«Lampenfieber klingt so negativ»

Interview mit Johannes Oerding
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www.johannesoerding.ch / © Andreas Oetker Kast

Johannes Oerding sitzt gerade mitten in Zürich-Altstetten und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen als wir ihn zum Interview treffen. Er sei eben erst aus München gekommen und  freue sich riesig, dass es in Zürich doch 4, 5 Grad wärmer sei, erzählt der sympathische Songwriter. Gerade hat er mit «Boxer» sein zweites Album veröffentlicht und freut sich auf die anstehende Tour. Im Interview verrät er, wieso er den Auftakt in Zürich feiert, ob er Lampenfieber hat und was er mit Roger Cicero zu tun hat. 

 

Heute startet deine Tour in Zürich. Freust du dich? 

Es fühlt sich immer ein bisschen so an wie wenn die Klassenreise weitergeht. Man trifft seine Freunde und sein ganzes Team wieder. Dann ist Frühlingsbeginn, das kommt auch noch dazu. Irgendwie ist ja genau dieses Leben der Grund, weshalb ich es mache. Auf Tour sein, live spielen, vor Leuten spielen – es gibt nichts Schöneres in dem Beruf.

 

Wieso startet ihr die Tour in Zürich? 

Das ist eine gute Frage. Weil hier das beste Wetter ist und wir dann direkt mit guter Laune loslegen. Nein, es war so, dass ich vor einiger Zeit mit der Seat Music Session gespielt habe. An einem Abend traten wir in Zürich auf, wir fanden das so klasse und als auch noch der Veranstalter da war, haben wir direkt Nägel mit Köpfen gemacht.

 

Hast du die neuen Songs schon live getestet oder wird Zürich die Livepremiere? 

 

Zürich wird auf jeden Fall die Premiere für einige der neuen Songs sein und wir werden natürlich, wenn man das so sagen darf, auch die bekannteren Song, oder die Evergreens kann man schon fast sagen, auch spielen. Es ist für jeden etwas dabei. 

 

Du spielst inzwischen oft vor vollen Hallen. Hast du Lampenfieber?

Nein, Lampenfieber klingt so negativ, so ängstlich. Angst habe ich nicht, es ist eher so eine Aufgeregtheit, die man auch braucht, eine Art Anspannung, die dann mit dem ersten Satz oder dem ersten Gitarrenakkord lospeitscht. Aber diese Aufgeregtheit habe ich tatsächlich. Die bekomme ich immer eine halbe Stunde vor dem Auftritt. Dann trinke ich schnell noch ein Bier und los geht’s. 

 

Falls ja, hast du irgendein Ritual, dass vor jedem Auftritt gemacht wird?

 

Das Bier ist eins davon, das muss man sagen. Wir peitschen uns gegenseitig als Band hoch. Wir machen jeweils einen kleinen Kreis und rappen und singen das, was uns gerade einfällt. Da entstehen immer lustige Reime. Am Ende wird bis Null runtergezählt und dann gehen wir alle raus.

 

Du hast bei der Band Soullounge Roger Cicero ersetzt. Wie wichtig war dieser Schritt für dich als Künstler?

 

Ich glaube, es war ein sehr wichtiger Schritt in meiner bisherigen Karriere, weil ich dadurch sofort mit tollen Musikern arbeiten konnte und quasi von der Schülerband in eine professionelle Band kam und da sehr viel gelernt habe und mir abgucken konnte. Roger war zu der Zeit natürlich noch ein totales Vorbild. Ein super Umfeld, es war eigentlich das beste Sprungbrett, das man haben kann.

 

Auf dem neuen Album hast du alle Songs selbst geschrieben. Wie schreibst du?

 

Das passiert tatsächlich einfach so. Es gibt keine Struktur, kein System. Mir kann etwas auf dem Klo einfallen oder mir kommt auf Tour eine Idee, wenn ich aus dem Auto rausgucke. Da gibt es kein System und wenn man Glück hat, dann schafft man es, in einer Stunde einen Song zu schreiben und manchmal sitzt man jahrelang an einem Song und verwirft ihn immer und immer wieder. 

 

Du hast BWL angefangen zu studieren und danach Marketing abgeschlossen. Wieso hast du nicht ein Musikstudium gewählt? 

 

Es war ehrlich gesagt auch nie ein Thema, etwas mit BWL zu machen. Aber wie das bei vielen Leuten so ist, nach der Schule macht man erstmal irgendwas und was dir halt alles offen hält, war immer BWL. Das habe ich auch ein bisschen zur Beruhigung meiner Eltern gemacht. Ich komm halt vom Dorf und da war es sehr wichtig, dass man etwas «Normales» macht. Aber ich habe schon während des Studiums mehr Musik gemacht als ich studiert habe. Danke an dieser Stelle an meine Kommilitonen, die mir so tapfer geholfen haben und mich abschreiben lassen haben, damit ich das Ding überhaupt schaffe. 

 

Eine Zeit lang hast du Strassenmusik gemacht. Kann man dich noch heute auf der Strasse antreffen?

 

Es ist seltener geworden. Witzigerweise sassen wir gerade vorhin, als wir ankamen, im Hotelflur und ich habe auf der Gitarre gespielt und das fühlte sich so an wie früher auf der Strasse. Aber heute spiele ich so viel live, dass ich es gar nicht mehr so suche. 

 

Auf deiner Hompage ist der Hund James als Bandmitglied gelistet. Welche Rolle hat er?

 

Ich müsste eigentlich jetzt ein Kreuz an seine Stelle setzen, weil er vor Kurzem gestorben ist. Gott habe ihn selig. Er war halt immer dabei. Das war ein Hund, den konnte man in die Tasche stecken und mitnehmen. Den hat es nicht gestört, wenn er im Proberaum laute Musik gehört hat. Jetzt ist er nicht mehr da, aber vielleicht kommt demnächst ein Nachfolger. 

 

Dann war’s das von mir. Vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast und viel Spass beim Konzert im Moods.

 

Patrick Holenstein / Sa, 24. Mär 2012