Shake it with Santigold - Check ✅

Erlebnisbericht: Bei Santigold im X-Tra
Bildquelle: 
© X-Tra. Mit freundlicher Genehmigung

Sängerin, Songwriterin, Produzentin und - man kann behaupten - Stilikone Santigold gab am diese Woche ihr einziges Konzert in der Schweiz auf der «We Buy Gold»-Tour und lieferte mit einer gesanglich unerwartet guten Performance ab. Wie ich es erleben durfte.

 

Dienstag Nachmittag: ich blicke auf die Uhr. Schon 16.30! Heute muss ich mich ein wenig früher aus dem Büro in Rheineck SG schleichen, eine lange und beschwerliche Zugreise nach Zürich steht bevor. Ich packe mein Zeug und eile zur Bushaltestelle - erst nach Hause, duschen, richten und mental vorbereiten auf das was bevorsteht: Santigold, im X-Tra. Ich lasse die Gedanken schweifen; wenige Musikkünstlerinnen oder -künstler scheinen mir so vertraut, wie eine gute Freundin, die mich schon seit mehr als einem Jahrzehnt begleitet - schliesslich verfolge ich den musikalischen Werdegang von Santi White aka Santigold schon seit ihren Zeiten als Punksängerin von Stiffed. Eine gute Freundin, die mich amüsiert, aufheitert, zum Nachdenken bringt, mit mir feiert und manchmal sogar nervt. (Skip Song bis zu einem ihrer Tracks, der meiner Gefühlslage entspricht.)

 

Während meinen Träumereien wird mir bewusst: Verdammt - in 5 min fährt mein Bus zum Bahnhof! Wenn ich den verpasse, komme ich zu spät zu ihrem Gig! Ich hetze aus der Wohnung, bete zu irgendeiner höheren Macht, dass ich alle lebensnotwendigen Dinge bei mir habe und schaffe es gerade noch auf den Bus und den anschliessenden Zug.

 

Santigold und die beiden unverzichtbaren Tänzerinnern (© X-Tra)

 

Auf den Schienen höre ich (wie könnte es anders sein?) Santigold, um mich einzustimmen. Ihr erstes Album «Santogold», von dem ich hoffe, einiges auch am Abend live zu hören. Ihre zweite Scheibe «Master Of My Make-Believe» hatte natürlich auch diverses zu bieten und ihre aktuelle Platte «99¢» versprüht ebenso viel individuellen Charme. Aber was war ihr Erstling doch für ein Meisterwerk: So neu, so frisch, so anders, revolutionär halt. (Entschuldigt diese etwas plakative Schleimerei.) Zu «Anne» rolle ich über einen eisernen Gleisteppich und vernehme undeutlich die ersehnten Worte: «Nächster Halt Zürich Haubtbahnhof.» Vom HB nehme ich das Tram zum Limmatplatz und laufe den Rest.

 

Nach der ganzen Reisehektik endlich beim X-Tra angekommen, wird den 950 Anwesenden um 19.00 Uhr Einlass gewährt, wonach das Konzert um 20.00h beginnen würde. Für meinen Geschmack ein wenig früh für eine ausschweifende Party, aber leider ist keine Vorband mit auf Tour. Selbstverständlich beginnt das eigentliche Konzert, ganz nach amerikanischer Art und wahrer Rockstar-Manier, erst gegen 21.00h (meine Hetzerei hatte sich also gelohnt). Ich verbringe die Wartezeit mit dem in dieser Situation einzig Sinnvollen und genehmige mir ein Bier. Währenddessen schaue ich mir die Bühne an und werde überrascht - da stehen Musikinstrumente: Schlagzeug, Bass, Gitarre neben den üblichen Mixern, Keyboards etc. Erleichtert denke ich an die Tatsache, dass Santigold sonst meistens nur mit elektronischer Unterstützung unterwegs ist.

 

Plötzlich ertönen die ersten Rhythmen und dumpfen Bassklänge vom Switch + Sinden Remix des Tracks «You’ll Find A Way», ihrem standardmässigen Einstiegssong, und bekommt sofort meine ungeteilte Aufmerksamkeit. 

 

Santigold kommt mit den beiden Tänzerinnen, quasi ihren Markenzeichen, und den Musikern auf die Bühne - die meisten jubeln. Sie beginnt die erste Strophe zu singen. Einige beginnen sich verhalten zum reduzierten Beat zu bewegen - ich selbst wippe mit - sie singt den Chorus. Insgesamt vergeht ca. 1 Minute bis der abgedrehte Dubstep-Part nach dem Chorus reinkickt - die vorderen Reihen sind nicht mehr zu halten. Ich bleibe am Rand, beobachte vorerst nur, schwöre mir aber, heute Abend mindestens einmal richtig abzugehen. Santigold hat den Saal innerhalb von 60 Sekunden für sich gewonnen, danach ist es für sie ein Inside-Job. 

 

Innert 60 Sekunden gehörte der Saal ihr: Santigold. (© X-Tra) 

 

Sie überzeugt die ganze Show, sorgt, vor allem in Abetracht eines ordinären Dienstag Abends, für eine ungewöhnlich ausgelassene Stimmung. Immer begleitet von ihren Tänzerinnen, deren akzentuierter Tanzstil, aus herkömmlichen Tanzeinlagen, mal minutenlang bewegungslos dastehen und mit aufgezogener Sonnenbrille cool in die Menge starren, viel Gestik bis hin zu wahrhaftigem Twerking in Reinform, sehr hohen Wiedererkennungswert hat. Insbesondere in Kombination mit den üppigen Formen.

 

Die Band und sie spielen Songs querbeet durch alle drei Alben, für musikalische Abwechslung ist somit gesorgt: Pop, Hip-Hop, Electro, Dub und Rock, nicht ohrenbetäubend laut, die Abmischung ohnehin vom Feinsten – eine perfekte Show. Klassiker wie «Say Aha» oder «Unstoppable», Neuheiten wie «Can’t Get Enough Of Myself» und «Banshee», Hits wie «Lights Out» und aus vergnüglichem Pflichtbewusstsein «Disparate Youth». In kurzen Pausen werden die Outfits gewechselt, die niemals zu schrill oder langweilig sind - die Frau weiss einfach was sie tut, in jeder Beziehung.

 

Und irgendwann in der zweiten Hälfte des Auftritts kommt der Moment - der Moment an dem ich abgehe …

 

Der Song «Creator» ist bei Santigold immer das Zeichen, dass bald einige Konzertbesucher auf der Bühne ihre eigenen Tanzkünste präsentieren dürfen. Die Ersten erstürmen Sekundenbruchteile nach ihrer Aufforderung die Bühne - ich zögere. Weitere überwinden das Geländer und gehen an den Securities vorbei, die alles schon leicht nervös beäugen. Viele würden es nicht mehr schaffen. Ich entschliesse mich es zu wagen und klettere auf das Geländer. Zu spät - ein Security kommt auf mich und einige andere zu und sagt, wir sollen wieder zurückgehen. Die Anderen finden sich mit ihrem Schicksal ab, ich hingegen bleibe unentschlossen auf dem Geländer stehen. Santigold scheint es irgendwie mitbekommen zu haben, sie kommt zum äusseren Rand der Bühne und winkt mich höchstpersönlich hoch.

 

Mit gespielter Selbstgefälligkeit schmunzle ich den Security an, zieh an ihm vorbei und mische mich unter die extrovertierteren Gäste auf der Bühne. Wir tanzen ab, währendem Santigold zum abgespaceten Beat von «Creator» abgrooved. Sie hätte definitiv auch das Zeug dazu gehabt, Rapperin zu werden, eine Vollblutmusikerin durch und durch. Nach dem Ende des Songs verlassen die Party-Animals inklusive mir die Stage. Wieder eine kurze Pause, Kostümwechsel, bevor es weitergeht. Santigold schnappt sich den Bass und spielt mit ihrer Band «Who I Thought You Were», zeigt, dass sie auch sonst musikalisch was drauf hat. Bis zum Schluss gibt es absolut nichts zu bemängeln. Manchmal während dem Konzert flüstert eine misstrauische Stimme in meinem Hinterkopf leise: «Playback!», aber Santigold hat sicherlich live gesungen, auch wenn sonst ordentlich mit eingespielten Background-Voices nachgeholfen wurde. Gesangsvolumen ist eben eine der wenigen Gaben, die sie nicht hat. Retrospektiv gesehen - total bedeutungslos, im Gegenteil, es war gut, sie war gut. Dafür hat sie Personality.

 

Santigold, ihre Crem und die bunte Bühne. (© X-Tra)

 

Ich lasse das Konzert Revue passieren, komme zum Schluss, dass mit Santigold und einigen anderen auf der Bühne zum Dubstep-Rythmus von «Creator» durchzudrehen, bestimmt nicht ganz oben auf meiner Bucket List stand, aber irgendwo weiter unten darauf bestimmt zu finden gewesen wäre. Danke Mrs White, für einen gelungenen Abend. Shake it with Santigold - check.

 

  • Herzlichen Dank an das X-Tra für die Genehmigung, die Bilder zu nutzen.  
Alexander Schenker / Fr, 17. Jun 2016