aber effektiv und kraftvoll. Das ist sehr bewusst entstanden. «Es ist der einzige Song auf dem Album, der nicht im 4/4, sondern im 5/4 Takt ist. Deshalb wirkt er auch so schwebend, weil er durch den Odd Meter nie ganz zur Ruhe kommt», erklären Fräulein Luise. Die Band hat ihn lange nur Radiohead-Song genannt, «weil er uns vom Arrangement her an die Band erinnert hat, vor allem, was den Einstieg von Drum und Bass angeht.» Dieser Eindruck trifft es schon ganz gut und erlaubt Einblick in die musikalischen Gedankengänge der Band.
Die Arbeit am Album war für die Band sehr intensiv. Noch nie hatten sie bisher vor Aufnahmen die Songs ähnlich stark überarbeitet. «Wir hatten etwa ein Jahr vor dem Studioaufenthalt, in dem die Songs eigentlich schon ziemlich fix standen, wir sie aber immer und immer wieder überarbeitet haben. Teils mit unserem Produzenten Zebo Adam, teils allein», erläutern Fräulein Lusie. Für die Aufnahmen war die Band circa vier Wochen im Studio: «Das war für uns eine absolut neue Erfahrung, weil wir noch nie auf diesem Level gearbeitet haben, was Einsatz, Zeit und Liebe zum Detail angeht.» Der älteste Song auf dem Album ist «Zigaretten am Friedhof», den Paula bereits mit 17 Jahren geschrieben hat. «Die meisten anderen Songs sind in den letzten drei Jahren entstanden.»
Fräulein Luise gelingt auf dem Debüt der Spagat zwischen der Erwartung, die mit Bekanntheit verbunden ist, und der musikalischen Frische, die sie immer hatten. Über die volle Platte hinweg überzeugt das Quartett mit herrlich frischen Arrangements und vertont vermeintlich mühelos den Soundtrack des Lebens, speziell zu jenem von Fräulein Luise, und fängt in den Songs menschliche Themen ein – zeitlos, aber doch frisch und modern.
Fräulein Luise gelingt ein stilsicheres Debüt voller fein arrangierter Songs, die soziale Themen geschickt einfangen und musikalisch emotional treffen.
- Band: Fräulein Luise
- Genre: Indie-Pop, Indie, Pop, Mundart, Deutsch
- Aktuelles Album: «Vielleicht nicht für immer»
- Infos auf der Website von Fräulein Luise
- Live: u.a. am 22. März im Dynamo, Zürich





















