«Ich komme mir vor wie im Wohnzimmer von Zürich»

Konzertkritik: Andy Burrows im Papiersaal
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Promobild / Facebook Andy Burrows

Bei Konzerten kommt es gelegentlich vor, dass die ersten ein, zwei Songs ein komplett falsches Erwartungsbild erzeugen. Startet ein Gig fulminant, kann die Stimmungskurve schnell in arktische Zonen fallen und wenn man sich während den ersten Klängen noch unterkühlt fühlt, treibt mancher Künstler die Fieberkurve schneller nach oben als es jedes Virus könnte. Als Andy Burrows sein Konzert im Papiersaal beendet, ist die Arktis längst der Sahara gewichen und die Anwesenden schreien nach Zugaben. 

 

70 Minuten vorher. Vier junge Männer betreten die Bühne im Papiersaal. Sagen nichts, kein Nicken, ohne Lächeln, Knicks oder sonstiges Zeichen der Begrüssung. In Jeans und einem schlabbrigen Pullover setzt sich der Hauptakteur des Abend, Andy Burrows, seines Zeichens ehemaliger Schlagzeuger von Razorlight und heute Mitglied bei We Are Scientists und eben Solokünstler, ans Piano und irgendwie passiert nichts. Natürlich spielt die Musik, klingen die Boxen, greifen die Instrumente in einander. Aber emotional bleibt der erste Song belanglos. Gleiches passiert mit dem zweiten Song. Nichts! Ob das die englische Coolness ist? Songs leidenschaftslos dem Publikum zum Frass vorwerfen? Erst mit dem Titelstück des aktuellen Albums «Company» nimmt das Konzert brutal schnell Fahrt auf. 

 

Keine Bars in der Umgebung

 

Jetzt ist es nicht so, dass «Company» ein High-Tempo-Song wäre, und die Zuschauer schon vom Rhythmus her mitreissen würde, aber es scheint, dass die Band auf Betriebstemperatur angekommen ist. Der vierstimmige Gesang macht plötzlich Laune und die vier eigentlich unauffälligen Engländer auf der Bühne bekommen auf einmal Farbe. Sie lachen, witzeln und beginnen rasant das Publikum zu erreichen. Erklären lässt sich eine solche Entwicklung jeweils nicht. Jedenfalls ist Burrows jetzt gesprächig und erzählt, dass er sich etwas wundere, dass rund um den Club keine Bar zu finden sei. Er weiss ja nicht, dass sich der Papiersaal mitten im Sihlcity befindet, was nicht gerade die Bardichte einer Langstrasse hat. Dafür freut sich der sympathische Musiker aus Winchester über den Club. Der Papiersaal ist nämlich an diesem Abend nur etwa halbvoll, dafür stehen rund um die Bühne viele Stühle und Sofas. So richtig gemütlich, wie bei einem intimen Clubkonzert. Und genau darauf läuft die Show hinaus. «Ich mag es hier, es ist als würde man im Wohnzimmer von Zürich spielen», erklärt Burrows und stimmt den nächsten Song an. 

 

Elton Johns «Daniel» leitet als Intro nahtlos in den Song «Light By The Night», «If I Had A Heart» bekommt Unterstützung von einem Banjo, «Maybe You» klingt folkig und dann sind da noch die zwei wunderschönen Tribute an Bands, die wohl irgendwie Andy Burrows gefallen, beeinflusst haben oder einfach sonst passen. Zu «Four Seasons In One Day» von Crowded House erzählt Burrows nichts. Er lässt den Song einfach für sich sprechen. Dafür betitelt er das etwas dreckige, aber durchaus berührende Cover von «Save It For A Rainy Day» von den Jayhawks. Das stilistisch etwas an Razorlight erinnernde «Hometown» beendet schliesslich das Set. 

 

Zum Schluss gibt es Razorlight

 

Das Publikum ruft nach Zugaben, fordert Razorlight-Songs. Jetzt passiert etwas, das entweder gut geschauspielert ist oder wirklich spontan. Glaubt man nämlich früheren Setlists im Netz, müsste das Konzert vorbei sein. Doch Andy Burrows kehrt auf die Bühne zurück und verspricht, die Band gleich nochmals auf die Bühne zu holen, um einen Razorlight-Song zu spielen. Vorher singt er aber ganz alleine und nur mit einer akustischen Gitarre und in diesem Moment steht er sinnbildlich nackt auf der Bühne. Der Andy, der es liebt, Musik zu machen, egal wie gross die Location ist, egal wie viele Menschen ihm zuhören. Authentisch, ehrlich, berührend. Sein Versprechen hält er natürlich und so beendet eine reduzierte und um Klassen besser Version von Razorlights «America», ein sehr intimes Konzert, dass den Eindruck der ersten paar Minuten komplett auf den Kopf gedreht hat. Manchmal täuscht der erste Eindruck. 

Patrick Holenstein / So, 31. Mär 2013