Willem Dafoe: «Die Sherpa-Kultur war bisher nicht wirklich repräsentiert»
Wir haben Willem Dafoe anlässlich der Europapremiere von «Tenzing» am Zurich Film Festival zum Interview getroffen. Der charismatische Schauspieler erzählte uns wie er über seine Zusammenarbeit mit Regisserin Jennifer Peedom zu diesem Film kam, was er bei der Vorbereitung über seine Figur gelernt hat und wie der Dreh in der freien Natur auf ihn einwirkte.
Du hast bereits mit Jennifer Peedom zusammengearbeitet, allerdings als Sprecher in ihren Dokumentationen. Wie war die Zusammenarbeit an ihrem ersten Spielfilm?
Fantastisch. Ich fand grossen Gefallen an ihr als Filmemacherin, als ich meinen Voice-over-Beitrag in ihren Dokumentarfilmen lieferte. Es war ihr Traum, diesen Film zu machen – passend zum Motto des diesjährigen Zurich Film Festivals. Sie hat mir von diesem Traum erzählt, als wir gemeinsam an einer Doku gearbeitet haben. Ich spürte ihren Enthusiasmus und ihre Verbundenheit mit der Idee. Wenn es sich irgendwie ergeben sollte, versprach ich ihr, dabei zu sein. Ich wollte sie unterstützen, in welcher Form und in welcher Rolle auch immer. Es war eine sehr komplizierte Produktion. Viele Regisseure hätten die Aufnahmebedingungen als stressig empfunden, aber sie blieb «cool as a cucumber».
Wie elementar waren Jennifers Erfahrungen mit den Drehorten, die sie bei ihren Dokumentarfilmen sammelte?
Wenn dies nur ein Traum von ihr gewesen wäre, ohne fundierte Recherche, wäre es ein heikles Unterfangen gewesen. Aber sie kannte die Region und die Sherpa-Community. Sie kannte Nepal und den Himalaya. Sie ist eine Bergperson. Sie war die richtige Person für diesen Film. Dennoch war es eine logistische Herausforderung. Und auch eine kulturelle, denn es war eine wortwörtlich multikulturelle Produktion.
Was denkst du, weshalb hat es so lange gedauert, bis Tenzings Geschichte auf die grosse Leinwand kam?
Das ist eine Frage für die Regisseurin. (lacht) Es gibt Bergfilme und Filme über den Everest. Bei den meisten handelt es sich um testosterongeladene Actionfilme. Die Sherpa-Kultur war bisher nicht wirklich repräsentiert. Jennifer hatte demnach ein Interesse daran, dass der Film auch ihre Erfahrungen mit den Nepalesen, den Toten und den Indern widerspiegelt.
Du hast vorhin die kulturelle Diversität angesprochen, die bei diesem Film spürbar war.
Wir hatten ein gemeinsames Ziel, das half. Wir waren ein sehr bunt zusammengewürfelter Haufen. Einerseits hatten wir professionelle Schauspieler aus Australien, Neuseeland, Großbritannien und – wie mich – den USA, andererseits lokale Personen, die eine Geschichte über ihre Kultur erzählen wollten. Sie hatten wenig bis gar keine Erfahrungen im Filmbusiness, waren aber deutlich geübter auf dem Gelände als wir. So glichen sich unsere Vor- und Nachteile mit der Zeit aus. (lacht) Jennifer kennt Tenzing Norgays Familie sehr gut und war stets bemüht, ihre Perspektive einzubringen. All dies half, unsere durchmischte Gruppe auf ein klares gemeinsames Ziel auszurichten.
Die gesamte Expeditionscrew fühlte sich während der zweiten Hälfte des Films auch wirklich wie ein echtes Team an. War das nur geschauspielert oder echt? Habt ihr Teambuilding am Set gemacht?
Beides. Und sag nicht «Set», wir waren der Natur häufig ausgeliefert. Die Natur spielte die Hauptrolle. Es ist de facto eine Liebesgeschichte zwischen Tenzing und diesem Berg. (lacht) Einer der wichtigsten Charaktere.
Und hat sich auch die Filmcrew in den Berg verliebt?
Die Crew machte alles, was wir im Film tun, und filmte zusätzlich dazu. Manchmal landete der Helikopter auf winzigen, sicheren Flächen. Wir stiegen aus, packten so viel Material, wie wir tragen konnten, und duckten uns schützend darüber, während der Helikopter wieder davonflog. Dann schauten wir, was heute gefilmt wird und wie das Wetter war. Wir mussten quasi jeden Tag neu planen.
Du hast bereits reale Personen verkörpert. Hast du dich auf besondere Weise auf dein Porträt von Colonel Hunt vorbereitet?
Wie viele andere auf dieser Expedition, schrieb auch Colonel Hunt ein Buch darüber. Es ist ziemlich detailliert. Natürlich ist es britisch geschrieben, das heisst, es wird ein wenig reserviert erzählt. Trotzdem war er ein sehr empfindsamer und sensibler Mann. Er wurde nicht von Anfang an akzeptiert. Zwar hatte er die formelle Macht, aufgrund seiner bisherigen Erfahrungen war er jedoch nicht die beste Wahl. Und auch wenn es im Film nicht explizit betont wird: Auch er war ein Aussenseiter auf der Expedition. Es gab Spannungen zwischen ihm und den anderen Bergsteigern. Somit gab es Parallelen zwischen Hunt und Tenzing. Tenzing musste sich ganz anderen Herausforderungen stellen, aber beide durchliefen eine ähnliche Entwicklung während dieser Expedition.
Das ist mir als Zuschauerin ebenfalls aufgefallen. Er hat einen schönen Charakterbogen. Er entwickelt sich vom Leader zum Enabler.
Genau richtig. Deshalb ist der Moment, in dem er sie zur finalen Gipfelbesteigung verabschiedet, so wichtig. Er fühlte sich gezwungen, seine Empfindungen, seine Freude und seinen Stolz bestmöglich zum Ausdruck zu bringen. Deshalb spricht er seine Unterstützung und sein Verständnis gegenüber Tenzing in dessen eigener Sprache aus. Ich fand das eine sehr schöne Geste.
War diese Szene schwieriger als andere? Oder bist du ein geübtes Sprachtalent?
Es war nicht viel Text, aber es war auch nicht einfach, denn es war eisig kalt und ich habe gefroren. Ich habe mit einem Sprachlehrer gearbeitet, der uns alle unterstützt hat. Auch Genden Phuntsok, der Tenzing verkörpert, hat mit ihm gearbeitet. Er sprach auch kein Sherpa, er ist tibetischer Chinese. Man möchte schliesslich nicht unauthentisch sein. Es kann vorkommen, dass man sich ein wenig unauthentisch verhält, wenn man sich auf einem klassischen Filmset wiederfindet. Weil man ja etwas erfindet. Nicht so bei diesem Film. Indem wir wirklich draussen, mitten in der Natur, ihr komplett ausgeliefert waren, hat das alles etwas mit uns gemacht. Es hält einen auf dem Boden, es hält einen ehrlich. Denn du kannst dich nicht gegen die Natur auflehnen, du musst mit ihr gehen. Sie sagt dir, was du tun sollst.
Hast du mehr über die Natur gelernt?
Sicherlich. Ich habe viel in der Natur und auf Bergen gedreht. Jedes Mal verspüre ich eine besondere Verbindung zu ihr, wenn ich viele Stunden und ganze Tage in ihr verbringe. Aber ich habe noch nie solch spektakuläre, wesentliche und demütigende Erfahrungen gemacht wie bei diesem Dreh. Es gab keine Tiere, es gab kein Leben dort. Es war, als wäre der Ort älter als das Leben selbst. Es ist Geologie, es ist Macht, es ist eine Wucht. Dies aus nächster Nähe erleben zu können, hat mich beeinflusst und etwas mit mir gemacht.





















