Vor den Augen der Weltöffentlichkeit ...

HRFF-Kritik: The Cave

 

Fast zehn Jahre lang herrschte Krieg in Syrien. Millionen von Syrer sind zu Flüchtlingen geworden, Hundertausende haben ihr Leben verloren. «The Cave» zeigt, wie Ärztinnen in einem unterirdischen Spital in Ost-Ghouta unter schwierigsten Bedingungen Leben retten.

 

Dr. Amani Ballour und ihre Kolleginnen Samaher und Dr. Alaa leiten das unterirdische Spital «The Cave» in Ost-Ghoutha, östlich von Damaskus. 400000 Menschen leben in dieser Region, umzingelt vom Assad-Regime und seinen Verbündeten, welche die Strassen zu ihrem Schlachtfeld machen. Die Menschen haben sich in unterirdische Tunnels zurückgezogen, die ständig ausgebaut werden. Im Spital arbeiten die Frauen gleichberechtigt neben ihren männlichen Kollegen. Der Dokumentarfilm «The Cave» von Feras Fayyad zeigt wie sie trotz ständigen Bombardements und der Bedrohung durch Giftgas-Angriffe verletzte Menschen, Gebrechliche und Kinder versorgen.

 

Vom Aufstand zum Krieg

 

Nach dem Regimewechsel in Ägypten und in Tunesien forderten Syrerinnen und Syrer im Frühjahr 2011 in friedlichen Massendemonstrationen mehr Freiheit und den Rücktritt Baschar al-Assads. Unter Assad hatte sich Syrien zu einer Diktatur entwickelt. Als Antwort auf die Proteste wurden die Demonstranten festgenommen, inhaftiert und gefoltert. Das Regime reagierte schliesslich mit Staatsterror gegen jegliche Opposition bis 2012 der Bürgerkrieg ausbrach, in den sich auch ausländische Mächte einmischten. Der Iran und Russland kämpften seither an der Seite Baschar al- Assads während die Türkei, die USA, die Golfstaaten und Israel die Oppositionellen unterstützten.

 

Ein Tunnel tief unter der Erde: Hier kämpft Dr. Amani Ballour um das Leben verletzter Zivilisten. (Bildquelle: National Geographic)

 

Sowohl die Filmcrew um Regisseur Ferras Fayyad, als auch Dr. Amani Ballour und ihr Ärzte-Team riskierten für ihre Arbeit in «The Cave» in Ost-Ghoutha ihr Leben. Fayyad, selbst auch Syrer, wurde mehrmals inhaftiert und von syrischen Militärs gefoltert. Dennoch gab er seine Arbeit als Dokumentarfilmer nicht auf. Zwischen 2012 und 2018 nahm er über 1000 Stunden Filmmaterial auf. Um das Material sicher über die Grenze und nach Dänemark zu den Produzenten Kirstine Barfod und Sigrid Dyekjaer zu bringen, durfte Ferras Fayyad sich nie lange an einem Ort aufhalten. Ansonsten wäre er vielleicht entführt und das Filmmaterial in falsche Hände geraten. Auf keinen Fall wollte Fayyad risikieren, dass Assads Männer Dr. Amani Ballours Standort ausmachen und das Spital bombardieren würden.

 

Verbrechen gegen die Menschlichkeit

 

Immer wieder führt der Film vor Augen, wie Dr. Amani Ballour, Samaher, Dr. Alaa und Dr. Salim Namour bis an die Grenzen ihrer Kräfte gehen, Kindern, Frauen und Männern Hoffnung schenken, sie verarzten und ihre Leben retten. Nach den Giftgas-Attacken im März 2018 wurden die Bewohner von Ost-Ghouta durch ein Evakuierungsabkommen gezwungen, ihre Häuser zu verlassen. Viele flüchteten in den Norden des Landes, in Flüchtlingslager oder in die Türkei, wo sie weiter ums Überleben kämpfen. Auch Amani, Samaher und Salim verliessen Syrien. Alaa blieb in Syrien und setzte ihre Arbeit als Ärztin fort.


Die Belagerung von Ghouta dauerte über fünf Jahre und wurde von der UN-Untersuchungs- kommission als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft. Bis heute ist nicht abschliessend geklärt, wer für den Einsatz von Giftgasen in Ghouta verantwortlich ist.

 

Schaut man sich «The Cave» an drängt sich die Frage auf – Wie ist es möglich, dass sich vor den Augen der Weltöffentlichkeit über viele Jahre hinweg eine humanitäre Katastrophe von diesem Ausmass abspielen kann? Millionen von Menschen haben im Syrienkrieg ihr Zuhause verloren und sind auf der Flucht. Ein umfassender Wiederaufbau Syriens ist angesichts der noch nicht absehbaren Folgen der Covid19-Pandemie unwahrscheinlich. Welche Zukunft erwartet dieses Land?

 

  • The Cave (Dänemark, Deutschland, Katar 2019)
  • Regie: Feras Fayyad
  • Laufzeit: 106 Minute
  • Kinostart: t.b.a.

 

Diese Kritik ist Teil der Berichterstattung zum Human Rights Film Festival Zurich 2020.

 

Textundbildlabor / Mi, 16. Dez 2020