Der «Missing Link» zwischen Chet Faker und Nick Murphy

Interview: Nick Murphy fka Chet Faker
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© Tyler Mitchell

Ein paar Tage vor seinem Konzert im Komplex 457 erhielt ich die Gelegenheit, für Bäckstage ein Telefongespräch mit Nick Murphy aka Chet Faker zu führen. Dieser weilte bereits in Berlin, wo er seine Tour startete. Murphy klang erholt und freute sich bereits sehr, die neuen und alten Songs in einem neuen Gewand zu performen. 

 

Bäckstage: Hey Nick, deine neue EP «Missing Link» kam im Mai des aktuellen Jahres raus und stellt gleichzeitig eine Kursänderung dar: Es ist das erste Release unter deinem richtigen Namen. Warst du mit deinem alter ego «Chet Faker» nicht mehr zufrieden?  

Nick Murphy: Ja, das kann man so sagen, ich war nicht mehr wirklich mit dem Namen zufrieden. Es war aber mehr eine Gelegenheit, neue Ausdrucksformen zu finden, anstatt dass es darum ging, meinen Künstlernamen nicht mehr zu mögen. Ich habe angefangen, Neues in meiner Musik zu erforschen und auf den ersten Blick scheint es eine kleine Veränderung zu sein, einfach den Namen zu ändern. Wenn man kreativ ist und Kunst macht, ist man in einer sehr fragilen Phase und etwas so Simples wie ein Name kann einen grossen Unterschied ausmachen. Zumindest bei mir. Als ich mich schliesslich entschied, unter dem Namen Musik zu machen, den meine Eltern mir gaben, hörte ich auf, mir Gedanken über die Vorurteile der Leute zu machen, die wegen meinem Namen vielleicht aufkommen können. Schlussendlich ist es wirklich das, was sich für mich richtig anfühlt. Ich denke, dass dies der Hauptgrund dafür war. Sobald ich mit diesem Entschluss angefangen habe, Musik zu machen, stürzten alle Wände ein und die Ideen strömten aus mir raus.  

Also hast du dich hinter deinem Künstlernamen eher gefangen gefühlt?

 

Hmm, ich habe nicht das Gefühl, dass ich mich immer gefangen gefühlt habe mit dem Namen. Es ist eher soweit gekommen mit der Zeit. Und innerhalb des letzten Jahres versuchte ich, neue musikalische Orte mit dem Namen Chet Faker zu finden und musste feststellen, dass ich zu viel Erwartungen hatte. Dass ich sozusagen an einem Limit ankam. Es war aber eher ein fliessender Übergang, dies zu realisieren.  

Das macht Sinn. Hast du die Songs auf der neuen EP nach diesem Entscheid geschrieben? Oder existierten bestimmte Ideen bereits vorher?

 

Alle sind während diesem Zeitpunkt entstanden, mit Ausnahme des Songs «Your Time», welcher auf den richtigen Moment wartete, veröffentlicht zu werden. Ich dachte, dass dieses eher wie meine älteren Songs tönt und dass es wahrscheinlich die letzte Möglichkeit ist, den Song mit der Welt zu teilen. Den Rest habe ich in meinem Apartment in New York aufgenommen und dort auch gemischt. Diese neue EP repräsentiert das musikalische Suchen und Finden dieses neuen Ortes.  

Und offensichtlich hast du ihn gefunden. 

Ich bin immer noch auf der Suche und am Finden. Momentan arbeite ich an meinem Album, welches im nächsten Jahr erscheinen soll. «Missing Link» war der erste Schritt in die richtige Richtung. 

Sozusagen der «Missing Link» zwischen Chet Faker und Nick Murphy?

 

Exakt (schmunzelt).  

Auf dem Cover der EP sind fünf verschiedene Fotos zu sehen, repräsentieren diese die fünf Songs darauf?

 

Genau, jedes Foto soll für einen Song stehen. Alle meine engsten Freunde sind auf den Fotos zu sehen, inklusive mir natürlich. Mein guter Freund Benjamin Gordon hat dann das Cover designt. Somit kommen neben der persönlichen Verbindung zur Musik meine engen Freunde ins Spiel, was für mich am meisten Sinn machte. 

Du hast deine Musik in verschiedenen Formationen live umgesetzt, mal Solo, dann mit einer Band, mal als DJ. Was kann man von deiner kommenden Tour erwarten? Wie wirst du die alten und neuen Songs dem Publikum vorstellen?  

Seit dem letzten Jahr spiele ich hauptsächlich mit vier anderen Musikern zusammen. Durch diese Formation haben wir die älteren Songs interpretiert. Auch die neuen Lieder setzen voraus, mit einer Band gespielt zu werden. Seit längerem fühle ich mich zu diesen Live-Shows viel mehr hingezogen. Eine Band als Basis zu haben, erlaubt es mir, mich auf der Bühne vollends der Musik hinzugeben und somit mehr zu performen.  

Bis zu welchem Grad erlaubst du deinen Mitmusikern, ihre Eigenes in deine Musik einfliessen zu lassen? 

Während den Proben für die Tour haben wir viel dafür investiert, tight im Takt zu sein. Somit entsteht ein stabiles Grundgerüst der Songs. Da meine Musiker so fantastisch sind, wird es auch ab und zu Solos geben. Zudem wird es während den Shows immer wieder mal Momente geben, bei denen wir jammen und jeden Abend etwas Neues entstehen kann. Selbst wir wissen nicht immer, was alles passieren wird. Man kann mit dem Publikum interagieren und etwas Eigenes, Spezielles erschaffen. Das vermisse ich bei den heutigen Live-Acts sehr, man drückt «play» oder hat vorher aufgenommene Tracks und der eigentliche Charakter der Performance geht verloren. Auch die Setlist ist bei uns nie dieselbe. Somit verändert sich immer Etwas, manchmal sogar schneller als meine Musik (lacht)!

Ich gebe ein Beispiel: DJs, die unglaublich gute Tracks produzieren, deren Live-Show aber ziemlich schal und trocken rüberkommen. Wahrscheinlich wollte ich auf eine Art einen Krieg starten mit DJs (lacht). Ich will einfach Musik machen, die gut klingt, aber auf der Bühne komplett von uns selber gespielt wird.  

Was steht bei dir neben dem Album als Nächstes an?  

Ende 2017 soll der Shortfilm zu meiner aktuellen EP rauskommen. Darauf bin ich ziemlich gespannt. Es war inspirierend, daran zu arbeiten, quasi von der Musik ausgehend was Neues zu erschaffen. Neben dem bin ich momentan mit Dave Harrington am Aufnehmen. Das wird ein Album, das man am ehesten als «Jazz» betiteln könnte. 

 

Nick, vielen Dank für das Gespräch. Wir sehen uns diesen Freitag in Zürich.

 

Nick Murphy - «Your Time»

 

* Nick Murphy spielt am 24. November im Komplex 457 in Zürich. Tickets gibt es auf Starticket.  

 

David Schaufelberger / Mo, 20. Nov 2017